Arktische Meereis-Schmelze geringer als im Vorjahr

19. September 2013, 19:47
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Eisfläche insgesamt größer als 2012, Packeisgrenze weicht aber zurück - Experten sehen keine Trendwende

Die sommerliche Eisschmelze in der Arktis ist in diesem Jahr weniger dramatisch ausgefallen als 2012, teilten Experten des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) Bremerhaven und der Universität Hamburg in einer Aussendung mit. Das im September ermittelte Durchschnitts-Minimum der Meereis-Fläche habe bei 5,1 Millionen Quadratkilometern betragen und liege damit rund 50 Prozent über dem bisherigen Negativrekord von 3,4 Millionen Quadratkilometer im Jahr 2012.

"Dieser Wert bedeutet allerdings keine Trendwende", lautet die gemeinsame Einschätzung der Meereisphysiker Marcel Nicolaus Lars Kaleschke. Die beobachteten Werte würden sich vielmehr in die Entwicklung der letzten Jahre einreihen und die langfristige Abnahme der arktischen Meereisdecke bestätigen. "In diesem Jahr war nicht mit einem neuen Negativ-Rekord zu rechnen, denn die Statistik zeigt, dass auf ein Rekordjahr stets eine kurzfristige Erholung folgt", erklärte Kaleschke. Trends könnten nur über längere Zeiträume richtig erfasst werden.

Starke Schwankungen

Neben den Eisbedingungen im Frühjahr und den atmosphärischen Bedingungen des Sommers hätten zahlreiche weitere Faktoren Auswirkungen auf das Ausmaß der sommerlichen Schmelze . So beeinflusse beispielsweise die vorherrschende Windrichtung maßgeblich, ob Eisflächen auseinandergetrieben oder zusammengeschoben würden. Schon ein geringer Temperaturanstieg reiche aus, um die insgesamt immer dünner werdenden Eisflächen ganz verschwinden zu lassen, so der Physiker Nicolaus. Vor diesem Hintergrund rechnen die Wissenschaftler auch in den nächsten Jahren mit starken Schwankungen der sommerlichen Meereisbedeckung in der Arktis.

Eine Besonderheit des diesjährigen Sommers: Die Grenze des kompakten Packeises – also jener Flächen mit mehr als 90 Prozent Eisbedeckung – wich nördlich der russischen Inselgruppen Franz-Josef-Land und Sewernaja Semlja bis hinter den 88. Breitengrad zurück. Seit Beginn der Satellitenmessungen ist dies einmalig. 

Offenes Wasser näher am Nordpol

Zudem wurden vermehrt große Flächen offenen Wassers zwischen dem 87. und 88.  Breitengrad verzeichnet, also nur noch rund 220 Kilometer vom Nordpol entfernt. In den 1990er Jahren lag die sommerliche Packeisgrenze noch bei etwa 80 bis 82 Grad nördlicher Breite. Dies belege, dass sich die arktische Eisdecke grundlegend gewandelt habe: Dort wo einst dickes mehrjähriges Packeis vorgeherrscht habe, finde sich nun vorwiegend saisonales Eis, berichtete Kaleschke.

Mit der einsetzenden Gefrierung in der zweiten Septemberhälfte wird die eisbedeckte Fläche wieder zunehmen und die maximale Ausdehnung zum Winterende im März des kommenden Jahres erreichen. Der langfristige Trend zur Abnahme der arktischen Meereisbedeckung sei aber ungebrochen, so die Experten. (red, derStandard.at, 19.9.2013)

  • Meereisphysiker Nicolaus bei Messungen an einem Schmelzwassertümpel.
    foto: stefan hendricks, alfred-wegener-institut

    Meereisphysiker Nicolaus bei Messungen an einem Schmelzwassertümpel.

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