György Dalos: "Die Qualität der Gesellschaft ist schlecht"

Interview20. September 2013, 17:18
12 Postings

Der ungarische Autor, der am Montag, den 23. September, seinen 70. Geburtstag feiert, über Erinnerungen, Judentum und Kapitalismus

Der ungarische Schriftsteller György Dalos wurde durch Romane und Geschichten wie Die Beschneidung, Der Versteckspieler, Der Gottsucher, Die Balaton-Brigade und zuletzt Der Fall des Ökonomen (2012) international bekannt. Sein Essay Vom Propheten zum Produzenten beschreibt den Funktionswandel der Literatur in den postkommunistischen Ländern.

Als Historiker veröffentlichte er u. a. 2011 eine Gorbatschow-Biografie; in vielen Essays und mit dem Buch Ungarn in der Nußschale ist Dalos ein wichtiger Vermittler ungarischer Geschichte und Mentalität in den deutschsprachigen Raum.

Er wurde am 23. September 1943 in Budapest geboren, 1962-1967 studierte er in Moskau Geschichte, 1964 erschien sein erster Gedichtband, und er trat in die Kommunistische Partei ein. 1968 wurde er als maoistischer Linksabweichler zu einer Haftstrafe verurteilt und arbeitete danach als Übersetzer, da er kaum publizieren konnte.

1977 war Dalos Mitinitiator der ungarischen Demokratiebewegung, 1987 kam er nach Wien, wo er bis 1995 hauptsächlich lebte. 1995-1999 war er Direktor des "Hauses Ungarn" in Berlin, wo er seither lebt. 2010 wurde er mit dem Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung ausgezeichnet.

STANDARD: György Dalos, Sie sind im September 1943 geboren. Haben Sie sich noch eigene Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg?

Dalos:  Obwohl ich keine Erinnerungsbilder an den Krieg hatte, fühlte ich mich, als ich 1956 in Ungarn die sowjetischen Panzer und diese ganze kriegsähnliche Situation sah, an etwas erinnert. Wir mussten in den Luftschutzkeller, und der kam mir irgendwie bekannt vor. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir sehr viele Kriegsfilme gesehen haben und daher auch alle damaligen Waffen kannten. Ich bin also ein Kriegskind, obwohl meine ersten bewussten Erinnerungen 1947 einsetzen.

STANDARD:  Was gehört zu diesen ersten Erinnerungen?

Dalos:  Ich habe 1945 meinen Vater verloren, und ich bin in mehreren jüdischen Kinderheimen aufgewachsen; an diese erinnere ich mich sehr gut.

Ich sitze also im Kinderheim, ich weiß, dass ich Halbwaise bin, die anderen sind Vollwaisen oder auch Halbwaisen - das ist auch eine Nachkriegssituation. Und wir bekommen irgendwelche Süßigkeiten aus einem Paket, und darauf steht: "Ein Geschenk des amerikanischen Volkes". Das war noch vor der Diktatur, und merkwürdigerweise erinnere ich mich an eine Szene: Ich gehe 1947 mit meiner Mutter in ein Zelt, und da finden die Parlamentswahlen statt - die letzten freien Parlamentswahlen.

STANDARD: Sie haben einmal geschrieben, dass Judentum für Sie lange Zeit das Wissen um die Geschichten von Menschen bedeutet hat, die im Holocaust umgekommen sind.

Dalos: An den Wochenenden war ich meist zu Hause, und so habe ich auch die Verwandtschaft oft gesehen, wobei "Verwandtschaft" nach dem Holocaust in Ungarn bedeutet, dass auch entfernte Verwandte an Wert gewinnen, weil es eben diese nahe Verwandtschaft nicht mehr gibt. Man erzählte die ganze Zeit; die 1950er-Jahre bestanden aus Erzählungen der Großmutter, der Mutter und der Verwandten, was mit wem geschah, und das war so eine Art Imperium, das meist von Menschen bewohnt wurde, die es nicht mehr gab, aber ich kannte sie fast persönlich. Die ganze Sippe - von all diesen Leuten habe ich nie jemanden gesehen, aber ich kannte ihr Leben, ihre Gewohnheiten; sie waren irgendwie doch lebendig.

STANDARD:  Wie sind Sie nach Moskau gekommen?

Dalos:  Irgendwann gegen Ende der 1950er-Jahre kam ich mit Freunden zum Verband der kommunistischen Jugend. Ich hatte damals meine ersten Gedichte veröffentlicht und war gewissermaßen der Stolz des Gymnasiums; der Direktor ließ mich rufen und überreichte mir den Fragebogen für die Aufnahme an der Moskauer Universität.

STANDARD: Wann sind Sie eigentlich ironisch geworden? Als Kommunist waren Sie ja nicht ironisch.

Dalos: Als Lyriker war ich alles andere als ironisch, ich war pathetisch. Als Privatperson war ich immer die Witzquelle in der Gesellschaft. Mein privates Ich war auf Humor und Ironie gebaut, und als Dichter führte ich einen heroischen Kampf gegen diesen Witz. Denn als ich Gedichte zu schreiben begann, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass das etwas Ernsthaftes ist. Die Ironie wuchs vor allem als Selbstironie. Sie beginnt Ende der 1960er-Jahre, als ich meine Situation plötzlich überblickte und versuchte, daraus nüchterne Konsequenzen zu ziehen. Diese Ironie hat mich vor vielem gerettet, aber nicht vor allem, denn ganz unbeschadet sind wir natürlich nicht davongekommen. Einen Zukunftsglauben zu verlieren - das hat bei mir einen bleibenden Schaden verursacht.

