Komödie mit Musik und Brechungen

20. September 2013, 18:14
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Auftakt einer musiklastigen Saison: Marco Storman inszenierte Richard Strauss' "Der Rosenkavalier" mit überraschenden Steigerungen

Klagenfurt - Der Einstieg in die "Komödie mit Musik" von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal geriet noch weitgehend unspektakulär: Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg frühstückt im Himmelbett mit ihrem heimlichen Liebhaber, dem jugendlichen Octavian, genannt Quinquin. Palmen an den Wänden und vor dem Fenster verankern die Handlung im Rokoko und lassen eine biedere Inszenierung erwarten. Der Baron Ochs auf Lerchenau, ein unmoralischer Bonvivant, platzt herein, Quinquin verkleidet sich als Kammerzofe, und das Verwirrspiel kann beginnen.

Michael Eder als Baron Ochs singt souverän seinen Bass, die Arroganz und Frechheit seiner Rolle verkörpert er mit für die Oper ungewohnter Leichtigkeit, geradezu authentisch klingt sein Wienerisch, eine von Hofmannsthal erfundene Kunstsprache voller Anlehnungen ans Französische und Italienische. Auch Mezzosopranistin Angela Brower interpretiert sowohl stimmlich als auch schauspielerisch überzeugend die vielen Gefühlslagen des Quinquin. Betsy Horne ergründet mit ihrem klaren Sopran gefühlvoll das ambivalente Innenleben der melancholischen Feldmarschallin, verfällt jedoch teils in allzu statisches Proklamieren. Die Golda Schultz (Sopran) feierte als Sophie ihr zu Recht umjubeltes Debüt am Stadttheater.

Sophie, Tochter aus neuadeligem Haus, wurde Baron Ochs versprochen, ist aber von dessen rüpelhaftem Auftreten entsetzt. Quinquin, der als Rosenkavalier den Bräutigam zeremoniell ankündigen sollte, verliebt sich in Sophie. Entschlossen, die Ehe zu verhindern, fordert er Ochs gar zum Duell. Bis zu diesem Punkt agiert Regisseur Marco Storman zurückhaltend, ironisiert das adelige Treiben lediglich mit subtilen Details und einem verspielten Pan (Johannes Rauch). Mit dem Duell nimmt plötzlich das Surreale überhand. Ab nun fährt die Musik buchstäblich in die Körper der Darstellerinnen und Darsteller und treibt das Bühnengeschehen mit steigender Intensität an.

Übersinnliche Erscheinungen

Im dritten Akt gipfelt der Wahnsinn im Extrazimmer eines Wirtshauses. Ochs soll als untreu bloßgestellt werden und wird von Quinquin, nun wieder als Zofe verkleidet, in verführerischen Posen geneckt. Indes sorgt die Dienerschar für übersinnliche Erscheinungen, die Ochs an seinem Verstand zweifeln lassen. Storman inszeniert es als Horrortrip, immer mehr groteske Gestalten treten auf, die aus Tim Burtons Beetlejuice stammen könnten.

Storman verstärkt die Brechungen des Stückes, das inhaltlich und musikalisch zwischen Zeiten und Stilen pendelt. Auch Philipp Nicolais Bühnenbild spielt mit architektonischem Genremix und immer bedrohlicher ausgestalteten Wäldern. Das Kärntner Sinfonieorchester, nicht annähernd so üppig besetzt wie von Strauss vorgesehen, setzt die Komposition kraftvoll um. Alexander Soddy, Chefdirigent des Hauses, stellt hörbar neue Qualitätsmaßstäbe für das Stadttheater auf.

Die Interpretation wird dem Stoff auf moderne Weise gerecht, ohne aber Abokündigungen wie im Vorjahr zu riskieren.   (Martin Mittersteiner, DER STANDARD, 21./22.9.2013)

  • Sopranistin Betsy Horne ergründet gefühlvoll das ambivalente Innenleben der melancholischen Feldmarschallin.
    foto: christian kaufmann

    Sopranistin Betsy Horne ergründet gefühlvoll das ambivalente Innenleben der melancholischen Feldmarschallin.

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