Jobrisiko Alter? Eine Frage des Individuums

23. September 2013, 17:00
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Zählt man mit 45 Jahren bereits zum alten Eisen? Karriereexperten sagen Nein, Statistiken geben zu denken - Die Antwort liegt wie so oft in der Mitte

Wien - Menschen älteren Semesters sind stark von Arbeitslosigkeit betroffen, das zeigt die Statistik des Arbeitsmarktservice (AMS). Ende August 2013 waren in Österreich mehr als 263.000 Personen arbeitslos gemeldet, dazu kommen noch 60.000 Leute, die sich in Schulungen befinden. Im Vergleich zum Vormonat sind das um 13,1 Prozent mehr Arbeitslose. Bei den über Fünfzigjährigen waren 63.203 Personen ohne Job, was einem Anstieg von 22 Prozent entspricht. Prozentuell gesehen stieg die Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe am stärksten.

Geburtenstarke Jahrgänge rücken nach

Ein Grund für das unrühmliche Plus ist laut Arbeitsmarktexperten die demografische Entwicklung. Geburtenstarke Jahrgänge rücken verstärkt in diese Altersgruppe nach. Aber auch gesundheitliche Beeinträchtigungen, Burnout, geringere Flexibilität oder höheres Gehalt werden als Ursachen genannt. Für das AMS wird die zunehmend älter werdende Klientel zur großen Herausforderung, denn die Reintegration in den Arbeitsmarkt ist für diese Zielgruppe wegen fehlender Arbeitsplätze besonders schwierig. Laut einer im Vorjahr durchgeführten Umfrage der Arbeiterkammer Oberösterreich bekam nur jeder dritte Arbeitslose über 45 vom AMS ein adäquates Jobangebot. Fast die Hälfte gab ferner an, keine passenden Qualifizierungsangebote zur Verbesserung der Jobchancen erhalten zu haben.

Karriereexperten: Sehr wohl Chancen

Demgegenüber steht das Ergebnis einer Umfrage des Netzwerks "Karriereexperten.com" unter seinen Mitgliedern. Von 55 Coaches und Beratern waren 45 der Meinung, dass man mit 45 noch nicht zu alt für den Arbeitsmarkt sei. Damit unterscheidet sich die Expertenmeinung von der landläufigen Bewerbersicht, die allerdings oft auf vielen Vorurteilen beruht. Die Experten sind sich einig, dass das Profil des Bewerbers letztendlich entscheidend sei und dass 45-Jährige in den besten Berufsjahren stünden. Ist eine geringere Qualifikation erforderlich und sind persönliche Fähigkeiten weniger wichtig, würden Jüngere punkten - nicht zuletzt auch aufgrund niedrigerer Gehaltserwartungen. Gehe es aber um Erfahrung, Branchenwissen und persönliche Stärke, seien Ältere im Vorteil.

Die Diskrepanz zwischen diesen Expertenmeinungen und dem Alltag der Betroffenen rühre daher, dass ältere Bewerber oft nicht die Qualifikationen vorweisen können - wie beispielsweise im Umgang mit Computern oder Sprachkenntnisse - die aktuell Standard sind, sich zu wenig weiterbilden oder schlicht und ergreifend die falschen Stellen auswählen, bei denen sie in unmittelbarer Konkurrenz zu jüngeren Bewerbern stehen, heißt es in der Befragung von "Karriereexperten.com".

Firmen von den Qualitäten überzeugen

Elisabeth Weghuber von der Personalberatung "Secretary Search" konstatiert für Arbeitnehmer über 45 Jahren häufig zusätzliche Barrieren: "Im direkten Vergleich hat eine 35-jährige Arbeitnehmerin bei gleicher Qualifikation im Allgemeinen bessere Chancen als ihre 45-jährige Kollegin", meint sie zu derStandard.at. Eine Rolle spiele dabei das unterschiedliche Gehaltsniveau. Sie empfiehlt, Widerständen auf den Grund zu gehen und gegen Vorurteile anzukämpfen. Firmen ließen sich sehr wohl von den Qualitäten Älterer überzeugen: "Erfahrung, Ruhe und der Blick für das Wesentliche sind nur drei Eigenschaften, die ältere Arbeitnehmer weit häufiger mitbringen als jüngere Mitarbeiter. Ältere haben außerdem regelmäßig weniger private Verpflichtungen als jüngere Kollegen." Kinder agieren meist schon eigenständig, die Familienplanung sei oft bereits abgeschlossen.

Profilierungsdrang nicht so ausgeprägt

Weitere Pluspunkte seien eine gefestigtere Persönlichkeit und stabilere Lebensumstände: "Sie müssen sich nicht mehr ständig beweisen und sind damit häufig bessere Teamplayer", so Weghuber, die gleichzeitig vor allzu billigen Klischees warnt, denn: "Mitarbeiter über 45 sind genau wie jene unter 45 Individuen. Das heißt, es gibt flexible 45-Jährige und unflexible 25-Jährige, in sich ruhende, vernünftige 30-Jährige und hitzköpfige 50-Jährige."

Bei der Jobsuche rät sie, selbstbewusst mit dem Alter umzugehen: "Positionieren Sie Ihr Alter und Ihre Erfahrung im Bewerbungsprozess als Stärke. Als Bewerber über 45 bringen Sie nicht nur Berufserfahrung, sondern auch eine Menge Lebenserfahrung in ein Unternehmen mit ein." (Gerold Holzinger, derStandard.at, 23.9.2013)

  • Ältere Arbeitnehmer seien nicht mehr so agil und flexibel, um die Dynamik am Arbeitsmarkt zu meistern: In der Tonart werden ältere Arbeitnehmer oft diskreditiert. Das Alter bringe aber viele Vorteile mit sich, kontern Karriereexperten. Unternehmen sollten sich diese Qualitäten zunutze machen.
    foto: apa/dpa/stratenschulte

    Ältere Arbeitnehmer seien nicht mehr so agil und flexibel, um die Dynamik am Arbeitsmarkt zu meistern: In der Tonart werden ältere Arbeitnehmer oft diskreditiert. Das Alter bringe aber viele Vorteile mit sich, kontern Karriereexperten. Unternehmen sollten sich diese Qualitäten zunutze machen.

  • Ältere Arbeitnehmer sind in Österreich überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen.
    grafik: apa

    Ältere Arbeitnehmer sind in Österreich überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen.

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