Auf sich allein gestellt

19. September 2013, 14:15
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Eltern sorgen sich um ihre Kinder – das ist quasi ein Naturgesetz. Was ist aber, wenn sie ihre Erziehungsverantwortung abgeben

Faizeh* ist 11 Jahre alt und hat einen kleinen Bruder mit dem sie nun öfters zu uns kommt. Ich sehe ihr ihre Unruhe an: Ihr Gemütszustand wechselt oft zwischen Freude und Wut hin und her. Seit dem sie sich um den Kleinen kümmern muss, ist sie gezwungenermaßen selbst zu einer Art Ersatz-Mutter geworden. In dieser, ihr fremden Rolle, hat sie nun groß3 Verantwortung aufgetragen bekommen: Sie muss den Kinderwagen vor sich her schieben, den Kleinen füttern und auf ihn aufpassen.

Verantwortung abschütteln

Oftmals ist sie überfordert, ist ihrem kleinen Bruder gegenüber - der sich auch schon mal verletzt hat - nicht besonders aufmerksam. Da sie die Verantwortung alleine trägt, entscheidet sie zum Beispiel auch was er am Nachmittag zu Essen bekommt: Fettiges, Salziges und Süßes in Form von Kartoffel-Chips, Schokolade, Limonaden - all das, was auch sie in sich reinstopft. Einmal ging es auch ins Groteske: Ihr Bruder musste als Modell herhalten, dabei lackierte sie ihm die Fingernägel und schminkte ihn im Gesicht.

Von ihrem Vater hält sie nicht viel, er wäre krank und würde "nur schlafen“, erzählt sie mir. Ihre Mutter, die sich mehr um sie bemüht, ist mit den Sorgen des Alltags beschäftigt, ihr bleibt nur wenig Zeit für die Familie.

Hilfe suchen

Faizehs* Familie ist nur ein Beispiel von vielen. Eine ganze Reihe von Eltern geben ihre erzieherische Verantwortung an Schule und Sozialarbeiter ab, habe ich den Eindruck. Das spüren die Kinder und gerade deshalb bauen sie hier oft enge Bindungen zu älteren Kindern oder uns Erwachsenen auf. Ihnen fehlt etwas, sei es die Vaterfigur, die Mutter oder eine vertraunsvolle Person mit der sie über ihre Situation sprechen können.

In vorsichtigen Gesprächsanbahnungen mit den Verantwortlichen fügen sich die Beobachtungen, die ich zu manchen Erziehungsberechtigten aus der Gegend mache, zu einem Bild zusammen: Viele zeigen sich einsichtog sehen, kündigen neue Maßnahmen an, aber danach passiert nur wenig. Andere erscheinen gar nicht erst zu den ausgemachten Terminen. Und wiederum andere suchen selbst das Gespräch, brauchen offensichtlich Hilfe, fühlen sich von allen im Stich gelassen. (red, daStandard.at, 19. September 2013)

*Name geändert

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

  • Faizeh* ist 11 Jahre alt und muss den Kinderwagen vor sich her schieben, den Kleinen füttern und auf ihn aufpassen.
    foto: dpa / matthias schrader

    Faizeh* ist 11 Jahre alt und muss den Kinderwagen vor sich her schieben, den Kleinen füttern und auf ihn aufpassen.

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