Strenge Erziehungsmethoden

Kolumne25. September 2013, 18:22
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Die Weinpflanze ist eh eine brave - Lediglich ihrem natürlichen Trieb, immer zu weit oben oder unten zu sprießen, muss mit Nachdruck Einhalt geboten werden

Wein, Vitis vinifera, gehört zu den dankbarsten Zombies. Zombie ist eine beliebte Umschreibung unter Gartlern und steht für "nicht umzubringende Pflanzen". Bereits mehrmals gestorben und fast schon entsorgt, streckt und reckt der anscheinend Tote, knapp vor der Häckselmaschine, einen frischen Trieb gen Himmel. Mit einem leisen "gerettet!" lässt sich der Wein zum x-ten Mal in frisches Erdreich drücken, angießen und vom Gartler kopfschüttelnd wiederbeleben.

Nächstes Jahr, so schwört sich der Wein, werde ich durchhalten. Ich werde nicht so tun, als sei ich erfroren. Ich werde keine tödliche Pilzerkrankung vortäuschen, und bestimmt werde ich nicht mehr vorgaukeln, mich hätte eine Vireninfektion dahingerafft. Ich werde strahlen und gesunde Triebe sonder Zahl wider die Schwerkraft von mir strecken, gesundes Laub tragen und mein Herrl im September mit dekorativen, drallen Trauben verwöhnen.

Starke Hand in sicheren Zeiten

Jedoch, so hofft der Wein, bekommt er dafür auch die entsprechende Pflege. Was braucht es dazu? In erster Linie wenig. Das heißt: wenig Dünger, wenig Wasser und wenig Pflanzenschutz. Und es braucht auch ein wenig Schatten sowie Windstille. Dann gelingt selbst dem einfältigsten Gartler eine satte Ernte.

Darüber hinaus verlangt ein Weinstock nach einer starken Hand, selbst in sicheren Zeiten. Strenge Erziehung muss sein, sonst bereitet der Wildwuchs nur Sorgen. Beginnend knapp über dem Boden sollte der Gartler die sogenannte Veredelungsstelle - also dort, wo das Edelreis auf die Unterlagsrebe trifft -, stets gut mit Erdreich bedecken. Sonst treibt ein Trieb von der Unterlagsrebe aus.

Oberhalb dieser Stelle kann man die alten, langen Triebe des Vorjahres stehen lassen. An deren Enden wachsen dann die neuen Triebe aus, mit denen etwa eine Pergola formschön begrünt wird.

Stockerziehung

Manche Gartler wollen aber lieber die sogenannte Cordon-Erziehung durchführen. Das ist die in Österreich häufigst angewandte Form der Stockerziehung. Dazu werden zwei bis drei vorjährige, möglichst stocknahe Triebe links und rechts des Stamms in die Horizontale heruntergebogen, fixiert und auf gut einen halben Meter gekürzt. Alle anderen Triebe werden entfernt. Dadurch sind sämtliche Augen auf gleicher Höhe und wachsen entsprechend gleichmäßig aus.

Wein will eigentlich immer aus dem stamm- und bodenfernsten Auge austreiben - dies gilt es beim Cordonschnitt zu verhindern. So steht einer satten Septemberernte nichts mehr im Weg. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 20.9.2013)

Tipp: Wer keine Zores mit den Reben haben will, greift zu Selbst- oder Direktträgern. Sie sind gegen Infektionen resistent, haben gesundes Laub und nach Erdbeeren duftende Trauben - gepresst kennt man diese als Uhudler.

  • Die Weinpflanze ist unter Gartlern auch als Zombie, weil nicht umzubringen, bekannt.
    foto: apa/dpa/iby

    Die Weinpflanze ist unter Gartlern auch als Zombie, weil nicht umzubringen, bekannt.

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    foto: piet de kersgieter
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