Fall Kührer: Ex-Freund wurde zwei Stunden lang befragt

Sechs Gutachter standen am Freitag auf dem Prozessfahrplan

Korneuburg/Pulkau - Zwei Stunden hat die Befragung von Julia Kührers Ex-Freund am Donnerstagnachmittag in Anspruch genommen. Er sei nicht der "ganz normale" Zeuge, machte Richter Helmut Neumar die Bedeutung seiner Befragung deutlich. Der 25-Jährige war immerhin ab Herbst 2005 mit der 16-Jährigen zusammen gewesen. An der Suche nach ihrem Verschwinden - unmittelbar nach der Trennung - beteiligte er sich nicht. Er habe das nicht ernst genommen, weil sie schon öfter weggelaufen sei, meinte er leise. Achtmal war er seit dem 27. Juni 2006 vernommen worden, teils als Zeuge, teils als Beschuldigter. Bereits vergangene Woche war er geladen, wegen psychischer Probleme und eines Krankenhausaufenthalts aber nicht erschienen.

Konsum von Cannabis

Kennengelernt hatte der junge Mann die Schülerin ein Jahr zuvor, als er Jugendleiter in einem Jugendkeller war. Er habe die Beziehung mit ihr sehr genossen, wurde aus einer früheren Aussage zitiert. Julia Kührer sei eher verschlossen gewesen und habe Stimmungsschwankungen gehabt, sei aber nie unnatürlich aufgeputscht gewesen (Thema Crystal Meth, Anm.), sagte er am Donnerstag vor Gericht. Cannabis habe sie selbst probieren wollen aus Neugier, "zugedröhnt" sei sie aber sehr selten gewesen. Dazu wurde eine ältere Aussage verlesen, wonach ihm die junge Frau einmal gesagt hatte, "in drei Jahren bin ich drogensüchtig oder tot".

Den angeklagten Videothekbesitzer lernte der damals 17-Jährige bald nach Eröffnung des Geschäfts im Sommer 2005 kennen. Auch in dessen Haus in Dietmannsdorf war er vier-, fünfmal, einmal hätten sie zusammen einen Joint geraucht - in der Videothek habe es keinen Suchtgiftkonsum gegeben. Michael K. habe ihm im Herbst 2005 angeboten, auf seinem Grundstück Hanf anzubauen, und ihm sogar einen Schlüssel geben wollen, was er dann aber doch nicht tat. Rund drei Wochen lang habe er dort eine Pflanze gepflegt.

Auseinandersetzung wegen Eifersucht

Am Wochenende vor Julias Verschwinden war der damals 18-Jährige mit seiner Klasse zu Projekttagen in Prag, als es zu einer Auseinandersetzung mit Julia via SMS kam. Grund war ihre Eifersucht. Am Montag dann zurück im Weinviertel machte er telefonisch endgültig Schluss. Es war ein plötzliches Ende, vorher habe es keine Streitereien gegeben. Tags darauf blieb er von der Schule daheim, weil es ihm "nicht gut ging". An den genauen Tagesablauf konnte er sich nicht mehr erinnern. Am Abend rief Julias Mutter ihn auf der Suche nach ihrer Tochter an.

Der "Schmäh" des Videothekbesitzers Frauen gegenüber sei eher "tief" gewesen, räumte der Zeuge auf Richterfrage ein. K. habe einmal Interesse an Julia gezeigt und ihn auf Sex anspielend gefragt "kann sie es eh?" Der Richter verlas frühere Aussagen des Angeklagten, die dieser als Zeuge nach dem Verschwinden der Schülerin gemacht hatte und dabei ihren Ex-Freund nicht gut erscheinen ließ: Dieser habe Julia Kührer schlecht behandelt, ihr einmal eine schallende Ohrfeige gegeben und ähnliches.

Verteidiger Farid Rifaat verwies darauf, dass das Handy des Zeugen am Nachmittag des 27. Juni - nachdem Julia Kührer am Hauptplatz von Pulkau zuletzt gesehen worden war - in Pulkau eingeloggt war und unmittelbar darauf in seinem Heimatort - dazwischen befinde sich Dietmannsdorf. Auf die Frage, ob der Zeuge dort gewesen sein könnte, meinte dieser: "Möglich", vielleicht beim Heurigen, bei K. definitiv nicht.

