Sabine Gruber: Und ich?

22. September 2013, 17:00
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Mach mich unsterblich, sagt er. Du hast auch Kinder gezeichnet, Söhne und Töchter von prominenten Bürgern der Stadt. Er macht eine Pause. Oder bin ich dir nicht prominent genug?

 

I.

Warum nicht mich, sagt er zu ihr, warum all die anderen. Seit vier Monaten sind sie ein Paar. Sie malte die Erben des Grauens, gesichtslose Flüchtlinge, die im Wasser trieben, an die sich niemand erinnern würde. Statt der Menschen lebte das Meer fort, vom Blau übermalte Körper, eingedunkelte Gesichter. Die Umrisse erkannte man nur, wenn das Licht günstig fiel. Außerdem fertigte sie ein Familienbild vor der Villa eines Tabakfabrikanten, eine Abendtafel im Grünen. Dieses Gruppenbild würde ebenso wenig Bestand haben wie der Platzhalter der Dynastie, denn sie hatte das Abendmahl nicht in ihren Katalog aufgenommen, und das Bild war in den Privatgemächern des Industriellen verschwunden.

Dich? Warum sollte ich. Sie setzt sich und nippt an einem Glas, in dem das Leitungswasser bereits warm geworden war. Ich liebe den Rohbau, sagt sie, nicht das fertig verputzte Haus. Sie steht auf und küsst ihn. Er lässt es sich gefallen, erwidert den Kuss nicht, streicht nur kurz über ihren Unterarm - es soll nicht nach Absicht aussehen. Er hätte das Geld, sich von wem anderen malen zu lassen, aber er wünscht, dass sie sich seinetwegen bemüht, sähe darin einen Liebesbeweis.

Einmal hast du sogar einen Bankdirektor porträtiert, sagt er, obwohl er weiß, dass sie sich für diese Auftragsarbeit schämt. Er hatte dabei zugesehen, wie sie mit wenigen Pinselstrichen die Schatten unter dessen Augen übermalt hatte, sodass die strengen Gesichtszüge mit einem Mal in einem anderen Licht erschienen - zuversichtlicher, als habe es die Finanzkrise nie gegeben.

Ich will doch nicht, dass du erstarrst, sagt sie, wirft die Haare nach hinten und zieht eine Grimasse. Sie hat die Augen weit aufgerissen und ihre Zunge herausgestreckt. Während er ihre nach oben gezogenen Mundwinkel betrachtet, fällt ihm Jack Nicholson als Clown ein. Er hatte die Fotografie in einer Galerie in Berlin wiedergesehen, und obwohl nur das Vogelgezwitscher aus dem Hinterhof durch die Fenster der ehemaligen Mädchenschule hereingedrungen war, hatte er den Schauspieler lachen hören. - Die mein Bild betrachten, werden es zum Leben erwecken, sagt er.

Aber - Kein Aber, sagt er. Doch, sagt sie. Die hier - sie tippt auf eine seiner Stirnfalten - wird nur eine unbewegliche Linie sein. Eine Zeile, sagt er, für Noten oder Sätze. Für abartige Überlegungen, die mir die Betrachter des Bildes unterstellen werden. Ich werde Dinge sagen, die ich nie gesagt habe, und Gedanken haben, die ich nie gedacht habe - auch dann noch, wenn ich längst tot bin. Mach mich unsterblich, sagt er. Du hast doch auch Kinder gezeichnet, damals, Söhne und Töchter von prominenten Bürgern der Stadt. Er macht eine Pause, sieht sie an. Oder bin ich dir nicht prominent genug? Hast du ihn wiedergesehen? Wen? Sie dreht sich von ihm weg, geht zum Fenster. Ihn, sagt er.

Sie denkt an das Schwarzgeld, das sie auf der Toilette des Restaurants heimlich nachgezählt hatte, bevor sie in den Gastraum zurückgekehrt war, wo der private Sammler gewartet hatte. Ich zeichne keine Kinder mehr. Du lenkst ab. Den Promi. Ihn? Sie lacht. Ja, ihn. Ich habe ihn nicht gesehen. Ich habe gearbeitet. Du warst gestern nicht zu Hause. Ich war im Atelier, sagt sie. Dort war es auch dunkel. Vielleicht bin ich auf der Liege eingeschlafen.

