Billiges Gewand aus Bangladesch: Boykott als Sackgasse

Blog24. September 2013, 13:04
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Seit dem Fabrikseinsturz im April stellt sich die Frage: Soll man auf Billigmode vollkommen verzichten?

Im April stürzte eine Textilfabrik in einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ein, 1.100 Menschen starben. Seither reißen die Proteste der Arbeiter nicht mehr ab, mehr als 80 Prozent von ihnen sind Frauen. Erst am Sonntag demonstrierten wieder zehntausende Textilarbeiter in Dhaka für höhere Löhne und einen sicheren Arbeitsplatz. Doch wie kann der Konsument in Österreich darauf reagieren? Mit einem Boykott der westlichen Konzerne, die in Bangladesch produzieren lassen? Nein, sagt Filmemacher Thomas Haunschmid. Trotz aller Sicherheitsmängel, niedriger Löhne und Schikanen der Näherinnen: Das wäre frauenpolitisch ein großer Rückschritt.

Für die Hilfsorganisation Care war Haunschmid mehrere Male in Bangladesch und hat einen Film über eine junge Näherin gemacht. In "The Hands that Sew Your Shirt" berichtet er von der 17-jährigen Sabina. Ihre Geschichte steht für die Situation vieler Frauen. Mit 13 Jahren wurde sie von ihrer Familie von ihrem Heimatdorf Siro Biro nach Dhaka geschickt, um die Familie finanziell zu unterstützen. Für Menschen ohne Berufserfahrung und Bildung ist die Arbeit in einer Textilfabrik ein schneller Weg, um Geld zu verdienen. Denn Bangladesch ist nach China der weltweit zweitgrößte Produzent von Textilien. 80 Prozent der Exporte des Landes im Wert von umgerechnet rund 19 Milliarden Euro im Jahr sind Kleidung und Schuhe.

Gemeinsam mit ihrer Tante und Cousine lebt Sabina in Mullar Busti, einem Slum, in dem es immer wieder zu sexuellen Übergriffen auf Frauen kommt. "In Bangladesch ist es nicht viel anders als in Indien. Die Dunkelziffer von Vergewaltigungen ist hoch", sagt Haunschmid. Zwischen den Hütten türmt sich der Müll, es gibt nur wenige Plumpsklos, Gas gibt es nur zu unregelmäßigen Uhrzeiten.

"Anfangs war es schwer, von meiner Familie getrennt zu sein", berichtet Sabina in dem Film. Trotz allem ist die Arbeit in der Stadt für sie die Chance auf ein anderes Leben. Ihre 14-jährige Schwester wurde bereits verheiratet. "Ohne diese Arbeiten wären die Frauen schon in sehr jungem Alter verheiratet worden", bestätigt Sayeeda Khan, Leiterin der Frauenorganisation Sheva in Bangladesch.

Besserer Lohn durch Bildung

Die Hilfsorganisation setzt darauf, dass sich die Frauen ihre Lebenssituation bis zu einem gewissen Grad selbst verbessern können. Sabina konnte sich durch eine Ausbildung über ihren Status als Helferin erheben. Damit ist sie nun offiziell Näherin und hat Anspruch auf den Mindestlohn von 45 Euro im Monat. Dieses Gehalt wurde von der Textilgewerkschaft in zähen Verhandlungen festgesetzt. "Gut Ausgebildete heiraten später, bekommen später Kinder, was sie aus der Armutsfall hinausführt", sagt Khan. Ein Totalboykott in Europa erleichtert also nur das eigene Gewissen, den Arbeiterinnen bringt das wenig. Jede geschlossene Firma würde die Frauen gesellschafts- und frauenpolitisch um Jahre zurückwerfen, sagt Khan.

Das Care-Projekt Seema betreut derzeit 1.800 Frauen. Neben der Verbesserung ihrer Nähkünste sollen die Frauen vor allem ermutigt werden, sich zusammenzuschließen und zu wehren: gegen Gewalt im Alltag und Ausbeutung in der Arbeit. Nach den langen Arbeitstagen, meist dauert eine Arbeitswoche bis zu 60 Stunden, treffen sich die Frauen noch, um lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Ein Teil des Trainings von Care war es, einfach die Arbeitszeiten genau zu dokumentieren und dafür den Lohn einzufordern, der den Näherinnen zusteht.

