Ballade pour Angie

19. September 2013, 19:37
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Wahlwerbespot der CDU zeigt Großfürstin Merkel allein zu Hause, traurig, aber bereit

Es ist viel angenehmer, über die Nachbarn zu ätzen, als vor der eigenen Haustür zu kehren. War es schon immer, wird es immer bleiben, und in Wahlzeiten gibt es dafür Opfer genug. Stecken wir unsere Nase also in die deutsche Vorwahlzeit. Und wollen wir mit Häme über den Wahlwerbespot der CDU herfallen, ein Video mit Kanzlerin und Kanzlerkandidatin Angela Merkel, das auf Youtube sogar schon die Kreation von Entgegnungsvideos evoziert hat.

Neuland

Angela Merkel sitzt im roten Jackett im Fauteuil, von einer wie eine schwindlige Fliege agierenden Kamera umkreist. Mit ernster Miene und durchaus trauriger Stimme heftet sie Sätze aneinander, die eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Deutschlands geben - inklusive woher kommen wir, wohin gehen wir. "Manchmal betreten wir auch Neuland", räumt Merkel ein.

Und da eilt dann eine Art Richard-Clayderman-Melodie zu Hilfe mit Gitarren und Klavierklängen und fängt die betretene Stimmung auf. Hebt sie - Schnitt - auf einen Balkon, von dem aus Merkel auf die vielen Baukräne Deutschlands hinabblickt, die irgendwann allen ein Heim geben werden oder zumindest eine neue Bushaltestelle an der Ecke.

Zurück im grauen Merkel-Zimmer, bittet die Kanzlerin ihr Volk um Unterstützung. Na klar, sitzt sie doch völlig allein sinnierend in einem bis auf den Fauteuil unmöblierten Raum, in dem der einzige Farbklecks sie selber ist. Großfürstin Merkel allein zu Hause, traurig, aber bereit. Dieses triste Selbstverständnis, wie eine Liveschaltung ins Königreich Pipi und Popo aus Georg Büchners "Leonce und Lena", hat letztlich mehr Effekt als die Ärmelaufkrempel-Performances actionreicher Schmunzelpolitiker. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 20.9.2013)

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