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Umstieg auf erneuerbare Energien schneller möglich als geplant

30. September 2013, 00:00
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Die Kosten der Erneuerbaren werden überschätzt, die der Atomkraft unterschätzt – Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fordern anspruchsvollere Ziele für das Jahr 2030.

Grünbuch 2030: EU startet Diskussion zur Energie- und Klimastrategie

Die EU und ihre 28 Mitgliedsstaaten stehen vor richtungsweisenden Entscheidungen bezüglich der zukünftigen Gestaltung der Stromerzeugung jenseits des Jahres 2020. Mit dem Grünbuch "Ein Rahmen für die Klima- und Energiepolitik bis 2030" eröffnet die Europäische Kommission die Diskussion. Es geht um Erfahrungen mit dem energie- und klimapolitischen Rahmen bis 2020 sowie die Weiterentwicklung für das Folgejahrzent. Als Gründe für eine baldige Festlegung des Fahrplans werden die Länge der Investitionszyklen und die Notwendigkeit von festen Rahmenbedingungen genannt – Basis ist eine weitgehende Dekarbonisierung des Stromsektors.

Die EU hat sich vorgenommen, die Treibhausgasemissionen (THG) deutlich zu senken und den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Zugleich soll die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft verbessert und die Energieversorgungssicherheit erhöht werden.

Jenseits der Diskussion der Zielformulierung problematisiert das Grünbuch auch, dass von zwei wichtigen Politikinstrumenten derzeit kaum Wirkungen auf einen nachhaltigen Energiemix ausgehen. Dies betrifft zum einen den Emissionsrechtehandel, zum anderen die Förderung der Technologie für CO₂-Abscheidung, -Transport und -Speicherung (Carbon Capture, Transport and Storage, CCTS). Der Emissionsrechtehandel führt zu unzureichenden Preissignalen, da zu viele überschüssige Zertifikate im Markt sind und die Obergrenzen der Emissionen nicht konsequent nach unten angepasst wurden. Dadurch gehen von diesem sehr niedrigen CO₂-Preis – derzeit bei € drei bis fünf pro Tonne – nicht die notwendigen Signale aus, die für langfristige Innovationen im Bereich CO₂-armer Stromerzeugungstechnologien notwendig sind. Die Bemühungen der EU zur Entwicklung von CCTS sind bisher ins Leere gelaufen, weil weder die Energiewirtschaft noch die nationalen Regierungen entsprechende Anstrengungen zur Umsetzung dieser Technologie unternommen haben.

Kosten für Atomkraft unterschätzt

Laut Bericht des DIW unterschätzt die Europäische Kommission bei ihren Planungen systematisch die Kosten der Atomkraft und Kohlenstoffdioxid-Abscheidung, während sie die Kosten erneuerbarer Energien überschätzt. Atomstrom kann aufgrund der hohen Sicherheitsrisiken nicht wirtschaftlich angeboten werden, und die Hoffnungen auf eine ökonomisch und technisch realisierbare CO₂-Abscheidung wurden zuletzt nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gedämpft. Die Produktivitätsfortschritte bei erneuerbaren Energien hingegen seien in den vergangenen Jahren bahnbrechend gewesen. Erneuerbare Energien stellen laut DIW Berlin somit die einzige Option für eine nachhaltige und CO₂-arme europäische Stromwirtschaft dar.

Kosten für Erneuerbare überschätzt

Angesichts der weltweit fortschreitenden Verbreitung erneuerbarer Stromerzeugungstechnologien ist die Kostendegression nicht überraschend. Insbesondere bei der fluktuierenden Sonnen- und Windkraft sind u.a. angesichts technischer Innovationen bis 2050 weitere Rückgänge spezifischer Produktionskosten zu erwarten. Die vom DIW Berlin festgestellte Kostenüberschätzung bei den Erneuerbaren gilt v.a. für die Photovoltaik, deren Kapitalkosten bereits heute zum Teil unterhalb der Werte liegen, die die Kommission für das Jahr 2050 erwartet.

Auch im Bereich der Onshore-Windkraftanlagen hat es in den vergangenen Jahren erhebliche Produktionszuwächse sowie Kostenrückgänge gegeben. Die meisten Szenarien rechnen damit, dass auch in Zukunft Kostensenkungen möglich bleiben. Die Entwicklung der Kapitalkosten von Windanlagen an Land verlief ähnlich rasant wie die der Photovoltaikanlagen. Mussten Investoren in den frühen 2000er Jahren noch mehr als € 2.000 pro Kilowatt aufbringen, so sind die spezifischen Investitionen mittlerweile auf fast die Hälfte gefallen.