Im Anschluss wurde als letzter Zeuge ein 31-Jähriger gehört, der die Schülerin laut früheren Aussagen an jenem Nachmittag mit zwei Personen nahe des Waldbades gesehen haben wollte. Ob Burschen oder Mädchen wusste er nicht mehr. Morgen, Freitag, sind sechs Gutachten am Programm.

Match zwischen Wien und Niederösterreich

Gelegentlich erhält man beim Geschworenenprozess um den Tod von Julia Kührer den Eindruck, dass es am Landesgericht Korneuburg beinahe um ein Match zwischen Niederösterreich und Wien geht. Auf der einen Seite Farid Rifaat, distinguierter Verteidiger des Angeklagten Michael K., auf dessen Grundstück im Jahr 2011 die Leiche Kührers entdeckt worden ist. Auf der anderen Seite Staatsanwalt Christian Pawle. Zu dessen Ansichten der Richtersenat unter dem Vorsitzenden Helmut Neumar mitunter tendiert.

Ein Beispiel vom fünften Verhandlungstag ist der Richterbeschluss zum Tagebuch Kührers. Schon zuvor gab es eine Entscheidung, dass dieses nicht verwertet werden dürfe, um den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers nicht zu verletzen. Rifaat spricht es bei der Befragung von Peter L., dem Chefermittler des Bundeskriminalamtes im Fall Kührer, am Donnerstag dennoch an.

"Stand etwas von Crystal Meth drinnen?"

"Wir wissen aus einem Aktenvermerk, dass in dem Buch der Angeklagte nicht erwähnt wird. Stimmt das?", fragt der Verteidiger den Polizisten. "Ja", lautet die Antwort. "Stand etwas von Crystal Meth drinnen?" "Nein."

Soweit, so gut. Doch dann will Rifaat wissen, wie oft Kührer ihr Tagebuch befüllt hat - täglich, wöchentlich, monatlich? Eine durchaus berechtigte Frage. Schließlich soll der Angeklagte laut Zeugenaussagen Kührer zumindest zweimal, vorsichtig ausgedrückt, ungut nahe gekommen sein. Was sie wohl zumindest beiläufig erwähnt hätte und Pawles Theorie stützen würde, K. habe ein sexuelles Interesse an der damals 16-Jährigen gehabt.

Dennoch erhebt der Staatsanwalt gegen die Frage Einspruch - und dem gibt der Senat nach kurzer Beratung statt. Obwohl das Tagebuch noch aus anderem Grund interessant sein könnte: Finden sich doch dort möglicherweise Hinweise auf die Stimmung Kührers vor ihrem Verschwinden. Zu der gibt es nämlich ebenso unterschiedliche Zeugenaussagen - die Anklage geht davon aus, Kührer habe deprimiert den Angeklagten in dessen Videothek am Rathausplatz von Pulkau (Bezirk Hollabrunn) besucht, um wegen ihrer Niedergeschlagenheit Drogen zu kaufen.

Ein dubioser Typ

Auch das Auftreten des Zeugen L., der auf Fragen Rifaats teilweise mit Gegenfragen antwortet und angriffig wirkt, stört das Gericht nicht. Wobei der Polizist durchaus Grund dafür hat: "Im Nachhinein hätte ich es anders gemacht", gesteht er unumwunden ein, dass er bei einer Freiwilligen Nachschau im Jahr 2010 den Erdkeller auf K.s Anwesen, in dem ein Jahr später die Leiche Kührers gefunden worden ist, nicht durchsucht hat.

Seine Begründung: "Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Der Keller schien baufällig und war voller Spinnweben, also augenscheinlich schon länger nicht betreten worden." Das Bemerkenswerte daran: Der Grund der Suche war ein Hinweis, dass K. "ein dubioser Typ" sei, der einen Keller habe, wo die Leiche versteckt sein könnte.

Der Angeklagte sei aber kooperationswillig gewesen und habe keine Schwierigkeiten gemacht, sagt L. auch aus. Überhaupt habe es hunderte Hinweise auf den Aufenthaltsort Kührers gegeben - vom Kreuzfahrtschiff in Dubai bis zum von Punks bewohnten Haus in Wien-Rudolfsheim.

Fotos vom Fundort der Überreste des Teenagers sprechen allerdings wieder gegen die Version des 51-jährigen Angeklagten, der wahre Täter habe die Leiche dort verbrannt und versteckt. Denn der Eingang zum Keller war vom Eingangsbereich des Hofes nicht zu erkennen, nur ein Ortskundiger konnte wissen, dass dieser überhaupt existierte. (APA/Michael Möseneder, derStandard.at, 19.9.2013)

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