STANDARD:  Wann haben Sie ihn verloren?

Dalos:  In den 1970er-Jahren. Ich war immer noch ein Anhänger des Sozialismus, und wenn Kommunismus für mich heute ein historischer Begriff ist, hat das Wort Sozialismus noch eine positive Komponente für mich - in dem Sinn, dass ich den Kapitalismus nie geliebt habe: Ich halte den Kapitalismus nicht für die beste aller Gesellschaften. Und wenn man das, was nach 1990 in Ungarn passiert ist, teilweise auch als Folge seiner eigenen Tätigkeit sieht, so ist das kein angenehmes Gefühl.

Ich spreche jetzt nicht von der derzeitigen Regierung, sondern: Wir wollten eine Demokratie; wir wollten diese Diktatur abbauen, und das war richtig. Aber das, was geschah, war Anfang der 1990er-Jahre die Verelendung von zigtausend Menschen, ein massenhafter Abbau der Kultur - man kann diese Bilanz nicht einfach umgehen. Du warst daran beteiligt, du wolltest das. Und das ist keine geringere Verantwortung als diejenige der Kommunisten, die behaupten, dass sie die klassenlose Gesellschaft aufbauen wollten. Ich wollte die Demokratie - und wo sind wir jetzt?

STANDARD:  Hatten Sie im Jahr 1989 die Hoffnung, dass jetzt eine positive Entwicklung beginnt?

Dalos:  Ich war skeptisch, weil ich bereits im Westen lebte und bestimmte, vor allem kulturelle Folgen des Kapitalismus gesehen habe - ich sah diese Massenkultur früher als die durchschnittlichen Ungarn. Ich war skeptisch, weil ich mir von Anfang an zwei Fragen stellte: Was holen die Ungarn aus dieser Demokratie heraus, und was kann die Demokratie aus den Ungarn herausholen? Denn gegen alle Behauptungen, dass die Geschichte zu Ende geht, war ich sicher, dass die Geschichte so intensiv beginnt wie noch nie. Und die große Frage ist nicht, ob ein System sich etablieren kann, sondern: Was geschieht mit den Millionen Menschen, für die das einen historischen Stress bedeutet?

STANDARD:  Leiden Sie an den derzeitigen politischen Zuständen in Ungarn?

Dalos:  Je länger ich diese ungarische Geschichte betrachte, desto mehr Probleme habe ich damit, weil ich sehe, dass hier mehr kaputtgeht, als dass nur eine schlechte Regierung eine schlechte Politik macht. Ich habe den Eindruck, dass die Kultur bergab geht, dass in Ungarn etwas wahnsinnig schlecht läuft. Ich klage jetzt niemanden an, aber ich sage, dass die Qualität dieser Gesellschaft noch nie so schlecht war wie jetzt - nicht nur der Staat, sondern auch die Gesellschaft.

STANDARD:  Vermissen Sie es, einer Gruppe anzugehören - so wie einst den Kommunisten, den Dissidenten?

Dalos:  Nein, diese Sehnsucht nach einem Kollektiv habe ich nicht mehr. Außerdem kann man in Ungarn nie wissen, ob eine Gruppe, die heute zusammenhält, morgen noch miteinander spricht. Zu meinem 50. Geburtstag konnte ich noch eine Fete machen und alle alten Freunde einladen. Beim 60. wäre schon ein Teil von ihnen nicht gekommen, weil sie die andere Hälfte nicht haben wollten, und zum 70. bin ich nicht sicher, ob ich hingehen würde. Denn diese Gesellschaft ist dermaßen gespalten und schizophren geworden, dass ich diese Gruppen eher meide. Man muss immer einer Meinung sein. Wir haben zwar eine Demokratie, aber sie besteht aus einer Vielfalt von einzig möglichen Meinungen.

STANDARD:  Mit welchem Gefühl werden Sie 70?

Dalos: 70 Jahre bedeuten, dass man weniger vor sich als hinter sich hat. Deswegen versucht man das vielleicht so zu kompensieren, dass man mehr in der eigenen Vergangenheit lebt, was für einen Schriftsteller auch einen gewissen Nutzen bringen kann. Außerdem glaube ich, dass ich aufgrund meines Alters vieles kenne und erlebt habe, was jüngere Generationen nicht kennen. Und Schreiben ist für mich eine Sache der Erinnerung. Es ist wieder etwas anderes, dass sich während des Schreibens die Erinnerung verselbstständigt, und dann beginne ich mich an Sachen zu erinnern, die in dieser Form gar nicht geschehen sind. Aber das ist auch Vergangenheit, und die Form meiner Erzählungen ist die Vergangenheit.    (Cornelius Hell, Album, DER STANDARD, 21./22.9.2013)

György Dalos, geboren am 23. September 1943 in Budapest, ist Autor, Historiker und Übersetzer. Er gehörte 1977 zu den Gründern der demokratischen Oppositonsbewegung in Ungarn. Dalos lebt als freier Autor in Berlin.

  • "Ich war skeptisch, weil ich mir von Anfang an zwei Fragen stellte: Was holen die Ungarn aus dieser Demokratie heraus, und was kann die Demokratie aus den Ungarn herausholen": György Dalos.
    foto: brigitte friedrich

    "Ich war skeptisch, weil ich mir von Anfang an zwei Fragen stellte: Was holen die Ungarn aus dieser Demokratie heraus, und was kann die Demokratie aus den Ungarn herausholen": György Dalos.

Share if you care.