Ruf nach "journalistischem Darwin"

20. September 2013, 15:31
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Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche", vermisst "Widerspruchsfreude" in der Branche

Wien - Befragt man Roger Köppel zur Rolle des Journalismus für die Demokratie, fällt dem Schweizer Medienmacher die Antwort nicht schwer: "Das Aufdecken von Missständen und Problemen, was die Fähigkeit voraussetzt, diese zu identifizieren, und für eine Vielfalt von Meinungen und Positionen auf Basis von Fakten und Integrität zu sorgen." Mit seinen Berufskollegen geht der Chefredakteur und Herausgeber der "Weltwoche" allerdings hart ins Gericht. Denn der Rolle als "Bannerträger der Wirklichkeit" werden Journalisten aus seiner Sicht oft nicht gerecht.

"Medien müssen die Gesellschaft und die Politik mit der Realität konfrontieren, ihnen einen Spiegel vorhalten", erklärt Köppel. Statt diese "unbequeme Rolle" einzunehmen seien Medien aber meist "tendenziell zu wenig kritisch gegenüber der Obrigkeit" und viele Journalisten "zu konformistisch, zu konsenssüchtig, zu harmoniesüchtig". Eine Konsequenz daraus ist laut seiner Ansicht, dass oft "mehr oder weniger das Gleiche" voneinander abgeschreiben werde. Nachsatz: "Ausnahmen bestätigen die Regel."

Selbst in den Schlagzeilen

Wer nun bei diesen Worten Köppels eigenes Medium im Hinterkopf hat, liegt keineswegs falsch, kam die "Weltwoche" doch immer wieder aufgrund kontroverser Themen und Aufmacher in die Schlagzeilen. Zuletzt etwa im Vorjahr aufgrund eines Titelbilds, das einen kleinen Roma-Buben zeigte, der mit einer Pistole auf den Betrachter zielte. Die dazugehörige Schlagzeile lautete "Die Roma kommen: Raubzüge durch die Schweiz". Köppel zeigt zwar Verständnis, sollte jemandem das Foto zu sehr unter die Haut gehen. Aber das Problem sei ja nicht dieses Titelbild gewesen, sondern "dass Roma-Clans Kinder für kriminelle Zwecke einsetzen und hier eine Instrumentalisierung von Kindern stattfindet". Er sieht es als Aufgabe seiner Zeitschrift, "diese relevanten Themen zu bringen. Nicht weil man einen Aufreger provozieren will, sondern weil das ein seriöses Thema ist."

"Journalistischer Darwin"

Heikel ist aus seiner Sicht vielmehr die "unglaublich enge, auch ideologische Brille, mit der die Wirklichkeit angeschaut wird". Man müsse doch auch versuchen, umstrittene Persönlichkeiten wie Jörg Haider oder Silvio Berlusconi aus verschiedenen, dabei sehr wohl kritischen Blickwinkeln zu betrachten. Letztlich erkennt er im Journalismus "zu wenig Widerspruchsfreude und zu wenig Begeisterung, diese Gleichförmigkeit aufzumischen". Köppel plädiert dagegen für ein Formulieren neuer Thesen, quasi als "journalistischer Darwin, der eine Fehlbeurteilung entlarvt oder zumindest eine neue, wirklichkeitsgetreue Betrachtung zur Erweiterung des Meinungsspektrums offeriert".

Kein Imagepreis

Dass man sich damit auch von der Konkurrenz abheben könne, sei nichts weniger als eine journalistische Erfolgsstrategie. Sein Blatt habe sich von Beginn an durch eine "nonkonformistische Ader" ausgezeichnet. "Ich staune eigentlich, warum nicht alle so schreiben wie die 'Weltwoche'", lacht Köppel, der sich darüber im Klaren ist, dass "der, der ausschert und aus dem Konsens ausbricht, sich immer rechtfertigen muss. Der wird genau beobachtet und setzt sich Kritik aus." Aber genau dort, wo die Meinung am einhelligsten sei, müssten journalistische Instinkte ansetzen. "Auch wenn wir uns am Ende damit keinen Imagepreis holen."

Bei den kommende Woche in Wien stattfindenden Österreichischen Medientagen, in deren Rahmen Köppel am Dienstag über das Verhältnis von Journalismus und Demokratie diskutieren wird, sind auch die nicht zuletzt durch den digitalen Wandel erzeugten neuen ökonomischen Bedingungen der Branche ein großes Thema. Der Schweizer vertritt dabei eine nach eigener Ansicht "ganz konservative Auffassung". "Entscheidend ist die Marke 'Weltwoche'. Unser Anspruch ist, das unabhängigste, freidenkerischste, intelligenteste Rechercheblatt der Schweiz zu sein. Ich arbeite daran, diese Marke durch sehr gute Artikel zu stärken." Ob die "auf einer Papyrusrolle, einer Wachstafel oder einem flimmerndem Bildschirm" distribuiert werden, sei völlig sekundär.

"Es entscheidet der Inhalt. Und durch die neuen Medienkanäle haben wir einen sich exponentiell verschärfenden Wettbewerb", betont Köppel. Deshalb müsse man noch mehr leisten, um "über unsere eigene Überflüssigkeit hinweg zuschreiben". Angesichts der derzeitigen "Weltuntergangsstimmung" in der Branche würden die Zeitungen aber auch ein bisschen schlecht geredet werden. Wobei Köppel einen kulinarischen Vergleich heranzieht: "Wenn Sie in Wien nur fünf Restaurants haben, sind die immer voll. Aber wenn es plötzlich 1.000 gibt, dann müssen Sie sich anstrengen. Diese Situation ist psychologisch noch nicht ganz bewältigt." (APA, 20.9.2013)

Die Österreichischen Medientage beschäftigen sich kommenden Dienstag und Mittwoch ab 9.30 Uhr in zwei Sälen der Wiener Stadthalle mit dem Generalthema "Medien, Politik und Demokratie - ein Widerspruch?". Der Donnerstag widmet sich in der Stadthalle insbesondere digitalen Medien. Programm, Referenten und weitere Infos unter www.medientage.at

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  • Roger Köppel
    foto: standard/cremer

    Roger Köppel

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