Im engen Sinn Schengen

19. September 2013, 17:47
4 Postings

Die europäische Reisefreiheit bezieht ihren Namen von einer hübschen Luxemburger Gemeinde, die recht selten das Ziel von Urlaubern ist - Das sollte sich ändern

Schengen ist knapp drei Kilometer lang, ungefähr einen halben Kilometer breit, und wer dort ohne äußeren Anlass ein paar Tage verbracht hat - in Schengen also auf Urlaub war -, hat daheim dann ziemlichen Aufklärungsbedarf. "Das weiß ich, wo's liegt", sagt eine, "in Holland!" Auf das skeptische Erstaunen meint einer, sie verbessernd: "Belgien!" Aber irgendwie ist eine solch pingelige Lagebesprechung eh fehl am Platz, denn: Schengen ist ja bekanntlich überall. Einerseits.

Andererseits liegt dieser ominöse Ort schon wo - und nicht bloß irgendwo -, nämlich in dem gerade im Herbst so wunderschönen, von steilen Weinbergen geradezu wachauartig gesäumten Tal der Mosel, im südöstlichsten Zipfel des Großherzogtums Luxemburg. Dort, wo es sich mit dem deutschen Saarland und dem französischen Lothringen zu etwas ganz Eigenem und jedenfalls Besuchenswerten zusammenfügt. Dieses reale Schengen hat nicht ganz 400 Einwohner, ist seit langem Teil einer luxemburgischen Großgemeinde, die bis 2006 den Namen ihrer größten Katastralgemeinde getragen hat: Remerschen. Aber kennt irgendwer Remerschen?

Schengen dagegen kennt jeder. Dennoch hat dieses Schengen - ein Name, der den H.-C. Straches Europas den Blutdruck ins akut Lebensgefährliche hochtreibt - eine geraume Zeit gebraucht, sich auch als Chiffre seiner selbst gewiss zu werden. Erst für die 25-Jahr-Feier der Unterzeichnung des ersten Schengen-Vertrages, 2010 also, hat sich das "lëtze-buergesche Wënzerduorf" adäquat herausgeputzt.

Pädagogisches Flanieren

Entlang der nunmehr geschniegelten Mosellände lässt sich recht angenehm flanieren durch die Geschichte europäischer Grenzenlosigkeit: vom europäischen Museum, sozusagen der pädagogischen Schengen-Aufbereitung, vorbei an der europäischen Säule, deren bronzene Sterne die EU-Länder prä- und repräsentieren, bis hinauf zur Schiffanlegestelle, wo am 14. Juni 1985 die Princesse Marie-Astrid geankert hat. An diesem Tag unterzeichneten die Vertreter der drei Beneluxstaaten, Frankreichs und Deutschlands hier den Vertrag über die unkontrollierte Reisefreiheit. Dem folgte ebendort am 19. Juni 1990 ein zweiter, den großen Schengenraum begründender Vertrag, den sogar die Schweiz unterzeichnet hat; die Schweiz!

Ein bisserl kam Schengen zu seiner Berühmtheit wie die berühmte Jungfrau zum Kind: Luxemburg hatte damals, 1985, halt gerade den EWG-Vorsitz inne. Der Außenminister - der den unglücklichen Namen Goebbels trug - hielt die Vertragsunterzeichnung auf dem französisch-deutsch-luxemburgischen Fluss für eine gute Idee. Und das war sie, wie das Schlendern entlang der Rue Robert Goebbels zeigt.

Schengen ist nicht nur Namensgeber, sondern gewissermaßen auch würdiger Repräsentant der europäischen Reisefreiheit. Im Dreiländereck gelegen, ist das nämlich die eigentliche Attraktion, das gezielte Grenzwechseln. Wer Gusto hat auf einen Kaffee, wie er sein soll, macht einen Rutscher hinüber ins französische Sierck-les-Bains. Den Hunger stillt man, wenn einem der Sinn nicht nach Mondänem, sondern nach Gediegenem steht, auf der gegenüberliegenden Moselseite, im deutschen Perl. Getankt allerdings wird schon in Schengen, zu Preisen wie in Österreich. Aneinandergereiht liegen da die Tankstellen an der Ausfallstraße, die - horribile dictu - direkt nach Dudelange führt: in einen Ort, der sich als Düdelingen 2012 tief und schmerzhaft in die Salzburger Fußballgeschichte gebrannt hat.

Hier, an Mosel und Saar, ist der auch touristisch interessante Kern des modernen Europa. In gemütlicher Tagesausflugsweite von Schengen liegen einige der Brennpunkte der kontinentalen Geschichte, die sich immer wieder entzündet hat an diesen industriellen, strategischen, aber auch ideologischen Besonderheiten. Das "Saar-Lor-Lux", wie sich die grenzüberschreitende Region nennt, war das Zuhause der europäischen Stahlindustrie. Die 1873 gegründete Hütte im saarländischen Völkingen ist 1994 als weltweit erste Industrieanlage zum Unesco-Kulturerbe erklärt worden und nun eines der wichtigen Industriemuseen Europas.

