"Die Titulierung 'Monster' ist ein Ausdruck der Angst"

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Die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie über Ferndiagnosen, psychologische Tests für Jäger und warum sich solch eine Tat nie ganz vermeiden lässt

Die Psychotherapeutin Maria-Anna Pleischl warnt im derStandard.at-Chat vor Ferndiagnosen über den Amokläufer in Niederösterreich, da nur bei einer Behandlung des Täters eine Diagnose durch Fachkräfte möglich gewesen wäre. Dennoch glaubt sie nicht, dass solch eine Tat von einem psychisch gesunden Menschen durchgeführt worden wäre.

Bei der Behandlung von psychisch Kranken sieht die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie Nachholbedarf, wenn es um das Recht auf kassenfinanzierte Psychotherapie geht. Pleischl fordert zudem niederschwellige Angebote im "Psychobereich". Sie könnten potentiellen Tätern, die selbst von ihrer Krankheit wissen, eine Hilfe sein. (red, derStandard.at, 19.9.2013)

ModeratorIn: Wir begrüßen die Präsidentin des österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie, Maria-Anna Pleischl, im Chat, die sich den UserInnenfragen stellen wird.

Maria-Anna Pleischl: Ich begrüße die User die sich zu diesem außergewöhnlichen und tragischen Vorfall informieren wollen.

UserInnenfrage per Mail: Nach so einer Tragödie kommen immer wieder Aussagen von Anrainern und Freunden, dass „sie sich so eine Tat von dem Menschen nie gedacht hätten“. Wie lässt es sich vermeiden, dass sich so etwas unbemerkt zusammenbraut?

Maria-Anna Pleischl: Ganz vermeiden lässt sich das nie, da es sich tatsächlich oft unbemerkt zusammenbraut. Zu vermeiden sind nur jene Vorfälle, wo betroffene mögliche Täter und Angehörige, Freunde, Nachbarn bereit sind offen über Phänomene zu sprechen und bereit sind an sich zu arbeiten.

Error418: Führt lang andauernte Einsamkeit zwangsweise zu einer psychischen Störung oder hängt das von der Person ab?

Maria-Anna Pleischl: Langandauerende Einsamkeit führt nicht zwangsläufig zu einer psychischen Störung. Wir Menschen sind jedoch ein soziales Wesen und brauchen zu unserer gesunden psychischen Entwicklung Gruppen und soziale Umwelten.

UserInnenfrage per Mail: Welche Auswirkungen kann solch eine Tat auf die Psyche der BewohnerInnen des Ortes haben?

Maria-Anna Pleischl: Die psychischen Auswirkungen reichen vom aktuellen Schock bis Angstreaktionen und langfristigen Verlust von Vertrauen. Um dem vorzubeugen wird in der Regel von Anfang an ein Team der Krisenintervention und psychische Unterstützung von Fachleuten angeboten.

UserInnenfrage per Mail: Jäger brauchen kein psychologisches Gutachten, um eine Waffe zu erwerben. Hat das seine Berechtigung? Bzw. ist der bereits verfügbare psychologische Test brauchbar?

Maria-Anna Pleischl: Aus psychohygienischer Sicht halte ich es für sinnvoll, dass sich Waffenbesitzer, auch wenn sie keine Verpflichtung dazu haben, einen psychologischen Test unterziehen sollen. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich solch schreckliche Taten nicht gänzlich dadurch verhindern lassen.

Dirk Standrad: Wie umfangreich müsste ein Test angelegt sein, damit Menschen mit derartigen Tendenzen keine Feuerwaffe besitzen dürfen?

Maria-Anna Pleischl: Psychologische Tests für Waffenbesitzer sind umfangreich. Ob diese ausgeweitet werden müssen obliegt zuständigen Fachleuten.

UserInnenfrage per Mail: Es wird immer wieder medial verbreitet, dass Menschen, die anderen Menschen etwas antun, oft zuvor Tiere quälen bzw. andere Straftaten wie Brandstiftung begehen. Kann man das allgemein so behaupten oder ist das von Fall zu Fall unterschiedlich?

Maria-Anna Pleischl: Das mag hin und wieder der Fall sein. Die Problematik liegt jedoch, wie in diesem Fall darin, dass der Täter nicht bekannt war.

ModeratorIn: Frage aus dem Forum – User "(*-*)" könnte es sich nicht um eine Form der Manie, gepaart mit Schizophrenie usw. handeln? das klauen, das horten, das Doppelleben usw. deuten doch auf eine Geisteskrankheit und deren Schüben hin?

