Es quillt, es quillt, es quillt

22. September 2013, 18:29
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Mineralwasser ist zum Trinken da, oder auch zum Baden. Beides hat Tradition im Unterengadin

Bonifatius, Carola, Lucius oder ­Lischana. Das sind keine Heiligen oder anderweitig verbriefte Heldinnen. Für das, was sie sind, werden sie aber durchaus geschätzt und verehrt: Mineralquellen mit heilender Wirkung. Über zwanzig von ihnen entspringen dank einer tektonischen Besonderheit im Umkreis der 2200-Einwohner-Stadt Scuol im Unterengadin. Paracelsus hat sie bereits 1533 in seinen medizinischen Schriften erwähnt. Und ihretwegen hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts ein reger Wellness-Tourismus entwickelt, der dem heutigen an Eleganz und Luxus weit voraus war. Kein Wunder, war er doch nur exklusiven Kreisen erschlossen.

Ein besonderes Zeugnis dieser Zeit ist die Trinkhalle von Tarasp direkt am Innufer. Ihre mondäne Architektur erinnert trotz der kleinen Dimension (heute wären solche Gebäude mindestens dreimal so groß) an jene glanzvolle Epoche, als sich hier der europäische Hochadel kurieren ließ. Sogar Zar Nikolaus II. war wegen der Heilquellen da. Aus Bauernhäusern wurden reihum Hotels, bereits 1864 wurde das Kurhotel Tarasp eröffnet, 1896 das Grandhotel Waldhaus Vulpera.

Autofahren war verboten

Bis zum Ersten Weltkrieg er­lebte dieser Bädertourismus seine Hochzeit. Autofahren war in Graubünden bis zum Jahr 1925 verboten, dafür tummelten sich Kutschen über die Landstraßen. Ab genau 1925 ging es touristisch dann bergab, so Rolf Zollinger, Mineralwasserexperte und ehemaliger Kurhotelier.

Er führt ein Grüppchen Journalisten durch die für die Öffentlichkeit derzeit nicht zugängliche Trinkhalle Tarasp, rätoromanisch Büvetta genannt. Der dahinterliegende Hang droht auf sie herabzurutschen. Erste Maßnahmen zur Geländesicherung wurden bereits getroffen, initiiert vom Verein Pro Büvetta, der 2012 mit dem Ziel gegründet wurde, die Trinkhalle zu neuem Leben zu erwecken.

Wenn man die 1875/76 errichtete Halle betritt, meint man in einem Bühnenbild der Theatermacherin Anna Viebrock gelandet zu sein, in einem Raum, in dem die Zeit stehengeblieben ist, verlassen und scheinbar vergessen, und in dem nur mehr wenige Details an die Lebendigkeit von einst erinnern. Hier stehen dick verstaubte Gläser in den Regalen der hangseitigen Verkaufsläden und finden sich alte, einst der Orientierung dienende, heute rätselhafte Schriftzüge an den Wänden. Gurgelraum" ist dabei noch leicht zuzuordnen.

Bausünden

Die Wandelhalle selbst, in der man einst trinkend durch die Glasfront auf den grünen Inn hinausblickte, ist heute von sogenannten Akustikplatten vertäfelt, eine architektonische Bausünde der 1960er-Jahre, als man noch einmal mit einem Innovationsschub den Bädertourismus ankurbeln wollte. Darunter verbirgt sich wunderschönes Arvenholz, das es freizulegen gilt.

Eine Rundumsanierung steht also an. Nach sechs bis acht Millionen Schweizer Franken, die dafür nötig wären, wird derzeit gefahndet. Und Rolf Zollinger lässt keinen Zweifel daran, dass das auch gelingen wird. Er steht im Herzen des langgezogenen Gebäudes, der mit großen Säulen geschmückten Marmor-Rotunde, und teilt bei den großen Portalen der Quellen Trinkbecher aus. Ihm schmeckt das Wasser vorzüglich, den Gästen vorerst weniger: Glaubersalzwasser, das der Entschlackung dient. Bonifazius, Emerita und Luzius, alles Kaltwasserquellen, die hier an dicken kupfernen Wasserhähnen entnommen werden und schwefelig riechen.

