Fall Kührer: Ex-Freund wurde zwei Stunden lang befragt

Michael Möseneder
19. September 2013, 12:42

Sechs Gutachter standen am Freitag auf dem Prozessfahrplan

Korneuburg/Pulkau - Zwei Stunden hat die Befragung von Julia Kührers Ex-Freund am Donnerstagnachmittag in Anspruch genommen. Er sei nicht der "ganz normale" Zeuge, machte Richter Helmut Neumar die Bedeutung seiner Befragung deutlich. Der 25-Jährige war immerhin ab Herbst 2005 mit der 16-Jährigen zusammen gewesen. An der Suche nach ihrem Verschwinden - unmittelbar nach der Trennung - beteiligte er sich nicht. Er habe das nicht ernst genommen, weil sie schon öfter weggelaufen sei, meinte er leise. Achtmal war er seit dem 27. Juni 2006 vernommen worden, teils als Zeuge, teils als Beschuldigter. Bereits vergangene Woche war er geladen, wegen psychischer Probleme und eines Krankenhausaufenthalts aber nicht erschienen.

Konsum von Cannabis

Kennengelernt hatte der junge Mann die Schülerin ein Jahr zuvor, als er Jugendleiter in einem Jugendkeller war. Er habe die Beziehung mit ihr sehr genossen, wurde aus einer früheren Aussage zitiert. Julia Kührer sei eher verschlossen gewesen und habe Stimmungsschwankungen gehabt, sei aber nie unnatürlich aufgeputscht gewesen (Thema Crystal Meth, Anm.), sagte er am Donnerstag vor Gericht. Cannabis habe sie selbst probieren wollen aus Neugier, "zugedröhnt" sei sie aber sehr selten gewesen. Dazu wurde eine ältere Aussage verlesen, wonach ihm die junge Frau einmal gesagt hatte, "in drei Jahren bin ich drogensüchtig oder tot".

Den angeklagten Videothekbesitzer lernte der damals 17-Jährige bald nach Eröffnung des Geschäfts im Sommer 2005 kennen. Auch in dessen Haus in Dietmannsdorf war er vier-, fünfmal, einmal hätten sie zusammen einen Joint geraucht - in der Videothek habe es keinen Suchtgiftkonsum gegeben. Michael K. habe ihm im Herbst 2005 angeboten, auf seinem Grundstück Hanf anzubauen, und ihm sogar einen Schlüssel geben wollen, was er dann aber doch nicht tat. Rund drei Wochen lang habe er dort eine Pflanze gepflegt.

Auseinandersetzung wegen Eifersucht

Am Wochenende vor Julias Verschwinden war der damals 18-Jährige mit seiner Klasse zu Projekttagen in Prag, als es zu einer Auseinandersetzung mit Julia via SMS kam. Grund war ihre Eifersucht. Am Montag dann zurück im Weinviertel machte er telefonisch endgültig Schluss. Es war ein plötzliches Ende, vorher habe es keine Streitereien gegeben. Tags darauf blieb er von der Schule daheim, weil es ihm "nicht gut ging". An den genauen Tagesablauf konnte er sich nicht mehr erinnern. Am Abend rief Julias Mutter ihn auf der Suche nach ihrer Tochter an.

Der "Schmäh" des Videothekbesitzers Frauen gegenüber sei eher "tief" gewesen, räumte der Zeuge auf Richterfrage ein. K. habe einmal Interesse an Julia gezeigt und ihn auf Sex anspielend gefragt "kann sie es eh?" Der Richter verlas frühere Aussagen des Angeklagten, die dieser als Zeuge nach dem Verschwinden der Schülerin gemacht hatte und dabei ihren Ex-Freund nicht gut erscheinen ließ: Dieser habe Julia Kührer schlecht behandelt, ihr einmal eine schallende Ohrfeige gegeben und ähnliches.

Verteidiger Farid Rifaat verwies darauf, dass das Handy des Zeugen am Nachmittag des 27. Juni - nachdem Julia Kührer am Hauptplatz von Pulkau zuletzt gesehen worden war - in Pulkau eingeloggt war und unmittelbar darauf in seinem Heimatort - dazwischen befinde sich Dietmannsdorf. Auf die Frage, ob der Zeuge dort gewesen sein könnte, meinte dieser: "Möglich", vielleicht beim Heurigen, bei K. definitiv nicht.