Maria-Anna Pleischl: Ferndiagnosen sind bei derart komplexen Vorgängen nicht angebracht. Der Täter war in seiner Umgebung unauffällig und nach Aussagen der Nachbarn ganz ok. Das komplizierte daran ist, dass ein Doppelleben nicht erkannt wird. Nur bei einer Behandlung des Täters wäre eine Diagnose durch zuständige Fachkräfte zu klären gewesen.

UserInnenfrage per Mail: Medien sind in solchen Fällen schnell mit Titulierungen wie „Monster“ oder „Irrer“. Wie vorsichtig muss man mit solchen Ausdrücken umgehen und wann wird ein Mensch zum „Monster“?

Maria-Anna Pleischl: Die Titulierung "Monster" oder "Irrer" ist für mich ein Ausdruck der Angst. Der Angst vor Menschen die so sein könnten wie der Täter, aber auch der Angst vor eigenen unbewussten, dunklen psychischen Anteilen. Sich dieser Angst bewusst zu werden verhindert in der Regel auch die schnelle Stigmatisierung von psychischen Phänomenen oder der Ausgrenzung psychischer Kranker.

ModeratorIn: Frage aus dem Forum – User "Standardabweichung" Glauben Sie, dass die Polizei die Gefährlichkeit des Mannes unterschätzt hat? Wird in solchen Fällen zuvor Rat bei Psychologen eingeholt? Denn aufgrund der Spuren, die er als Wilderer hinterlassen hat,

Maria-Anna Pleischl: Ich gehe davon aus, dass die Polizei psychologisch beraten war und auch die Gefährlichkeit des Mannes richtig eingeschätzt hat. Nicht umsonst wurde eine Spezialeinheit der Polizei angefordert.

UserInnenfrage per Mail: Wie soll man mit jemandem in so einer Situation sprechen? Was könnte deeskalierend wirken? Oder lieber schweigen (wenn man zum Beispiel bedroht oder als Geisel genommen wird)

Maria-Anna Pleischl: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Das ist von Fall zu Fall verschieden. Reaktionen sind der Situation anzupassen. Deeskalation ist in jedem Fall das Ziel. Wie dieses Ziel erreicht wird, hängt z.B. von Faktoren wie Beziehung zu dem Täter oder der Bedrohung von außen ab.

banshee o'hara: Die Veränderungen in den letzten Jahren in der Medizin und Gentechnik, die auch populär in Medien wiedergegeben werden lassen darauf schließen, dass es einen starken Verdacht auf ein Soziopathie-Gen (Gene?) gibt. Wäre es sinnvoll in diese Richtung z

Maria-Anna Pleischl: Das ist eine Frage an Genwissenschafter. Aus der Praxis zeigt sich, dass die Anzahl psychotisch auffälliger Menschen sich nicht verändert. Dazu möchte ich nicht mehr sagen.

suit: Bei jüngeren Tätern werden als Auslöser für derartige Taten immer wieder moderne Medien wie das Internet, Computerspiele oder Filme ins Feld geführt. Aufgrund des Alters des Täters ist dies hier wahrscheinlich keine Option und man muss konventionell

Maria-Anna Pleischl: Ja, da gebe ich Ihnen Recht. Internet, Computer oder Filme werden oft vorschnell als Ursachen ausfindig gemacht. Hier spielt das wohl keine Rolle. Hier handelt es sich um einen schwer einzuordenbaren und wie wir erst im Nachhinein wissen sehr gefährlichen Täter.

1520ee43-cd17-4ef5-85a3-b78083f7a93a: Würden Sie es für möglich halten, dass derlei Taten von einem psychisch "Gesunden", zumindest Tatzeitpunkt, ausgeübt werden?

Maria-Anna Pleischl: Von einem psychisch Gesunden ist das nicht vorstellbar.

stopfgm: Wie wird den Menschen im Umfeld des Täters der Übergang in den "normalen" Alltag wieder möglich? Kann sich die Umgebung (der Ort sowie Verwandte/Bekannte) je von dieser "Stigmatisierung"/Ettiketierung lösen? Wie und inwieweit?

Maria-Anna Pleischl: Ich gehe davon aus, dass das soziale Umfeld des Täters bestmögliche Unterstützung durch Krisenintervention und Psychotherapie erfährt. Um langfristige Schäden zu vermeiden, treten wir Psychotherapeuten für eine "Therapie auf Krankenschein" ein. Opferorganisationen nehmen sich engagiert dieses Themas an und unterstützen Opfer langfristig.

UserInnenfrage per Mail: Der Verlust eines geliebten Menschen ist immer schwer. Welchen Einfluss kann ein so großes öffentliches Interesse am Tod von Personen unter anderem durch Medien auf Angehörige haben?

Maria-Anna Pleischl: Den Angehörigen gehört unser Mitgefühl. Das öffentliche Interesse an der Tat ist verständlich und nachvollziehbar, sollte aber vor den Angehörigen Halt machen.

