Mit kreativer List zum Ersatzsohn

20. September 2013, 17:14
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Von geheimnisvollen Riten und Artefakten, lebenslanger Faszination, einer lesenswerten Sammlerbiografie und dem aktuellen Angebot bei Stammeskunst

Bei einer Begegnung sollte es nicht bleiben, aber das konnte Lisa Zeitz damals nicht wissen. Am 16. September 2005 traf die damalige FAZ-Korrespondentin Werner Muensterberger, den Psychoanalytiker und leidenschaftlichen Sammler afrikanischer Artefakte, in seinem Apartment an der Upper East Side. Dort wartete eine andere Sphäre: überall unheimliche Masken und Fetische. "Über dem Esstisch hing ein russschwarzes Relief aus Pavianschädeln und Knochen, das Relikt einer Zeremonie in der Savanne. Auf der Kommode reckte eine Orchidee ihre gefleckte Blüte zu einer Maske herüber, die nur aus drei ominösen Öffnungen bestand und abgrundtief böse wirkte. Sie erinnerte mich an Darth Vader", formuliert Zeitz ihre ersten Eindrücke.

Der zugehörige Artikel erschien fünf Monate später. Bis zum Tod Muensterbergers im Frühjahr 2011 trafen die beiden einander regelmäßig, im März dieses Jahres folgte die von Zeitz, zwischenzeitlich Chefredakteurin der Weltkunst, verfasste Biografie.

Diese zeichnet den Lebensweg des 1913 als Sohn eines jüdischen Unternehmers Geborenen nach; wirft Schlaglichter auf berufliche Erfolge als Psychoanalytiker und berühmte Patienten wie Laurence Olivier, James Dean oder Marlon Brando; beschreibt seine Faszination für afrikanische Kulturen sowie die daraus genährte Sammelleidenschaft. En passant fließen Beschreibungen und interessante Hintergrundinformationen zu Objekten ein, die jene Leser zu begeistern verstehen, für die Ahnenmasken aus dem Kongo und zugehörige Riten noch ein Buch mit sieben Siegeln sind. Lesenswert, jedoch mit einer gewissen Ansteckungsgefahr verbunden.

Hierzulande werden Begehrlichkeiten auf dem Gebiet der Stammeskunst, deren geografischer Angebotsradius Afrika, den Orient, Asien, Indonesien, Ozeanien und Amerika umfasst, seit 2011 zweimal jährlich über das Dorotheum bedient. Das Debüt im Mai 2011 gilt bis heute als erfolgreichste (657.500 Euro brutto, Verkaufsquote 91 Prozent) Auktion.

Koloniales Kuriosum

Kommende Woche (25. 9.) steht im Dorotheum der Herbsttermin auf dem Programm. Zu den erklärten Höhepunkten des Angebots gehören 14 Objekte aus der Skulpturensammlung von René Clemencic, im "Zivilberuf" Musikwissenschafter, Mittelalter-Musik-Koryphäe, Dirigent, Musiker und auch Komponist. Darunter etwa eine indonesische Steinskulptur aus dem 19. Jahrhundert, die ehemals ein Grab zierte (60.000-80.000 Euro): Sie zeigt eine Figur, die auf einem mythischen Tier reitet, dem sogenannten "Singa", einem Schutzgeist, der jedoch nur die Seelen der "Großen" (Könige, Fürsten, bedeutende Priester) ins Jenseits trug.

Bereits im 17./18. Jahrhundert oder auch früher wurde wiederum ein indonesischer Sarkophag in Schiffsform ausgeführt - eine Variante, die gemäß der strengen hierarchischen Ordnung auf Sulawesi nur Fürsten vorbehalten war. Ob Clemencic in diesem musealen, auf 40.000 bis 50.000 Euro taxierten Objekt wohl seine Notenblätter verwahrte? Wer weiß.

Gesichert ist hingegen, dass es sich bei einem Holzhelm aus dem Kongo um eine Besonderheit aus der Kolonialzeit handelt. Der Fantasie-Helm orientiert sich am europäischen Vorbild und wird von einer typischen Yombe-Figur "bekrönt". Die Erwartungen für das aus einer amerikanischen Sammlung kommende Kuriosum beziffert Experte Erwin Melchardt mit 1.400 bis 1.800 Euro.

Etwas skurril mutet hingegen die "Si gale-gale"-Marionette an (12.000-14.000), ein von der indonesischen Volksgruppe der Karo-Batak kreierter Ersatzsohn. Denn stirbt ein Mann, muss dessen erstgeborener Sohn die tagelangen Bestattungszeremonien durchführen. Ist kein männlicher Nachkomme vorhanden, so gilt dies als großes Unglück, da die Totenseele des Verstorbenen im Jenseits nur Anspruch auf einen untergeordneten Rang hätte.

Eine Schmach, die man mit kreativer List zu verhindern wusste: Man kreierte den Typus eines künstlichen Sohns, eine Gliederpuppe, die über Seilzüge gesteuert wird. Nach der Zeremonie wanderte er wieder in seine Kiste.    (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 21./22.9.2013)

Lisa Zeitz: "Der Mann mit den Masken - Das Jahrhundertleben des Werner Muensterberger", € 25,70 / 335 S., Berlin Verlag, 2013.

  • Dieser Sarkophag in Schiffsform (Indonesien, 17./18. Jh.; 40.000- 50.000 Euro) war nur Fürsten vorbehalten und bis vor kurzem Teil der Sammlung von René Clemencic.
    foto: dorotheum

    Dieser Sarkophag in Schiffsform (Indonesien, 17./18. Jh.; 40.000- 50.000 Euro) war nur Fürsten vorbehalten und bis vor kurzem Teil der Sammlung von René Clemencic.

  • Aus dem Kongo stammt dieser am europäischen Vorbild orientierte Helm, den eine Figur der Yombe ziert (1.400- 1.800 Euro).
    foto: dorotheum

    Aus dem Kongo stammt dieser am europäischen Vorbild orientierte Helm, den eine Figur der Yombe ziert (1.400- 1.800 Euro).

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    foto: berlin verlag
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