Die Bewegung und das verschlampte Gedächtnis

20. September 2013, 16:29
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Nach mehr als anderthalb Jahrzehnten hat die Wiener Sportwissenschaft wieder einen habilitierten Historiker. Rudolf Müllner hat gleich begonnen, sein Netz auch über die Campusgrenzen zu werfen

Wien - Der Sport ist pure Gegenwart. Das ist sein Faszinosum, das er mit dem Theater teilt: dass die Sache im Augenblick des Geschehens auch schon wieder vorbei ist. Es bedarf einiger reflexiver Anstrengung, im Sport auch - oder vor allem - sein Gewordenes zu sehen; und wie dieses mit der Entwicklung der Welt als Ganzes zusammenhängt. Man sollte also nicht allzu streng sein mit den Studienplanentwicklern des universitären Sports. Die haben 1995, nachdem Johannes Strohmeyer, der einschlägige Doyen, emeritiert worden war, auf die Sportgeschichte einfach vergessen oder verzichtet, sie jedenfalls unter den Tisch fallen lassen.

Wiederauferstehung

Nicht, dass die Wissenschaft sich das Interesse an der Geschichte des Sports untersagt hätte. Ganz im Gegenteil, Politikwissenschafter, Kulturforscher, Soziologen und allgemeine Historiker entdeckten die Entwicklung der Leibesübung hin zum Massenevent als relevanten Forschungsgegenstand, den man nur den jungen Sportwissenschaftern droben auf der Schmelz nicht zumuten mochte.

Seit dem Vorjahr ist das nun anders. Mit Rudolf Müllner gibt es - manche sagen: endlich - wieder einen habilitierten Sporthistoriker, weshalb einschlägig interessierte Studentinnen und Studenten nunmehr auch einschlägig diplomarbeiten und dissertieren.

Der Forschungsschwerpunkt, den Müllner setzen möchte, hat sich in den mehr als anderthalb Jahrzehnten Geschichtsvakanz ein wenig verschoben. "Früher wurde viel Wert gelegt auch auf die Wurzelforschung, also den Sport in der Antike." Müllner interessiert Zeitgeschichtliches.

Und - das vor allem - die sozialen Basisfunktionen des Sports. Seine Habilitation trägt den nur aufs erste Hinschauen sperrigen Titel: "Perspektiven der historischen Sport- und Bewegungskulturforschung". Müllner "interessiert der Zusammenhang zwischen Bewegung und Identität". Und zwar nicht bloß im gängigen Sinn je nationaler Erbaulichkeit.

"Was wir sind, sind wir im Grunde ja nur durch Bewegung. Und zwar durch ganz bestimmte, kulturell vorgegebene. Früher haben die Mädchen einen Knicks gemacht, die Buben einen Diener, die Männer haben den Hut gelüpft." Auch das sei durchaus Gegenstand sporthistorischer Neugier.

Jedenfalls jener, die Rudolf Müllner im Auge hat, die nicht bloß übers Fach, sondern im gelungensten Fall auch weit über die Universität hinausgehen will. Im heurigen Frühjahr knüpfte Müllner als Sprecher der Sektion Sportgeschichte in der Österreichischen Sportwissenschaftlichen Gesellschaft ein Netzwerk, das über eine von ihm eingerichtete Mailing-Liste 80 europäische Sporthistoriker miteinander verbindet (- für einschlägig Interessierte: rudolf.muellner@univie.ac.at). Mit durchaus praktischen Konsequenzen.

Müllner erzählt von einem ungarischen Kollegen, der dem hartnäckigen Gerücht nachgehen wollte, die Rapid-Legende Franz "Bimbo" Binder sei SS-Mann gewesen und in Ungarn in Kriegsverbrechen verwickelt gewesen. Mit dieser Frage wandte er sich an einen ins Netzwerk Verwobenen. "Bald war die Sache aufgeklärt."

Bestandssicherung

Der ebenfalls im Netzwerk beheimatete Politologe Georg Spitaler, der diesbezüglich auch im Wiesenthal-Archiv Nachschau gehalten hatte, meldete sich umgehen: Das sei ein alter Hut und beruhe auf einer Namensgleichheit.

Die sporthistorische Vernetzung diene, so Müllner, vorerst der "Stärkung der Reflexionskompetenz", und zwar ausdrücklich nicht nur in Österreich. "Gerade in der sporthistorischen Perspektive kann man sich nur in weiteren Zusammenhängen orientieren." Nicht nur, aber vor allem geografischen.

Dieses Netzwerk hat freilich auch einen lauten, ja verärgerten Hintergedanken. Müllner möchte mit den Mitteln des Netzwerkers zumindest sichern, was noch da ist. "Es gibt unzählige Sammler, Vereinsarchivare, Menschen, die in ihrem Bereich historisch tätig sind. Unser Netzwerk soll auch die berücksichtigen, die nicht im universitären Zusammenhang arbeiten."

Hinauslaufen könnte - oder sollte oder müsste - das alles auf ein echtes Museum. "Das Wenige, das es gegeben hat, ist verschwunden." Der ÖFB hat sein Museum verräumt. Das durchaus eh schon traurige Olympiamuseum, das zumindest den Segen von Müllners Vorgänger hatte, ist ebenfalls verschwunden. "Der Sport", sagt der Professor, "hat in Österreich sein Gedächtnis verloren." Und ist deshalb bloß, was er halt ist. Dem Sport, das weiß Rudolf Müllner auch, ist's wurscht, dass er so unreflektiert daherkommt. Dem Land, in dem er geübt wird, dürfte es das aber nicht sein. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 21.9.2013)

  • Wer bewegt sich wann wo und zu welchem Behufe? Diese und ähnliche Fragen stellt Rudolf Müllner nicht nur sich, sondern auch seinen Studenten und Studentinnen.
    foto: standard/newald

    Wer bewegt sich wann wo und zu welchem Behufe? Diese und ähnliche Fragen stellt Rudolf Müllner nicht nur sich, sondern auch seinen Studenten und Studentinnen.

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