Mit der ÖVP im Shoppingcenter: "Ihr kämpfts wie die Löwen"

Reportage20. September 2013, 18:17
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Sachdiskussionen sind beim Wahlkampf im Einkaufszentrum fehl am Platz. Im Auhof-Center in Wien schüttelt Johanna Mikl-Leitner Hände und berät im Tausch fürs Kreuzerl bei der Wahl beim Schuhkauf

Wien - "Griaß eich, Jungs und Mädels! Alles okay?" So schnell können die Wahlhelfer mit ihren ÖVP-Broschüren und gelben Ballonen gar nicht schauen, da ist der Stargast der Veranstaltung mit dem Händeschütteln durch und schon an ihnen vorbeigestürmt. Exakt sieben Minuten zu spät ist Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zum nachmittäglichen Wahlkampftermin im Auhof-Center in Wien-Penzing erschienen. Am Eingang warten Landesparteiobmann Manfred Juracka und Nationalrat Wolfgang Gerstl. "Und da habts noch gar nicht ohne mich angefangen?", fragt Mikl-Leitner fast entschuldigend in die Runde. "Geh, bitte!"

Die Bezirksvertretung hat einen sogenannten Speakers' Corner mit den VP-Granden im Einkaufszentrum nahe der Autobahn-Westauffahrt organisiert. Ein Moderator steht mit Mikrofon wenig spektakulär vor einem Tisch unter einer Rolltreppe, dort soll die Interaktion der Politiker mit dem äußerst spärlich anwesenden Wahlvolk passieren. Diese Rechnung wurde freilich ohne Mikl-Leitner gemacht: Die Niederösterreicherin marschiert schnurstracks in ein Schuhgeschäft und schüttelt mit gekonntem Smalltalk die ersten Hände.

"Sehr nett und zugänglich"

"Ich weiß, wie Sie heißen", sagt Mikl-Leitner, als sie erfährt, dass die ältere Dame aus dem Dorf Unterstinkenbrunn kommt. "Hartmann, stimmt's?" Die Dame ist verblüfft. "War einfach", sagt Mikl-Leitner, die ebenfalls im Bezirk Mistelbach aufgewachsen ist. "Die halbe Ortschaft heißt ja so." So einfach lässt sich die Dame trotz einer eingängigen Verkaufsberatung der Innenministerin für das Kreuzerl bei der Nationalratswahl in einer Woche aber nicht überzeugen. "Sehr nett und zugänglich" ist Mikl-Leitner gewesen, sagt die Pensionistin. "Aber so schwer wie jetzt war's noch nie. Ich weiß nicht, wem man vertrauen kann." Eine von den zwei Großparteien wird's wohl werden. "Auf keinen Fall der Strache."

Mit dem ganzen Gefolge rauscht Mikl-Leitner weiter in ein Bekleidungsgeschäft, danach geht's in einen Schmuckshop und weiter zum Optiker. Nur vom Besuch des Erotikgeschäfts wird Mikl-Leitner vom Team abgeraten. "Gemma lieber zum Friseur." Ein Pensionist am Gang wirft den vorbeihetzenden Politikern und Wahlhelfern anerkennend zu: "Ihr kämpfts wie die Löwen."

Sachdiskussionen über politische Themen kommen beim persönlichen Kontakt mit den Bürgern freilich fast keine auf. Die kurze Gesprächszeit nützt Mikl-Leitner bemerkenswert, persönliche Berührungspunkte sind im amikalen Ambiente schnell gefunden: "Wir Frauen müssen zusammenhalten!", heißt es, oder: "Weil wir Niederösterreicher sind."

15 Shops in 70 Minuten

Und weil Wien ein Dorf ist, trifft Mikl-Leitner zufällig einen Bekannten. Der ist mit ihrem Bruder in die Volksschule in Großharras gegangen. Das Wiedersehen fällt herzlich aus. "Zuletzt haben wir uns vor sechs Jahren beim Feuerwehrheurigen in Großharras getroffen", sagt der Bekannte. "Da war sie noch lange nicht Innenministerin." Trotz der Bekanntschaft ist er noch "im Wiglwagl". Schwarz und Rot hat er beide schon gewählt. "Jetzt weiß ich es gar nicht mehr." Blau und Grün kommen auch nicht infrage, "die Grünen haben sich in letzter Zeit viel zusammengehauen".

Nach etwa 70 Minuten und rund 15 besuchten Shops ist Mikl-Leitner durch, im Stundentakt folgen weitere Wahlkampftermine in Favoriten, bei einem Fußballturnier in Kaisermühlen und bei einem VP-Meeting im Schweizerhaus. Eine Hand zum Schütteln geht sich aber noch aus. "Tuts ein bisschen sparen", ruft da plötzlich die ältere Dame im roten Mantel Mikl-Leitner hinterher. "Wir müssen es ja auch." Ganz kurz war da die Innenministerin sprachlos. (David Krutzler, DER STANDARD, 21./22.9.2013)

  • Wahlgekämpft kann überall werden. Nur vom Besuch des Erotikgeschäfts ist Innenministerin Johanna Mikl-Leitner von ihrem Team abgeraten worden. "Da gemma lieber zum Friseur."
    foto: christian fischer

    Wahlgekämpft kann überall werden. Nur vom Besuch des Erotikgeschäfts ist Innenministerin Johanna Mikl-Leitner von ihrem Team abgeraten worden. "Da gemma lieber zum Friseur."

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