Im Anschluss wurde als letzter Zeuge ein 31-Jähriger gehört, der die Schülerin laut früheren Aussagen an jenem Nachmittag mit zwei Personen nahe des Waldbades gesehen haben wollte. Ob Burschen oder Mädchen wusste er nicht mehr. Morgen, Freitag, sind sechs Gutachten am Programm.

Match zwischen Wien und Niederösterreich

Gelegentlich erhält man beim Geschworenenprozess um den Tod von Julia Kührer den Eindruck, dass es am Landesgericht Korneuburg beinahe um ein Match zwischen Niederösterreich und Wien geht. Auf der einen Seite Farid Rifaat, distinguierter Verteidiger des Angeklagten Michael K., auf dessen Grundstück im Jahr 2011 die Leiche Kührers entdeckt worden ist. Auf der anderen Seite Staatsanwalt Christian Pawle. Zu dessen Ansichten der Richtersenat unter dem Vorsitzenden Helmut Neumar mitunter tendiert.

Ein Beispiel vom fünften Verhandlungstag ist der Richterbeschluss zum Tagebuch Kührers. Schon zuvor gab es eine Entscheidung, dass dieses nicht verwertet werden dürfe, um den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers nicht zu verletzen. Rifaat spricht es bei der Befragung von Peter L., dem Chefermittler des Bundeskriminalamtes im Fall Kührer, am Donnerstag dennoch an.

"Stand etwas von Crystal Meth drinnen?"

"Wir wissen aus einem Aktenvermerk, dass in dem Buch der Angeklagte nicht erwähnt wird. Stimmt das?", fragt der Verteidiger den Polizisten. "Ja", lautet die Antwort. "Stand etwas von Crystal Meth drinnen?" "Nein."

Soweit, so gut. Doch dann will Rifaat wissen, wie oft Kührer ihr Tagebuch befüllt hat - täglich, wöchentlich, monatlich? Eine durchaus berechtigte Frage. Schließlich soll der Angeklagte laut Zeugenaussagen Kührer zumindest zweimal, vorsichtig ausgedrückt, ungut nahe gekommen sein. Was sie wohl zumindest beiläufig erwähnt hätte und Pawles Theorie stützen würde, K. habe ein sexuelles Interesse an der damals 16-Jährigen gehabt.

Dennoch erhebt der Staatsanwalt gegen die Frage Einspruch - und dem gibt der Senat nach kurzer Beratung statt. Obwohl das Tagebuch noch aus anderem Grund interessant sein könnte: Finden sich doch dort möglicherweise Hinweise auf die Stimmung Kührers vor ihrem Verschwinden. Zu der gibt es nämlich ebenso unterschiedliche Zeugenaussagen - die Anklage geht davon aus, Kührer habe deprimiert den Angeklagten in dessen Videothek am Rathausplatz von Pulkau (Bezirk Hollabrunn) besucht, um wegen ihrer Niedergeschlagenheit Drogen zu kaufen.

Ein dubioser Typ

Auch das Auftreten des Zeugen L., der auf Fragen Rifaats teilweise mit Gegenfragen antwortet und angriffig wirkt, stört das Gericht nicht. Wobei der Polizist durchaus Grund dafür hat: "Im Nachhinein hätte ich es anders gemacht", gesteht er unumwunden ein, dass er bei einer Freiwilligen Nachschau im Jahr 2010 den Erdkeller auf K.s Anwesen, in dem ein Jahr später die Leiche Kührers gefunden worden ist, nicht durchsucht hat.

Seine Begründung: "Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Der Keller schien baufällig und war voller Spinnweben, also augenscheinlich schon länger nicht betreten worden." Das Bemerkenswerte daran: Der Grund der Suche war ein Hinweis, dass K. "ein dubioser Typ" sei, der einen Keller habe, wo die Leiche versteckt sein könnte.