"Es verändert sich etwas seit dem Fabrikseinsturz im April, auch auf politischer Ebene", sagt Haunschmid. Selbst EU-Kommissar Karel de Gucht, der sonst sehr für freien Handel eintritt, setzt sich nun dafür ein, den Druck mit dem Mittel der Zölle zu erhöhen. Denn für Bangladesch gilt bisher das Abkommen, dass alles außer Waffen zollfrei in die EU exportiert werden darf. Zulieferfirmen sollen die Sicherheits-Mindeststandards einhalten. Bisher hat sich übrigens nur der Billigproduzent Primark bereiterklärt, den Opfern und Hinterbliebenen des Fabrikeinsturzes vom April Entschädigungen zu zahlen.

Eine Diskussion über "böse" Billigmarken findet Haunschmid jedoch teilweise obsolet: Auch teure Designermarken würden in den kritisierten Textilfirmen produzieren lassen. "Nur weil man mehr zahlt, heißt das nicht, dass die Arbeitsbedingungen automatisch besser werden. Wir Konsumenten als kritische Masse müssen Druck machen", sagt er. Dafür sei es sinnvoll, direkt bei den Modeketten nachzufragen, unter welchen Bedingungen das Gewand hergestellt wurde.

In der Schlussszene besucht Sabina nach eineinhalb Jahren wieder einmal ihre Familie im Dorf. Ihre Mutter eröffnet ihr, dass sie sie verheiraten will. "Davon will ich gar nichts hören", sagt Sabina schüchtern und gleichzeitig bestimmt in die Kamera. "Das Einzige, was ich will, ist arbeiten gehen." (Julia Schilly, derStandard.at, 24.9.2013)

The Hands that Sew Your Shirt
Filmdokumentation, Länge 48 Minuten, Bangla/Deutsch/Englisch mit deutschen Untertiteln

Die nächsten Termine

Salzburg
Cineplexx Salzburg City Fanny-von-Lehnert-Straße 4, 5020 Salzburg
25. September um 19:00 Uhr

Dornbirn
24. September, 22. Oktober
Dornbirn Spielboden, Färbergasse 15, 6850 Dornbirn
Beginn: 20:30 Uhr

Wels
24. September, mit anschließendem Filmgespräch
Programmkino Wels, Pollheimerstr. 17, 4600 Wels
Beginn: 19:30 Uhr

Linz
25. September
Moviemento, OK Platz 1, 4020 Linz
Beginn: 19:00 Uhr
Filmvorführung mit anschließender Diskussion. Am Podium: Thomas Haunschmid (CARE), Michaela Königshofer (Clean Clothes Kampagne),  Sabine Tobisch (Fachgruppengeschäftsführerin WKO Handel)

28. September
WearFair Messe
Seminarraum Tabakfabrik, Ludlgasse 19, 4020 Linz
Filmvorführung mit anschließender Diskussion
Beginn: 13:45 Uhr

Graz
26. September
Filmzentrum im Rechbauerkino, Rechbauerstraße 6, 8010 Graz
Beginn: 19:00 Uhr
Anschließend Filmgespräch und Ideenaustausch zu alternativer Mode mit der fairen Initiative re_dress

Feldkirch
5. Dezember
Theater am Saumarkt, Mühletorplatz 1, 6800 Feldkirch
Beginn: 19:00 Uhr
Filmvorführung mit anschließendem Filmgespräch.

www.care.at

  • Sabina näht in einer Textilfabrik Bekleidung, seit sie 13 Jahre alt ist. Ihre Schwester blieb im Dorf und wurde mit 14 Jahren verheiratet.
    foto: care/miguel dieterich

    Sabina näht in einer Textilfabrik Bekleidung, seit sie 13 Jahre alt ist. Ihre Schwester blieb im Dorf und wurde mit 14 Jahren verheiratet.

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