Wie blass er aussieht, denkt sie. Vielleicht stimmt es doch, dass das menschliche Gesicht die unterhaltendste Fläche auf der Erde ist. Sie fand diesen Sudelsatz von Lichtenberg immer unkorrekt. Wer als kleines Kind mit der Nase seiner Mutter gespielt und die Finger in deren Mund gesteckt hat, weiß, dass von Fläche keine Rede sein kann. Aber ihn - ihn würde sie flächig malen. Großflächig. - Spionierst du mir nach?

Ich hab dich gesucht, sagt er. Aus Sehnsucht.

Sehnsucht? Sie lacht. Dein Synonym für Kontrolle, sagt sie. Man müsste dich mit vier Augen malen, eine Halbfigur - Eine halbe Figur? - mit nacktem Oberkörper, und statt der Brustwarzen wachsen zwei Teleobjektive aus der Haut. Er schaut sie an. Ich mag deine Brustwarzen, sagt er.

II.

Er ist abgereist, hat ihr wieder zwei Fotos gemailt. Dann kannst du schon mit der Arbeit anfangen. Ich zahl dich auch gut. Auf beiden verbirgt er mehr, als er zeigt. Er erscheint ihr unecht, als hätte sich die Lebensähnlichkeit im Moment der Aufnahme verflüchtigt.

Die Gesichtszüge, weiß sie, sind vom Schädelbau geprägt. Sie hat kein Gefühl in ihren Händen, tastet ihren eigenen Kopf ab, als könnte sie mit diesen nervösen Fingerbewegungen ihn begreifen. An manchen Stellen ist ihm das Alter anzusehen, die Haut löst sich, seine Mimik hat tiefe Falten um die Mundwinkel und auf der Stirn hinterlassen. Sie kennt schönere Gesichter, kennt Zeichnungen - Krähenfüße, Tränensäcke und Verästelungen -, die eine größere Ausdrucksfähigkeit bezeugen. Er hat etwas Glattes, wenig Ausdifferenziertes. Sie mag ihn, weil er sie fürsorglich belagert.

Sie zoomt das heran, was ihn umgibt: den Ausschnitt eines unscharfen Fensterrahmens, ein mit Rotwein gefülltes Glas auf dem Tisch hinter ihm - ikonografischen Überschuss, Gegenstände, die wegzuräumen er verabsäumt hat. Er trinke nicht mehr. Der Widerspruch steckt im Zufall, denkt sie. Obwohl er weiß, dass sie aus dem Gedächtnis arbeitet und nicht nach fotografischen Vorlagen, schickt er ihr nun schon zum dritten Mal Selbstaufnahmen. Nimm sie als Erinnerungsstützen. Er habe die Kamera abends aufs Fensterbrett gestellt und im Zehnsekundentakt Bilder von sich geschossen. Sie wünscht, sie könnte die sehen, die er von sich gelöscht hat, eingefangene (und wieder freigelassene) Gesichter mit halb offenen oder geschlossenen Augen, mit verzogenem Mund, zerzaustem Haar. Das dümmliche Grinsen. Den überraschten Augenaufschlag. Sekundenbruchteile von unachtsamen, unkontrollierten Bewegungen. Bedeutungslose Lichtübertragungen.

Sie fährt den Computer herunter und setzt sich an den Tisch. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Wie immer um diese Zeit hört sie den anderen sprechen, den Promi. Der andere moderiert die Tagesschau; sie lächelt ihn an. Sie denkt an die frühen Nachmittage im Stundenhotel, an die zugezogenen Vorhänge und die viel zu weichen Matratzen, die - könnten sie sprechen - von verzweifelten Umarmungen, Küssen und Liebesakten erzählten.

Wie immer erhält sie während der Übertragung der Fernsehsendung Kurznachrichten von ihrem Freund; er hat die Angewohnheit, jeden Satz extra abzuschicken, als wolle er den einzelnen Mitteilungen durch einen Piepton Nachhall verleihen. Ich vermisse dich. Piep. Kommst du voran? Piep. Wie ist das Wetter? Piep. Was machst du heute? Bleibst du zu Hause?

Gegen Mitternacht ruft er sie an, sie nimmt seine Stimme mit in den Schlaf, träumt von seinem Körper, von einer lebensgroßen Figur, die sich auf ihrem Holztisch ausbreitet, ein in dünnen Schichten lasierter Ölfarbe gemalter Mann, der sich nicht mehr fortbewegt. Wie besessen versucht sie das schmutzige Geschirr, das sich in den letzten Tagen angesammelt hat, vom Tisch zu räumen, aber es wächst ständig nach. Sie wacht in dem Moment auf, als eine der Porzellantassen auf den Boden fällt.