Die Luzius-Quelle ist eine der stärksten Glaubersalzquellen Europas, Lischana ist eine Bittersalzquelle. Beide werden neben Bonifazius- und der Sfondrazquelle für therapeutische Zwecke eingesetzt. Mit einem Becher bewehrt, kann aber auch jeder Spaziergänger entlang des Mineralwasserwanderwegs, der bei der Trinkhalle vorbei- und über schöne Waldwege durch das Inntal führt, ohne ärztliche Verordnung seinen Durst löschen.

Eiserne Wasserreserven

Apropos Durst löschen: Nicht aus allen Dorfbrunnen, die es in den Unterengadiner Ortschaften immer gibt, sollte achtlos getrunken werden – die rostrot gefärbten Wasserhähne gebieten Vorsicht. Gästebetreuer Peter Langenegger erzählt bei einem Stadtrundgang in Scuol von einem Spitalsaufenthalt, den ihm einst eine Überdosis Wasser beschert hat. Nach einer schweißtreibenden Wanderung hat er sich damals ohne Augenmaß am klaren Nass bedient. Der enorm hohe Eisengehalt aber legte seinen Kreislauf lahm.

Die Dorfbrunnen sind charakteristisch für das bäuerliche Leben im Engadin. Hierher hat man früher die Tiere zur Tränke geführt. Um Herdenkollisionen zu vermeiden – sprich zu sehen, wann die  Tiere des Nachbarbauern fertiggetrunken hatten, um die eigenen Kühe, Pferde oder Schafe loszuschicken –, sollte jedes Haus direkte Sicht auf den Brunnen haben. Manches Mal mussten dafür Erkerfenster eingebaut werden, von denen heute noch viele an den Fassaden erhalten sind.

Bäder- und Trinkkuren kannten schon die Römer, und sie haben uns gelehrt, dass dabei auch das Vergnügen nicht fehlen darf. Das Thermalbad von Scuol, Bogn Engiadina genannt, ist zwar weit entfernt von einem Entertainmentareal, im Gegenteil, es geht gemächlich und ruhig zu, aber das Baden hier hat seine Lustbarkeiten. Im Außenbecken der unprätentiös ausgestatteten Anlage schwimmt man vom Wasserstrom angetrieben in Bahnen spaßig im Kreis – mit Blick auf die Engadiner Dolomiten.

Schloss Tarasp

Weiter geht's ins Schlosshotel Chastè Tarasp. Der vor 400 Jahren errichtete, ehemalige Bauernhof wird heute von Daniela und Rudolf Pazeller als Vier-Sterne-Hotel geführt und befindet sich seit 21 Generationen im Besitz der Familie. Die Gerichte, die der Hausherr selber kocht und die in der rustikalen Schlossstube serviert werden, gehen mit den Geschichten Rudolf Pazellers Hand in Hand: Er hat 1971 als junger Mann für den Schah von Persien gekocht, die "Feige à la Persepolis" auf dem Speiseplan erinnert bis heute daran.

Ein kleiner Spaziergang hinauf auf eine hundert Meter hohe Anhöhe führt zum Schloss Tarasp, dessen Errettung vor der Verwahrlosung ebenfalls dem heilenden Quellwasser in der Region von Scuol zu verdanken ist. Eine tausendjährige Geschichte hat das exponiert gelegene Gebäude bereits hinter sich. Ursprünglich im Besitz der Familie der Tarasper sowie der Bischöfe von Chur, war das Schloss ab 1464 eine österreichische Grafschaft, zurück in Schweizer Hand, fehlte dem jungen Kanton Graubünden das Geld für den Erhalt.

Bis 1900 der Dresdner Indus­trielle Karl August Lingner hier auf Kur weilte und die Ruine unter seine Fittiche nahm. Die Erfindung des Mundwassers Odol, das damals reißenden Absatz fand, hat seinen Reichtum begründet. Dieser kam dem Schloss Tarasp zugute.

Lingner ließ von der renommierten Dresdner Firma Jehmlich eine Kirchenorgel einbauen und stattete das vollständig geplünderte Schloss wieder mit isolierenden und wärmenden Arventäfelungen aus. Sommers werden Konzerte gegeben, aber auch Bräute haben hier schon gefroren. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, Album, 21./22.9.2013)

Diese Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus und Swiss ­International Air Lines.