Daniel(!): Angesichts dieses tragischen Vorfalles, sind sie der Meinung, dass psychische Krankheiten in Ö ausreichend behandelt werden?

Maria-Anna Pleischl: Als Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie ist es mir ein großes Anliegen, dass psychisch Kranke ein Recht auf kassenfinanzierte Psychotherapie haben und auch bekommen. In Österreich gibt es hier einen Nachholbedarf.

jodlaju: Man hat das Gefühl, es gibt oftmals keine richtige Lösung für Menschen, die potenziell gefährlich sind. Das Unterbringungsgesetz gilt oft für einen "kurzen" Moment, dann werden die Menschen oftmals sich selbst überlassen, alles basiert auf "Freiwill

Maria-Anna Pleischl: Die Psychotherapie, die Psychologie und die Psychiatrie treten dafür ein, dass psychisch Kranke nicht mehr stigmatisiert werden, dass sie im Rahmen der Freiwilligkeit jede Unterstützung erfahren. Die "potentiell" Gefährlichen, die Sie ansprechen, sind dadurch nicht zu erfassen. Niederschwellige Angebote im "Psychobereich" könnten potentiellen Tätern eine Hilfe sein.

tec nine: liebe Frau Pleischl, erleichtert Ihrer meinung nach das erschiessen von tieren(der beruf als jäger)solch eine tat ? - bzw. was veranlasst uns menschen dazu leid tieren gegenüber zu relativieren ?

Maria-Anna Pleischl: Es ist strikt auseinanderzuhalten zwischen dem ordnungsgemäßen, erlaubten Töten von Tieren und dem Quälen von Tieren. Wer Tiere quält, dem fehlt es sicher an Mitgefühl, ist potentiell gefährlich und wird auch strafrechtlich verfolgt. Jäger sind in der Regel gut ausgebildet, unterliegen eigenen Gesetzen und kommen nicht häufiger als Täter in betracht als andere Berufsgruppen.

HomoSapiens: Instabile, emotionale Persönlichkeit verbunden mit traumatischen Erlebnissen, sozialer Rückzug/Eigenbrötlerei und nach aussen hin "angepasst" ... WAS kann man tun, wenn man so jemanden kennt und weiß, dass diese Person sozusagen eine "tickende Zeitb

Maria-Anna Pleischl: Persönlichkeiten mit derartigen Symptomen sind eine Herausforderung für ihre Angehörigen, für ihre Umwelt. Meist obliegt es den Angehörigen sie darauf anzusprechen, ihnen Therapie oder andere entsprechende Behandlungen anzubieten. Haben sie dabei keinen Erfolg, sollte nicht der Rückzug angetreten werden, sondern ihrerseits fachliche Unterstützung in Anspruch genommen werden.

paul_h1982: Sehr geehrte Frau Pleischl, angenommen der Täter hätte gefasst werden können und wäre in weiterer Folge untergebracht worden: Wäre so jemand therapierbar in dem Sinn, dass er keine weiteren strafbaren Handlungen mehr begeht?

Maria-Anna Pleischl: Allgemein lässt sich sagen, dass Menschen mit schweren psychischen Problemen mit langer Therapiedauer zu rechnen haben. Was in jedem Fall erreicht werden kann, ist eine Stabilisierung der Persönlichkeit, ob weitere strafbare Handlungen für immer verhindert werden können, ist eine schwer zu treffende Einschätzung jedes Psychiaters/jeder Psychiaterin.

The Last Lucky Savage: Fördern ländliche Gegenden Gewalt

Maria-Anna Pleischl: Sicher nicht.

stopfgm: Sie schrieben von der Wichtigkeit niederschwelliger Angebote. Die Mehrheit der Menschen hat aber (nachvollziehbar) nicht mal Ahnung von den Unterschieden der Psychotherapie, Psychologie und Psychiatrie. Wie kann Transparenz und somit auch das Commit

Maria-Anna Pleischl: Die Zusammenarbeit der drei Professionen funktioniert aus meiner Sicht sehr gut. Die Zuweisungen untereinander sind Standard in unserer Arbeit. Die Aufklärung für unsere PatientInnen/KlientInnen sollte tatsächlich verbessert werden.

ModeratorIn: Leider konnten nicht alle Fragen gestellt werden. Wir bedanken uns bei Maria-Anna Pleischl für Ihre Zeit und bei den UserInnen für zahlreiche interessierte Fragen.

Maria-Anna Pleischl: Ich bedanke mich für das Interesse und der Ernsthaftigkeit sich mit dem tragischen Ereignis auseinanderzusetzen. Vielen Dank und auf Wiedersehen!

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