Der Angeklagte sei aber kooperationswillig gewesen und habe keine Schwierigkeiten gemacht, sagt L. auch aus. Überhaupt habe es hunderte Hinweise auf den Aufenthaltsort Kührers gegeben - vom Kreuzfahrtschiff in Dubai bis zum von Punks bewohnten Haus in Wien-Rudolfsheim.

Fotos vom Fundort der Überreste des Teenagers sprechen allerdings wieder gegen die Version des 51-jährigen Angeklagten, der wahre Täter habe die Leiche dort verbrannt und versteckt. Denn der Eingang zum Keller war vom Eingangsbereich des Hofes nicht zu erkennen, nur ein Ortskundiger konnte wissen, dass dieser überhaupt existierte. (APA/Michael Möseneder, derStandard.at, 19.9.2013)

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Mir kommt es komisch vor, dass K. sich die Mühe machte, die Leiche im Keller zu verbrennen, laut Polizei hätte er dafür wegen der Rauchentwicklung über mehrere Tage öfters in den Keller gehen müssen und dann alles einfach so liegen lässt bzw. nur teilweise mit Erde bedeckt. Es wäre für ihn sehr leicht gewesen, im Anschluss die verkohlten Reste in einen Sack zu geben und irgendwo verschwinden zu lassen.
Die DNA-Spuren von K. auf der Decke sind bedeutungslos, wenn jemand die Leiche in den Erdkeller von K. gebracht hat, dann kann er sehr leicht die Leiche in eine dort herum liegenden alten Decke von K. eingewickelt haben, dann ist klar, dass sich DNA-Spuren von K. finden. Das ergibt alles wenig Sinn.

Komische Aussage des Ex:

Laut obiger Schilderung wollte er "im Herbst" die Pflanzen anbauen. Geht das überhaupt ? Pflanzenanbau macht man bekanntlich im Frühling...

Vermutlich wird man 30 Jahre warten müssen, bis man nach Freigabe der Akten sich selbst ein Bild machen kann ...

Am Tag des Verschwindens geht der Ex-Freund nicht in die Schule, weil es ihm nicht gut geht, bei der Suche beteiligt er sich nicht, zur ersten Zeugenladung kann er nicht kommen, weil es ihm wieder nicht gut geht - kommt nur mir das komisch vor?

Nein mir kommt das ja auch komisch vor

Verteidiger Farid Rifaat verwies darauf, dass das Handy des Zeugen am Nachmittag des 27. Juni - nachdem Julia Kührer am Hauptplatz von Pulkau zuletzt gesehen worden war - in Pulkau eingeloggt war und unmittelbar darauf in seinem Heimatort - dazwischen befinde sich Dietmannsdorf. Auf die Frage, ob der Zeuge dort gewesen sein könnte, meinte dieser: "Möglich", vielleicht beim Heurigen, bei K. definitiv nicht.

War das eigentlich der Tag an dem er nicht zur Schule gegangen war weil es ihm nicht so gut ging?

wenns einem nicht so gut geht, kann man sich beim heurigen aufmuntern lassen... nach diversen erledigungen...

Die genaue Zeitschiene wäre hilfreich

[Tatort n°30] bestechende Logik

"Der Eingang zum Keller war vom Eingangsbereich des Hofes nicht zu erkennen, nur ein Ortskundiger konnte wissen, dass dieser überhaupt existierte."

Und in dem Ort gibt es sicher keine Ortskundigen … *facepalm*

[Tatort n°29] "mulmig"

Zu den seltsamen Akteuren (www.derstandard.at/plink/137... 1/33483200 ) in diesem Mordfall gesellt sich nun also noch ein Polizist (L.), der 2010 im Erdkeller des Angeklagten nach einer Leiche suchen sollte, das aber nicht machte, weil dort die "Leiche versteckt sein könnte" und er ein "mulmiges Gefühl hatte".

Also bis

jetzt gibt es ueberhaupt keinen Grund fuer eine Verurteilung.

Noch etwas interessiert mich:

Wer sind die 2 Personen, mit denen die Julia K. zuletzt am Nachmittag beim Waldbad war und dabei von einem Zeugen(31-jährig) gesehen wurden ? Ermittlungsergebnis ??
Und diese zwei Personen wissen mehr.......

sehr richtig!

