Soziale Netzwerke heizen Bandenkriege in Chicago an

22. September 2013, 12:29
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Kleinkriege auf Twitter und Co. fordern vermehrt reale Opfer

Über 500 Mordfälle verzeichnete die US-Metropole vergangenes Jahr. Ein Wert, mit dem man wesentlich einwohnerstärkere Städte wie Los Angeles oder New York übertrifft. Ein Grund dafür ist das Treiben unzähliger Gangs in den Straßen. Die rivalisierenden Banden haben mittlerweile soziale Medien entdeckt. Einträge auf Facebook und Co. heizen die Konflikte nun auch online an und sorgen für mehr reale Tote. Wired berichtet in einer ausführlichen Reportage.

Zumindest 850 verschiedene Gruppen zählt die örtliche Polizei in der Stadt am Ufer des Michigansees in Illinois. Sie dürften insgesamt rund 70.000 Mitglieder haben. Viele der Banden gehörden bestenfalls lose einem größeren Kollektiv an, ihre "Reviere" erstrecken sich nicht selten nur über ein paar Häuserblöcke oder eine bestimmte Schule oder einen Park.

Blutiger Rapper-Konflikt

Der bekannteste Fall der letzten Zeit, in dem ein virtueller Krieg zwischen zwei Banden fatale Konsequenzen in der Realität hatte, ist der Konflikt zwischen "Chief Keef" und "Lil JoJo", zwei Rapper aus dem Stadtteil Englewood. Keef ist ein 18-jähriger Rapper, sich während seines Hausarrestes – er hatte mit einer Waffe auf einen Polizisten gezielt – mit ein paar YouTube-Videos einen Vertrag mit dem Label Interscope Records gesichert hatte.

Eine seiner ersten Erfolgsproduktionen trägt den Titel "3hunna", eine Kurzbezeichnung für die Black Disciples-Gang. Im Lied richtet er sich gegen deren Lokalrivalen, die Tooka-Gang. Zu dieser zählt sich Lil JoJo, ebenfalls ein 18-jähriger Rapper, der sich eben zu jener Gruppierung zählt. Er reagierte mit einem Song, in welchem er einem von Chief Keefs Cliquenfreunden mit Mord droht. Der Beginn eines wochenlangen Kleinkriegs der beiden, hauptsächlich über Twitter und Co., der sich immer weiter hochschaukelte, so Wired.

Mord und Rache

Schließlich postete Lil JoJo ein Video, das ihn in einem Straßenzug zeigt, den die Black Disciples für sich reklamieren. In dem Clip beschimpft er eine Person, die ihm im Gegenzug droht, ihn umzubringen. Später, als er auf dem Gepäckträger des Rades eines Freundes die South Princeton Avenue entlang fuhr, wurde Lil JoJo von einem Unbekannten erschossen.

Kurz darauf fanden sich zwei neue Tweets im Account von Chief Keef, der sich offenbar über den Mord lustig machte. Allerdings behauptete dieser, dass sein Account gehackt worden sei und diese Nachrichten - die bis heute online sind - nicht von ihm stammten. Wenig überraschend führte der Vorfall zu weiteren Todesfällen durch Rachemorde. Bis heute – ein Jahr später – beziehen sich zahllose Kommentare, Einträge und Videos auf den Tod von Lil JoJo.

Geänderte Regeln

Soziale Medien scheinen die Dimensionen solcher Konflikte auszuweiten. Facebook und Co. machen es einfach, Mitglieder verfeindeter Gangs öffentlich zu beleidigen – nicht nur vor der eigenen Clique, sondern der gesamten Nachbarschaft und darüber hinaus. Der Logik der Straßenkriege folgend sehen sich die Betroffenen oft gezwungen zu Gewalt zu greifen, um ihr Gesicht zu wahren.

Nicht nur die grundsätzliche Organisation des Gangwesens hat sich geändert, auch die internen Spielregeln. Waren Banden vor wenigen Jahrzehnten noch straff hierarchisch organisiert, folgen sie heute oft nur einer losen Rangfolge. Wäre es damals Tabu gewesen, sich seiner Taten zu brüsten oder anderen öffentlich mit Mord zu drohen, sind Bilder von Gangmitgliedern mit Waffen und Drogen auf Instagram und Co. längst keine Seltenheit mehr, berichtet Wired. Ein Großteil der Gewalt geht nicht auf das Konto strategischer Angriffe, sondern basiert offenbar auf persönlichen Differenzen.

Hotspot Chicago

Dass die Situation in Chicago besonders dramatisch ist, belegen Zahlen der Polizei. Jugendliche in betroffenen Vierteln sind nicht selten aus Angst schwer bewaffnet. Die örtliche Polizei stellt pro Woche 130 illegale Schusswaffen sicher – mehr als die Kollegen aus New York und Los Angeles zusammen.

"Eine Handvoll junger Leute plus eine Auseinandersetzung plus Waffen ergibt Tote", sagt Harold Pollack vom Crime Lab der University of Chicago gegenüber Wired. "Das sind dumme, siebzehnjährige Totschläger. Das ist das heutige Ausmaß." (red, derStandard.at, 22.09.2013)

  • Was mit persönlichen Geplänkeln auf Twitter, Facebook und Co. beginnt, endet nicht selten in realen Gewaltakten.
    foto: lauren manning / cc by 2.0 - screenshots: twitter

    Was mit persönlichen Geplänkeln auf Twitter, Facebook und Co. beginnt, endet nicht selten in realen Gewaltakten.

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