Atomkraft und CO₂-Abscheidung als Pfeiler künftiger Stromversorgung nicht geeignet

Besonders eklatant ist die "Kleinrechnung" der Kosten von Atomstrom in den 2011 erstellten Szenarien, bei der die Kommission einen weiteren Anstieg der Kernkraftwerksleistungen von derzeit 120 auf über 140 Gigawatt voraussagt. Nirgendwo auf der Welt ist jemals ein Atomkraftwerk unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gebaut worden. Lediglich die Formen der staatlichen Subventionierung unterscheiden sich. Übliche Kostenschätzungen für Atomkraft beinhalten oft nicht den Rückbau der Anlagen sowie die Endlagerung des Atommülls, ganz zu schweigen von den enormen Kosten möglicher Großunfälle wie in Fukushima oder Tschernobyl. Eine Form der Subventionierung ist, dass sich die Unternehmen gegen solche Schäden nicht ausreichend versichern müssen. Das finanzielle Risiko wird vom Staat, also uns allen, getragen.

Hinsichtlich der CO₂-Abscheidung ermittelte die Europäische Kommission im Rahmen der europäischen Szenarien für das Jahr 2020 eine Kapazität an Erzeugungsanlagen mit CO₂- Abscheidung von mehr als fünf Gigawatt (etwa zehn mittelgroße Anlagen). Tatsächlich wurde die Technologie bisher aber noch an keinem einzigen Standort in der EU eingesetzt.

Die Mär von der günstigen Kernkraft

Aufgrund technischer Unwägbarkeiten und steigender Sicherheitsanforderungen wurde die Kernkraft – im Gegensatz zu allen anderen Stromerzeugungstechnologien – im Laufe der Jahrzehnte nicht günstiger; vielmehr sind ihre Kapitalkosten um ein Vielfaches gestiegen. Die historische Erfahrung steigender Kapitalkosten scheint sich auch in der gegenwärtigen Entwicklungsphase für die sogenannte "3. Generation" (European Pressurized Reactor, EPR) von Kernkraftwerken zu bestätigen. Die Kostenschätzungen der beiden derzeit im Bau befindlichen Kernkraftwerke in Olkiluoto (Finnland) und Flamanville (Frankreich) steigen regelmäßig an: War im Jahr 2006 noch von ursprünglich € 1.500 pro Kilowatt die Rede, so sind diese zwischenzeitlich auf € 4.500 (Mitte 2008) bzw. € 5.100 (Dezember 2012) gestiegen. Ursächlich sind neben Planungsfehlern und Problemen mit automatischen Kontrollsystemen veränderte sicherheitstechnische Anforderungen.

Die – trotz der Auslagerung von Kosten an die Allgemeinheit – immer noch hohen Kosten der Atomkraft zeigen sich auch beim geplanten Bau eines neuen Kernkraftwerks in Großbritannien. Dort laufen derzeit Verhandlungen zwischen der Regierung und dem letzten verbliebenen Anbieter, dem französischen Staatskonzern EdF, zur Höhe der finanziellen Absicherung, die dieser zum Bau eines neuen Kernkraftwerks der dritten Generation erhalten soll. Dabei zeichnet sich ab, dass der potenzielle Investor nicht nur keine marktwirtschaftliche Investition vornehmen möchte, sondern auch eine sehr hohe Preisgarantie fordert. In der Diskussion ist ein "Strike Price" (entspricht der Einspeisevergütung) in der Größenordnung von 100 Britischen Pfund (ungefähr € 116) pro Megawattstunde über 35 Jahre zuzüglich weiterer staatlicher Garantien zur Absicherung unterschiedlicher Risiken. Zum Vergleich: Dies entspricht ungefähr dem in Großbritannien für Windkraftanlagen an Land vorgesehenen „Strike Price", der aber nur für 15 Jahre gewährt wird.

Grünbuch 2030 als wertvoller Anstoß zur Diskussion zukünftiger Stromerzeugungsstrukturen

Angesichts geringer variabler Erzeugungskosten haben erneuerbare Energieträger langfristig einen strategischen Wettbewerbsvorteil gegenüber konventionellen fossilen Erzeugungstechniken, die höhere und tendenziell steigende Brennstoffkosten und CO₂-Emissionen aufweisen. Zwar sind Erneuerbare heute noch mit höheren Investitionskosten verbunden als einige konventionelle Stromerzeugungstechnologien, jedoch war in den vergangenen Jahren eine starke Kostendegression zu beobachten. Zudem sollten bei der thermischen Stromerzeugung nicht nur die privaten Stromgestehungskosten, sondern die Vollkosten inklusive sozialer Umwelt- und Risikokosten berücksichtigt werden. Aufgrund hoher Kosten und großer Risiken erscheint die Annahme unrealistisch, dass Atomkraft und CCTS eine tragende Rolle im künftigen Energiemix der Europäischen Union spielen können.

Es ist daher dringend notwendig, dass die Europäische Kommission in Zusammenarbeit mit den Mitgliedsländern anhand aktualisierter Kostenannahmen endlich realistische Szenarien entwickelt, aus denen energiepolitische Ziele und Maßnahmen für die europäische und nationale Ebene abgeleitet werden können. Neben anspruchsvollen Emissionsminderungszielen sollte Europa sich für die Zeit nach 2020 ambitionierte verbindliche Ausbauziele für erneuerbare Energien sowie Ziele zur Steigerung der Energieeffizienz setzen.

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