2011 hieß es noch, julia kührer sei nie im waldbad angekommen. jetzt gibt es die oben angesprochene aussage, dass sie sehr wohl das waldbad erreichte und dort mit zwei personen gesehen wurde. mit einer (dieser?) person(en) war sie dann noch im wald einen joint rauchen. wars zufällig der wald beim waldbad, hmm? und wer ist dieser typ, der mittlerweile nicht mehr dort im wald gewesen sein will? erkennt ihn der 31-jährige wieder?

im übrigen bin ich der meinung, dass PULKAU in SCHWEIGAU umbenannt werden muss!

Nur das besagter Jointraucher heute nix mehr davon wissen will, das er das mal gesagt hat

... dort im wald findet sich sicher auch der fehlende zahn!

Dass das Tagebuch verschlossen und nicht verwerten werden soll, verstehe ich im Falle eines MORDES nicht im Geringsten.

Privatsphäre endet in diesem Moment.

Durch den wahrscheinlichen Drogenkonsum steht das Opfer ohnehin nicht mehr im besten Licht.

das kann doch nicht im Sinne der Eltern sein, das bei dieser wagen Faktenlage ein Unschuldiger lebenslang eingesperrt wird....

Nehmen wir an es stimmt wirklich, dass nur Ortskundige wissen können, dass dieser Erdkeller existiert, weil man den von der Straße nicht sieht

Das wären dann:
- der Angeklagte Michael K. (ist ja sein Grundstück)
- der Exfreund der dort Hanfpflanzen anbaute
- die Nachbarn (ja genau denen der Ball rübergeflogen ist)
- alle Polizisten, die am Grundstück freiwillige Nachschau hielten

Nicht nur:

Normalerweise kennen auch die Ortsjugendlichen überall auf der Welt jeden in der Nähe liegenden Keller, wo ein Besitzer nicht da ist oder war. Hat ja auch etwas mit Abenteuerlust zu tun. War ja auch in unserer Jugend nicht anders. Damit ist leider der Kreis viel größer.

> wo ein Besitzer nicht da ist oder war
Nicht einsehbar und "kein großer Hund mit dem wir nicht konnten" reichte uns schon aus.

Der 1-Tages-Ex-Freund von Julia Kührer hat den Keller ja ziemlich sicher gekannt. Damit besteht durchaus die Möglichkeit dass Julia den Keller auch gekannt hat. Und auch dort freiwillig wieder hingegangen ist. Ab und zu verschwinden, Drogenkonsum, Decke spricht da ja nicht gerade dagegen. Mit wem und wie sie dann dort zu Tode gekommen ist, bleiben natürlich noch offene Fragen.

unsere Polizei....

"Das Bemerkenswerte daran: Der Grund der Suche war ein Hinweis, dass K. "ein dubioser Typ" sei, der einen Keller habe, wo die Leiche versteckt sein könnte."

Beim Tagebuch ist die Behörde äußerst prüde - aber bei den NSA-Zugriffen auf Telefone, Handys, PCs, Emails leider nicht.

der NSA-datensatz "pulkau 2006" könnte aber ganz interessant sein! und auch ein lauschangriff nach der urteilsverkündung, wo dann wieder ein paar mütter ihren sprösslingen zuraunen werden: "guat gmocht, a in zukunft nix sogn. die hom nedamoi jetz wos in da hond gegn eich!"

Banana Country

In Österreich vor dem Richter zu stehen, kommt eher einem "Gottesurteil" gleich.

*sprachlosbin*

Da Hofa wars vom 20er Haus, der schaut ma so verdächtig aus . . .

Man bekommt den Eindruck, dass hier ein Hexenprozess stattfindet. Erinnert an Operation Spring oder den Tierschützerprozess. Die Staatsanwaltschaft will beweisen, dass der Angeklagte ein Ungustl ist und ruft dafür 100 (!) Zeugen auf. Das Plädoyer des Anklägers lautet: "Der Angeklagte ist ein Ungustl und kiffen tut er auch und die Kührer hat er sicher auch umgebracht. Ab in den Häfen mit ihm."

so wie ALLES in dem Land

einfach eine Operette ist ...

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