  • Wasser spielte im Unterengadin immer eine tragende Rolle: Schloss Tarasp verdankt seinen heutigen Glanz einem Mundwasser,...
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    Wasser spielte im Unterengadin immer eine tragende Rolle: Schloss Tarasp verdankt seinen heutigen Glanz einem Mundwasser,...

  • ...die alte Trinkhalle am Inn dürstet nach einer Wiederöffnung...
    foto: margarete affenzeller

    ...die alte Trinkhalle am Inn dürstet nach einer Wiederöffnung...

  • ...und die Architektur ganzer Dörfer orientierte sich daran, dass alle direkten Blickkontakt zum Brunnen haben.
 
    copyright by switzerland tourism by-line: st/swiss-image.ch

    ...und die Architektur ganzer Dörfer orientierte sich daran, dass alle direkten Blickkontakt zum Brunnen haben.

     

  • Europas höchstgelegener Arvenwald.
Service:
Anreise zum Beispiel mit Swiss International Air ­Lines mehrmals täglich von Wien nach Zürich und von dort weiter mit der Bahn nach Scuol-Tarasp. Es geht aber auch von Landeck/Tirol mit dem Bus über die Grenzstation Martina direkt nach Scuol. Das Bussystem ist im Unterengadin sehr gut ausgebaut und überaus verlässlich (für Wintergäste mit Skiausrüstung gibt es eigene Sportbusse). 
Mit dem Regio-Express der Schweizer Bundesbahnen kommt man bequem nach Davos oder St. Moritz, wo man in den Glacier-Express umsteigen kann. Infos unter www.swiss.com, www.swisstravelsystem.com, www.rhb.ch, www.glacierexpress.ch.
Ein 400 Jahre alter Bauernhof unterhalb des Schlosses Tarasp wird heute von Daniela und Rudolf Pazeller als Vier-Sterne-Hotel geführt. DZ ab CHF 145,– pro Person, wahlweise buchbar mit vier- oder sechsgängigem Abendmenü um jeweils zusätzlich CHF 70,– bzw. CHF 85,–: www.schlosshoteltarasp.ch. 
Im Ortskern von Scuol liegt das Hotel Belvédère: www.belvedere-scuol.ch. Trinkkuren im Thermalbad Scuol: www.rehazentrum-scuol.ch, Mineralwasserwanderweg entlang des Inn: www.mineralquellen-scuol.ch. Weitere Infos unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/100 200 30, via info@myswitzerland.com oder www.MySwitzerland.com.
    copyright by switzerland tourism by-line: swiss-image.ch/max schmid

    Europas höchstgelegener Arvenwald.

    Service:

    Anreise zum Beispiel mit Swiss International Air ­Lines mehrmals täglich von Wien nach Zürich und von dort weiter mit der Bahn nach Scuol-Tarasp. Es geht aber auch von Landeck/Tirol mit dem Bus über die Grenzstation Martina direkt nach Scuol. Das Bussystem ist im Unterengadin sehr gut ausgebaut und überaus verlässlich (für Wintergäste mit Skiausrüstung gibt es eigene Sportbusse).

    Mit dem Regio-Express der Schweizer Bundesbahnen kommt man bequem nach Davos oder St. Moritz, wo man in den Glacier-Express umsteigen kann. Infos unter www.swiss.com, www.swisstravelsystem.com, www.rhb.ch, www.glacierexpress.ch.

    Ein 400 Jahre alter Bauernhof unterhalb des Schlosses Tarasp wird heute von Daniela und Rudolf Pazeller als Vier-Sterne-Hotel geführt. DZ ab CHF 145,– pro Person, wahlweise buchbar mit vier- oder sechsgängigem Abendmenü um jeweils zusätzlich CHF 70,– bzw. CHF 85,–: www.schlosshoteltarasp.ch.

    Im Ortskern von Scuol liegt das Hotel Belvédère: www.belvedere-scuol.ch. Trinkkuren im Thermalbad Scuol: www.rehazentrum-scuol.ch, Mineralwasserwanderweg entlang des Inn: www.mineralquellen-scuol.ch. Weitere Infos unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/100 200 30, via info@myswitzerland.com oder www.MySwitzerland.com.

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