Auf ihrem Holztisch liegen leere Blätter, und das Geschirr in der Küche ist ganz.

III.

Die Bilder verschwinden hinter Rümpfen und Köpfen; die meisten Besucher stehen mit dem Rücken zu den Gemälden, unterhalten sich laut, einige drängen in die beiden kleineren, hinteren Räume. Sie begrüßt Bekannte, umarmt Kollegen. Schön, dass du gekommen bist. Zwischen den vom Schweiß glänzenden Gesichtern erscheinen ihr die eigenen Arbeiten matt und kühl.

An ihrem Handgelenk ist der Geruch des anderen. Noch bewegen sich in ihrer Erinnerung die Vorhänge im Fenster des Hotels.

In der Galerie steht die Luft. Manche benutzen die Einladungskarte als Fächer, eine Frau bläst sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, eine andere betupft die Stirn mit einem Papiertaschentuch.

Der Bankdirektor nickt ihr vom Eingang her zu. Ihr Freund ist noch nicht da; er ist vor einer knappen Stunde gelandet, wird bald eintreffen. Ich vermisse die Flüchtlingsbilder, sagt die Frau mit dem Papiertaschentuch; ein weißhaariger, schwarzgekleideter Mann mit teurer Armbanduhr lobt das Porträt eines Jünglings mit verrutschter Krawatte. Sie hört mit halbem Ohr zu, behält die Tür im Auge, vor der ein Dutzend Besucher steht und raucht.

Nichts Neues, sagt eine andere Frau zu ihrem Begleiter, er versetzt ihr mit dem Ellbogen einen kleinen Stoß in die Seite; die Frau im Strandkleid dreht sich um und kichert. Die Figuren, sagt der Galerist wenig später, leben von der Abwesenheit jener, die sie repräsentieren. Konzentrierte Blicke auf die Gemälde. Noch während der Galerist spricht, sieht sie ein Taxi vorfahren. Ihr Freund springt aus dem Fond des Wagens, holt seinen Trolley aus dem Kofferraum. Er zieht ihn ungeschickt hinter sich her, die Straße ist gepflastert. Sie bemerkt seinen leicht schwankenden Gang, die Vorfreude in seinen Augen.

Er winkt ihr zu, fährt mit dem Trolley über den Fuß einer Dame. Sein Blick sucht die Wände ab; er neigt den Kopf nach links, dann wieder nach rechts, stellt sich sogar auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe hinweg Ausschnitte der Bilder zu erhaschen.

Der Galerist hat aufgehört zu sprechen. Der Freund parkt seinen Trolley neben dem Eingang, drängelt sich zu ihr durch. Er zieht sie an sich, umarmt sie, während die Besucher noch applaudieren. Einige sind schon zum Tisch gegangen, auf dem Weinflaschen und Gläser bereitstehen.

Ich freu mich so. Sie riecht seinen Atem, hält sich das Handgelenk vor die Nase. Er lässt von ihr ab, geht in die hinteren Räume. Sehr schön, sagt der Bankdirektor, ich gratuliere. Die Frau mit dem Papiertaschentuch wird gestoßen und lässt ihr Glas fallen. Der weißhaarige Mann mit der teuren Armbanduhr fragt nach dem Preis des Jünglings. Ihr Freund kommt zurück; er bleibt mitten im Raum stehen, bewegt sich nicht. Und ich? Alle drehen sich nach ihm um. Wo hänge ich? Sie geht zum Tisch, füllt Wein in ein Glas, bringt es ihm. Du bist an dir vorbeigegangen, sagt sie leise.     (Sabine Gruber, Album, DER STANDARD, 21./22.9.2013)

Sabine Gruber, geb. 1963 in Meran, ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien ihr Roman "Stillbach oder die Sehnsucht" (C. H. Beck 2011).

Am 26. September wird im Essl-Museum die Ausstellung "Sehnsucht Ich" eröffnet. Sabine Gruber hat für den Katalog diese Kurzgeschichte geschrieben.

  • Schriftstellerin Sabine Gruber.
    foto: standard / heribert corn

    Schriftstellerin Sabine Gruber.

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