Fall Kührer: Fliegen und ein Molotow-Cocktail

20. September 2013, 18:06
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Die Ursache für Julia Kührers Tod können die Sachverständigen beim Prozess nicht nennen – aber ihre Gutachten belasten den Angeklagten zumindest indirekt. Ein unbekannter Täter müsste eiserne Nerven haben

Korneuburg – Fliegen sind gemeinhin lästig. Aber im Prozess am Landesgericht Korneuburg um den Tod von Julia Kührer sind sie äußerst nützlich. Zumindest für Staatsanwalt Christian Pawle. Denn sie untermauern indirekt seine Theorie, dass der angeklagte Michael K. Kührer im Juni 2006 getötet und in einem Erdkeller auf seinem Grundstück im Bezirk Hollabrunn begraben hat.

Das kommt so: Sachverständiger Christian Reiter, der sich seit 35 Jahren mit insektenkundlichen Gutachten beschäftigt, erklärt dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Helmut Neumar, wann welche Fliegen ihre Eier in Leichen ablegen. Dabei spielen Schmeiß- und Stubenfliegen die entscheidende Rolle.

Aufschlussreicher Fund von Larvenhüllen

Aufgrund des Fundes von Larvenhüllen in der Nähe von Kührers Leiche und dem Entwicklungszyklus der Insekten kann der Experte sagen, dass die damals 16-Jährige frühestens zwei Tage nach ihrem Tod mit Diesel überschüttet und verbrannt worden ist.

Der 51-jährige Angeklagte leugnet ja vehement, etwas mit dem Verschwinden und dem Tod des Teenagers zu tun zu haben. Die Theorie von ihm und seinem Verteidiger Farid Rifaat: Ein Unbekannter habe die Leiche in den Erdkeller gebracht und die Überreste nach der versuchten Einäscherung am Ende des 15 Meter langen Ganges verscharrt.

Das Problem dabei: Nicht nur, dass der Unbekannte sich Zugang zum Grundstück verschaffen musste. Er müsste auch eiserne Nerven gehabt haben. Denn der Brandsachverständige Christian Tisch hat rekonstruiert, wie die Leiche Kührers im Eingangsbereich des Erdkellers verbrannte.

Eingewickelt in eine blaue Decke wurde die Leiche mit Diesel oder Heizöl Extraleicht übergossen und anschließend mit einem Molotow-Cocktail in Brand gesetzt, ist er sich sicher.

Denn diese Theorie hat er in einer Replik des Tunnels überprüft, dabei entstand die gleiche Spurenlage wie am Fundort der Leiche. Seine Erkenntnis: Das Feuer muss über zwei Stunden gebrannt haben, erst nach einer Minimalzeit von drei bis vier Stunden wäre der mit Rauchgasen gefüllte Keller wieder gefahrlos zu betreten gewesen. Ein Unbekannter hätte sich also lange auf dem Grundstück aufhalten müssen oder mehrmals wiederkommen müssen – immer in Gefahr, von Nachbarn gesehen zu werden.

Urteil möglicherweise am Dienstag

Weniger ergiebig ist die Expertise von Gerichtsmediziner Wolfgang Denk. Denn eine Todesursache könnte er am Skelett Kührers nicht mehr feststellen. Ein natürlicher Tod einer gesunden 16-Jährigen sei zwar höchst unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Etwa 20-mal komme das pro Jahr in Österreich vor.

Dass der Teenager erwürgt worden ist, sei aber ebenso möglich wie ein Tod durch Erstechen, falls nur Weichteile verletzt wurden. Selbst ein Faustschlag gegen den Kopf könne töten, ohne dass der Schädel bricht. Einen ausgeschlagenen Zahn wertet er als Indiz für einen Schlag – der Zahn könnte aber auch beim Sturz gegen eine Kante ausgebrochen sein.

Am Dienstag könnte es bereits ein Urteil geben. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 21./22.9.2013)

  • Sechs Gutachter versuchen, Details zum Tod von Julia Kührer und zur Beseitigung ihrer Leiche in einem Erdkeller zu erklären. Für Michael K. sind einige ihrer Expertisen zumindest nicht vorteilhaft.
    foto: apa/helmut fohringer

    Sechs Gutachter versuchen, Details zum Tod von Julia Kührer und zur Beseitigung ihrer Leiche in einem Erdkeller zu erklären. Für Michael K. sind einige ihrer Expertisen zumindest nicht vorteilhaft.

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