Defekte in der Drüse

  • Bislang lässt sich Prostatakrebs mit Medikamenten nur mäßig erfolgreich behandeln.
    foto: jens meyer/ap

    Bislang lässt sich Prostatakrebs mit Medikamenten nur mäßig erfolgreich behandeln.

Bei der medikamentösen Behandlung von metastasierendem Prostatakrebs sind bislang eher nur kurzfristige Erfolge zu verzeichnen - Der Grund: Die Zellen spielen biochemisch Katz und Maus

Solange sie an ihrem Entstehungsort bleiben, verhalten sie sich eher harmlos: Prostatakarzinome sind im Frühstadium gut behandelbar. Kritisch wird es, wenn sich Tumorteilchen absondern und über die Blutbahn ins Skelett gelangen und sich zu Metastasen entwickeln. "Dann lässt sich die Lebensdauer eines Patienten nur noch dadurch verlängern, dass man das Übergreifen auf lebenswichtige Organe verhindert", erklärt die Biomedizinerin Jenny Liao Persson von der Universität Lund.

Es ist ein Wettrennen zwischen Wissenschaft und Krankheit. Die Medizin verfügt heute zwar über ein Arsenal an Präparaten zur Bekämpfung von Prostatakrebszellen, doch keines davon kann Metastasen besiegen. "Es gibt derzeit keine Heilung", betont der Wiener Urologe Gero Kramer von der Med-Uni Wien.

Der Grund ist die enorme Variabilität der Prostatakarzinome. Grundsätzlich scheint das Gedeihen aller Prostatatumoren von Hormonen abhängig zu sein, in erster Linie von Testosteron. Der Androgen-Rezeptor, in der Fachsprache AR genannt, spielt ebenfalls eine Schlüsselrolle. AR ist ein komplexes Proteinmolekül, welches in Körperzellen vorliegt. Seine Hauptfunktion ist die Steuerung der Aktivität bestimmter Gene. Um selbst in Aktion zu treten, muss das AR-Molekül zunächst eine Bindung mit Testosteron oder einem verwandten androgenen Botenstoff eingehen.

Dynamik von Krebszellen

Der so entstehende Komplex wandert anschließend in den Zellkern ein und heftet sich dort an die DNA. Dadurch wiederum wird die Transkription von Genen initialisiert. Der Beginn der Proteinsynthese. Weitere Signalmoleküle werden so produziert. Diese kurbeln offensichtlich das Tumorwachstum an, denn ohne die von den Androgenen eingeleitete Kaskade stoppt das Wuchern.

Den obigen Erkenntnissen entsprechend galt die Kastration, ob chirurgisch oder chemisch durch Hemmung der Testosteronproduktion, als Hauptmittel zur Behandlung von fortschreitendem Prostatakrebs. Doch die Methode zeigt bei vielen Patienten nicht die erwünschte Wirkung. Früher oder später bilden sich trotzdem Metastasen. Diese Krankheitsformen hielt man zuerst für androgenunabhängige Varianten des Prostatakrebses. Ein Irrtum. Die Metastasen bilden irgendwann ihr eigenes Testosteron und sind so in der Lage, weiterzuwachsen.

Der komplexe Stoffwechsel der Krebszellen bietet Ärzten jedoch andere Angriffsmöglichkeiten. Der chemotherapeutische Wirkstoff Docetaxel zum Beispiel blockiert Veränderungen im Mikrotubuli-Gerüst. Infolgedessen wird die Zellteilung verhindert und bei der betroffenen Zelle die Apoptose eingeleitet. Sie stirbt. Die Wirkung von Docetaxel ist bei kastrationsresistenten Tumoren allerdings begrenzt.

Nach wenigen Monaten werden ihre Zellen resistent und teilen sich weiter. Womöglich fördert das Medikament diesen Prozess selbst. Wenn es trotz Eingreifens von Docetaxel bei einigen Zellen zur Teilung kommt, können Fehler bei der Reproduktion des Erbguts eintreten. Es entstehen Mutationen mit dem Potenzial zur Resistenzentwicklung.

Bei einem weiteren medikamentösen Bekämpfungsansatz nimmt man das Androgenrezeptormolekül ins Visier. Diese Methode basiert auf dem Einsatz spezieller Antiandrogene - Substanzen, die sich an die Bindungsstelle für Testosteron anheften und so das Zusammenspiel zwischen AR und den Hormonen verhindern.

Ein nach diesem Prinzip funktionierender Wirkstoff ist Enzalutamid. Das Präparat wurde im Juni dieses Jahres EU-weit zur Behandlung von aggressiven Prostatakarzinomen nach Chemotherapie zugelassen. Im Rahmen einer großangelegten Studie zeigte sich, dass Enzalutamid die Überlebensdauer von Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs um durchschnittlich 4,8 Monate verlängerte. Bei nur geringen Nebenwirkungen und einer verbesserten Lebensqualität (New England Journal of Medicine, Bd. 367, S. 1187).

Eine vollständige Heilung ermöglicht Enzalutamid jedoch nicht. Forscher haben bereits mutierte AR-Gene nachgewiesen, die eine strukturelle Veränderung des Proteinmoleküls bewirken (vgl. u. a.: Cancer Discovery, Bd. 3, S. 1030). Die Folge: Die Androgene können trotzdem andocken, oder der AR ist sogar in der Lage, zusammen mit dem Antagonisten Enzalutamid einen funktionellen Komplex zu bilden und so die Signalkette in Gang zu setzen. Das ursprüngliche Gegenmittel wird zum Hilfsstoff.

Gero Kramer ist dennoch zuversichtlich. Die positive Wirkung von Antiandrogenen kann durchaus länger anhalten, erklärt er, sogar mehrere Jahre, für die Weiterentwicklung solcher Medikamente sieht er große Perspektiven. "Dies ist erst der Anfang."  (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 19.9.2013)

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