Konsum: Wie eine Säule der SPÖ aufgeteilt wurde

19. September 2013, 18:15
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Der Staat erlebte seine größte Nachkriegspleite. Für die Gläubiger endete der Ausgleich glimpflich, vor allem für die Banken

Wien - Jahrzehntelang wurde an seinem Grab gegraben, der endgültige Bestattungstermin wurde am 10. März 1995 fixiert. Um Punkt elf Uhr an diesem Freitag - die Koalitionsregierung Franz Vranitzky IV (SPÖ) mit Erhard Busek als ÖVP-Vizekanzler war seit vier Monaten im Amt - trafen einander die Chefs des Konsum Österreich unter Hermann Gerharter und der Aufsichtsrat. Ort des Geschehens: "die Gruft", wie der fensterlose Sitzungsraum in der Zentrale der "Konsum Österreich Genossenschaft mit beschränkter Haftung" in Wien-Meidling zärtlich genannt wurde.

Der Aufsichtsrat ermächtigte Gerharter, den Ausgleichsantrag zu stellen. Damit war der "Rote Riese" gefallen. Und wie: 23 Gesellschaften mit 13.000 Mitarbeitern gingen in Ausgleich, mit Schulden von 14 Milliarden Schilling (rund eine Milliarde Euro). Die größte Pleite der Zweiten Republik, erst jetzt vom Baukonzern Alpine in den Schatten gestellt. Ein Konkurs war unmöglich: Der hätte bewirkt, dass die 717.000 kleinen Konsum-Genossenschafter zur Kassa gebeten worden wären.

Sturz einer Säule

Mit dem Konsum stürzte freilich viel mehr als ein schlecht gemanagter Handels- und Produktionskonzern, der zu groß und im Vergleich zu Konkurrenten wie Billa oder Spar zu träge und altmodisch geworden war: eine Säule der Sozialdemokratie. Was 1856 als kleine Konsum-Genossenschaft im niederösterreichischen Teesdorf begonnen hatte, hatte sich zu einem veritablen Konzern entwickelt.

Mit Supermärkten (Konsum, Familia, KGM), Kaufhäusern (Herzmansky, Gerngross) und Produktionsbetrieben: Knäbchen für Süßwaren, die Ährenstolz-Bäckerei und die größte Fleischhauerei Österreichs, Meat. Seit 16 Genossenschaften 1978 zum Konsum Österreich fusioniert hatten, schrieb der aber bis auf ein Mal (1983) immer Verluste. Doch der Konsum hatte auch Vermögen: einen Anteil an der Nationalbank und 30 Prozent an der Gewerkschaftsbank Bawag. 1993, die Banken wurden ob der schmelzenden Eigenmittel nervös, holte Gerharter noch die Schweizer Migros ins Haus, aber die Partnerschaft brachte nur noch eins: Zoff.

Die Banken unter Konsortialführung der Investkredit waren es denn auch, die den Konsum in die Insolvenz bugsierten. Anfang 1995 haben sie dem Konsum (Umsatz: 32 Milliarden Schilling) noch einen Kredit von zwei Milliarden Schilling eingeräumt, nach der Auszahlung von 900.000 Schilling war dann aber Schluss. Wobei die Institute sich noch schnell mit Vermögen von vier bis fünf Milliarden Schilling abgesichert hatten.

Abverkauf von Konsum-Filets

Nach Abdrehen der Geldquelle und Ausgleichseröffnung brach die Zeit von Konsum-Liquidator Hansjörg Tengg ("Der Konsum war die Pleite meines Lebens") und seines Co, Jan Wiedey, an. In "24-Stunden Tagen" (Wiedey und Tengg unisono) schnürten sie Konsum-Läden unterschiedlicher Attraktivität in einzelne Pakete und boten die zum Kauf an.

Die Konkurrenz (Spar, Meinl, Billa, Merkur, Anker) griff herzhaft zu. Nach neun Monaten Filettierungsarbeit war die Filialkette aufgeteilt, der Bawag-Anteil an die BayernLB versilbert, und auch OeNB-Paket und Gerngross verkauft. Das Besondere daran, so Tengg heute: "Wir haben es geschafft, die Einheiten lebend zu verkaufen und ohne nachfolgende Rechtsstreitigkeiten." Nur beim Gerngross-Verkauf bekamen die Käufer später einen Abschlag. Ex-Chef Gerharter fasste Verurteilungen sowie eine Abfertigung von 17 Millionen Schilling aus.

Für die Gläubiger ging die Sache relativ glimpflich aus. Die Ausgleichsquote betrug 45,2468 Prozent ("Diese Zahl werde ich mir ewig merken", so Wiedey); bei drei Gesellschaften waren es 100. Im Schnitt bekamen unbesicherte Gläubiger 52 Prozent ihrer Forderungen, besicherte (darunter eben die Banken) erlitten de facto gar keinen Verlust aus der Pleite.

Lange Schatten

Ironie der Geschichte: Nach heutigem Insolvenzrecht wäre der Ausgleich samt Ausverkauf vermeidbar gewesen: Allein der Erlös aus dem Bawag-Verkauf (320 Millionen Euro) hätte für eine Fortführung gereicht, glaubt Wiedey.

Die Konsum-Österreich-Genossenschaft (mit rund 900 Mitgliedern) hat aber sowieso überlebt. Sie heißt heute Okay Team Gen. und betreibt unter Führung Wiedeys sechs kleine Supermärkte.

Und bei der ehemaligen Konsum-Kellerei Herrenhaus gibt es so etwas wie einen langen Schatten des Konsum. Dort, in Wien-Döbling, haben Wiedey und Co. ein kleines Konsum-Museum eingerichtet. Mit Relikten aus der Zeit, bevor der Rote Riese fiel. (Renate Graber, DER STANDARD, 20.9.2013)

  • Manches Geschäft fand keinen Käufer, der Rest ging weg wie warme Semmeln.
    foto: standard/cremer

    Manches Geschäft fand keinen Käufer, der Rest ging weg wie warme Semmeln.

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