Abseits der großen Romane

20. September 2013, 17:23
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Zwei große Amerikaner erzählen Privates: Über "Weiter weg" von Jonathan Franzen und "Winterjournal" von Paul Auster

Der Vergleich hält nicht auf ganzer Linie, aber unbestritten haben die beiden neu erschienenen Bücher der beiden großen US-Romanciers einiges gemeinsam. Zunächst einmal: Es sind in beiden Fällen keine weiteren großen Romane, sondern Bücher, die, jedes auf seine Weise, sehr Persönliches über deren Verfasser preisgeben.

Bei Jonathan Franzens bereits zu Jahresbeginn 2013 erschienenem Weiter weg (in der englischen Originalausgabe von 2012: Farther away) handelt es sich um die gewissermaßen wildere Mischung, konkret eine Sammlung von Texten: Essays, Reportagen und Kurzgeschichten, die der heute 54-jährige Autor in dem großzügigen Zeitraum zwischen 1998 und 2011 verfasst hat, also teilweise noch vor dem Erscheinen seiner beiden großen Romane Die Korrekturen (2001) und Freiheit (2012).

Paul Auster hat im Gegensatz dazu mit seinem Winterjournal (in den USA auch bereits 2012 erschienen) ein durchgehendes Stück ohne jegliche Kapitel geschrieben, ein Journal, weniger im Sinne eines assoziativen Notizbuchs, sondern eher eine Art rückblickendes Tagebuch, wer möchte, auch eine Lebensbilanz des heute bereits 66-Jährigen. Auster geht dabei trotz der losen Form oft äußerst systematisch vor, zum Beispiel indem er mit dem Leser durch alle Wohnungen und Häuser (und damit durch alle Lebensabschnitte von der Kindheit bis zur Gegenwart) geht, in denen er je gelebt hat. "Einundzwanzig Haltepunkte also", wie er selbst resümiert, "fast zwei Dutzend Adressen auf dem Weg zu der einen Adresse, sie sich als ständig erweisen könnte (oder auch nicht)".

Die Parallelen dieser, nennen wir sie: "Zwischenwerke" sind evident. In beiden geht es viel um Liebe, bei Franzen die zur Literatur, zu den Menschen und Vögeln, bei Auster die zu seiner zweiten Frau (der Schriftstellerin Siri Hustvedt), mit der er nun seit 30 Jahren zusammenlebt, zu seinen Kindern und zum Schreiben.

Beide Schriftsteller geben ungeheuer intime Momente preis. Franzen in den Gedanken zur Liebe zwischen seinen Eltern, Auster hingegen beschreibt den Tod seiner Mutter und wie dieser ihn sprichwörtlich niedergestreckt hat.

Ornithologen sei Weiter weg noch einmal mehr ans Herz gelegt, denn nicht nur in einem Essay wird klar, ein wie passionierter Vogel-Liebhaber Jonathan Franzen ist, wie sehr ihn deren Leid betrifft. Berührend deshalb auch das Eingestehen des großen Autors, dass er sich selbst "in der Freude an den Vögeln entkommen konnte" im Gegensatz zu seinem Freund und Kollegen, der am 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien, Selbstmord beging - David Foster Wallace sich nicht.

Bei den beiden großen US-Autoren geht es unter anderem um Rückschläge, erfolglose Anfangszeiten, das Scheitern von ersten Ehen und den Tod der eigenen Eltern. In der Beschreibung des Erlebten nehmen Franzen wie auch Auster dem Leben gegenüber eine eindeutig demütige Haltung ein, wie sie vielleicht nur älter werdende Männer einnehmen können, die nicht mehr um Anerkennung kämpfen müssen, weil sie die schon einmal bekommen haben.

Weniger enttäuschend als vielmehr überraschend ist die Tatsache, dass beide Bücher nicht so durch Brillanz als vielmehr durch Menschlichkeit bestechen. Es geht um das Leben und um dessen Unwägbarkeiten, insofern ist auch Franzens deutscher Titel ein doppelsinniger und das "weg" ließe sich als "Weg" interpretieren. Keine Frage, dass beide, Franzen und Auster, einen weiten Weg gegangen sind. Wie schön und tröstlich, dass sie manche Stationen für uns mitgeschrieben haben.   (Mia Eidlhuber, Album, DER STANDARD, 21./22.9.2013)

  • Jonathan Franzen, "Weiter weg". € 19,95 / 364 Seiten. Rowohlt-Verlag 2013
  • Paul Auster, "Winterjournal". € 19,95 / 253 Seiten. Rowohlt-Verlag 2013
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    foto: rowohlt-verlag
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