Berauschter Aufbruch in die Wildnis

19. September 2013, 18:19
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Zwar heißt die große Herbstausstellung der Albertina "Matisse und die Fauves", die Arena für die "wilden Tiere" bietet aber auch Matisses wilden Kollegen wie André Derain, Maurice de Vlaminck, Raoul Dufy, Kees van Dongen und Othon Friesz großzügigen Auslauf

Wien - Selbst- und Fremdsicht, sie waren im Grunde gar nicht so different: "Ich war ein verliebter ungestümer Barbar", beschrieb sich Maler Maurice de Vlaminck selbstkritisch. Von Übertreibung und dem Rausch der Farbe spricht er, vom Komponieren aus dem Instinkt, dem Verschmieren von teurem, auf Pump gekauften Ultramarin und Zinnober, von "orgiastischer Schwelgerei mit Farbe" ein Kritiker 1905.

Ein echt wilder Hund also, einer der "Fauves" - wie die als leuchtende Farbgewalt bei der Pariser Herbstausstellung 1905 in Erscheinung getretene Gruppe von Ungezähmten, von Kritiker Louis de Vauxcelles beschimpft wurde. Aber der Namensgeber war nicht der Einzige, der über die Vernachlässigung der illusionistischen Farbwirkung zugunsten expressiver Kompositionen aus Farbflächen polterte: Mit Malerei habe dies nichts zu tun, ereiferte man sich über die "gebrüllten, zufälligen Farbkleckse" der "Wahnwitzigen", es sei primitiv, naiv, ohne ästhetischen Wert.

Mit diesen medialen Rüffeln beginnt man auch die Ausstellung Matisse und die Fauves in der Albertina, deren Titel man - das Schema kennt man schon - am bekanntesten Protagonisten, quasi dem dienstältesten Rudelführer, aufgehängt hat: Henri Matisse (1869-1954) zählt neben Pablo Picasso (1881-1973) zu den bedeutendsten Künstlern der Moderne. Picasso ist Matisse zwar in der Gunst des Publikums wie des Marktes stets überlegen, der zwölf Jahre ältere Kollege war aber zeitlebens der Einzige, dem er Ebenbürtigkeit attestierte.

Was mit Matisse definitiv gelingen wird, ist, rekordverdächtige Besucherzahlen zu lukrieren: Ob so hoch wie 2006 und 2010 mit Picasso (rund 350.000), wird sich zeigen. Ein kleines Zahlenspiel: Die große Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art lockte 1993 zum Beispiel knapp 900.000 Besucher an; 1980 hatte dort Gigant Picasso 1,1 Millionen vorgelegt. Und gemeinsam (Matisse-Picasso, 2002/2003) brachte man es sowohl im Pariser Grand Palais als auch in der Tate London auf mehr als eine halbe Million Besucher.

Der Auftakt in der Albertina mit den Tadel-Tiraden ist jedenfalls psychologisch weise gewählt: Sie fordert die Besucher geradezu heraus, diesen Anschuldigungen noch heftiger zu widersprechen. Denn die "Schönheit" dieser sich von der Naturnachahmung emanzipierten Wegbereiter der Moderne ist heute nahezu gesellschaftliche Übereinkunft.

Es ist aber nicht nur der Zeitgeschmack, der sich auf Betrachteraugen der Gegenwart positiv auswirkt, auch die inzwischen ausgefeilte Lichttechnik steigert in der Ausleuchtung der Gemälde die Strahlkraft des ohnehin schon leuchtenden, satten Kolorits.

Dies wirkt sich bereits im ersten von sieben Kapiteln aus, das sich der Vorgeschichte des Fauvismus widmet. Hier wird mit farbigen Schatten das Wurzeln im Impressionismus deutlich - etwa in Matisses eher düsterem Akt mit rosa Schuhen (1900) oder den der schönen Linie verpflichteten Nackedeien Henri Manguins. "Matisse malt wie ein verrückter Impressionist", bemerkte der Maler Evenpoël bereits 1899 in einem Brief.

Idyllen in der Wildnis

Als "Aufbruch in die Wildnis" hatte Matisse diese nur drei Jahre andauernde Explosion der Avantgarde 1908 beschrieben; er sprach vom Erschüttern der "Tyrannei des Pointillismus". Trotz aller Dynamik war Matisse' Werk jedoch von Verrücktheit weit entfernt: "Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe", schrieb er später. Zwar tritt der dekorative Zug seines Oeuvres erst später zutage, die Motive sind jedoch bereits zur Zeit der Fauves beschaulich: landschaftliche oder sexuelle Idyllen.

Mengenmäßig ist Matisse zwar der Matador der mit weit gereisten Leihgaben (etwa aus St. Petersburg oder New York) gespickten Schau, trotzdem stiehlt ihm ein anderer die Show: André Derain (1881-1954) trumpft insbesondere mit einer Vielzahl von Gemälden auf. Gelb blitzt seine Ansicht von Collioure, dem kleinen südfranzösischen Fischerdorf, das als Geburtsort des Fauvismus gilt. Ein Radikaler ist Derain bei seinen monumentalen, enorm flächigen Aquarellen, die mit 50 mal 64 Zentimetern Gemäldeformat besitzen: Wie Pfützen umgibt die Tanzenden im Blatt Musik (1905) das Himmelblau. Und dann folgt noch das Kapitel London, dessen Beispiele mit dem städtischen Repertoire - mit Reklame, Kränen, Brücken, Masten - ungleich moderner wirken.

Definitiv: ein guter Ort fürs Schwelgen in Farbe in herbstgrauer Zeit.    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 20.9.2013)

Bis 12. 1. 2014

  • Ein Klingen von Farbflächen: Henris Matisse, "La Moulade" (1905/06).
    foto: © succession h. matisse / vbk, wien 2013

    Ein Klingen von Farbflächen: Henris Matisse, "La Moulade" (1905/06).

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