Architekt einer Nutzlosigkeit

Was die bodenschatzreiche und industriefleißige Gegend für militärische Konsequenzen zu tragen hatte, lässt sich auch in Tagesausflugsweite von Schengen erkunden. Knapp 50 Kilometer südöstlich von Saarbrücken liegt, versteckt in einem weiten Talkessel, das Städtchen Bitche, das sich rund um einen steil aufragenden Sandsteinfelsen gruppiert. Auf diesem Felsen steht immer noch eindrucksvoll die vom Militärarchitekten Ludwigs XIV., Sébastien Le Prestre de Vauban, errichtete Festung, die in jedem der nun folgenden Kriege eine entscheidende Rolle gespielt hat - bis hin zum Beweis ihrer Nutzlosigkeit als Teil der sogenannten Maginot-Linie quer durch Lothringen.

Das Museum, das in den Kasematten der Festung angelegt wurde, konzentriert sich eindrucksvoll auf den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, als Bitche 230 Tage lang und weit übers militärisch Sinnhafte hinaus von französischen Truppen gehalten wurde.

Moselabwärts, also nordöstlich von Schengen, lässt sich ein anderer, nicht minder spannender Aspekt deutsch-französischer Verwicklungen besuchen. In Trier hat die SPD im Geburtshaus des Karl Marx ein umfangreiches Museum eingerichtet, das unter anderem erzählt, dass Marx' Interesse am Zustandekommen von Verarmung auch daher rührt, dass er in seiner Kindheit die rasche Verödung des rheinischen Weinbaus und -handels hatte erleben müssen. Nach den napoleonischen Kriegen hat Preußen die Rheinprovinzen übernommen und mit einer hermetischen Zollgrenze gegenüber Frankreich versehen, was den deutschen Moselweinen schwer zu schaffen machte.

"Jetzt lassen sie sich fast schon trinken", sagt dann einer auf der Terrasse des Cafés neben dem Schengener Musée Européen. Der Blick schweift abendschwer über die Mosel, im Rücken steigt steil der Martinsberg hoch. Oben hat sich Wënzer Ruppert, der önologische Platzhirsch, einen unübersehbaren Keller hinstellen lassen. Grauburgunder empfiehlt der Gast. Rieslinge gibt es auch. Auf jeden Fall kosten aber müsse man den Auxerrois, "der ist schon was ganz Spezielles". Oder anders: hier Beheimatetes. (Wolfgang Weisgram, Rondo, DER STANDARD, 20.9.2013)

  • Zur 25-Jahr-Feier der Unterzeichnung des Schengen-Vertrags im Jahr 2010 wurde die Mosel-Lände im Dreiländereck mit Installationen wie der "Europa-Säule" behübscht.
    foto: vera sebauer

    Zur 25-Jahr-Feier der Unterzeichnung des Schengen-Vertrags im Jahr 2010 wurde die Mosel-Lände im Dreiländereck mit Installationen wie der "Europa-Säule" behübscht.

  • Der Österreich-Stern.
    foto: vera sebauer

    Der Österreich-Stern.

  • Karl Marx - hier als Installation des Künstlers Ottmar Hörl zu sehen - bezog sein Interesse für soziale Schieflagen wohl auch von der damaligen Verarmung der Weinbauern um seine Geburtsstadt Trier.
    foto: vera sebauer

    Karl Marx - hier als Installation des Künstlers Ottmar Hörl zu sehen - bezog sein Interesse für soziale Schieflagen wohl auch von der damaligen Verarmung der Weinbauern um seine Geburtsstadt Trier.

  • Auf dem Markusberg wachsen hinter rostigen EU-Sternen wieder die ersten luxemburgischen Star-Winzer heran.
    foto: vera sebauer

    Auf dem Markusberg wachsen hinter rostigen EU-Sternen wieder die ersten luxemburgischen Star-Winzer heran.

  • Anreise: Von Wien aus Direktflüge nach Luxemburg mit Austrian und Luxair oder mit Swiss via Zürich.
Unterkunft: Château de Schengen: Hier wurde das Schengener Abkommen unterzeichnet; am Ufer der Mosel gelegen, Doppelzimmer ab 145 Euro.
Infos: Schengen-Tourismus

    Anreise: Von Wien aus Direktflüge nach Luxemburg mit Austrian und Luxair oder mit Swiss via Zürich.

    Unterkunft: Château de Schengen: Hier wurde das Schengener Abkommen unterzeichnet; am Ufer der Mosel gelegen, Doppelzimmer ab 145 Euro.

    Infos: Schengen-Tourismus

Share if you care.