Die verbotenen Stiche ins Ohr

Walter Müller
18. September 2013, 18:42
  • Stiche ins Ohr zu Modezwecken regelt das Wirtschaftsministerium, Stiche mit Akupunkturnadeln das Ärztegesetz.
    foto: jade/blend images/corbis

    Stiche ins Ohr zu Modezwecken regelt das Wirtschaftsministerium, Stiche mit Akupunkturnadeln das Ärztegesetz.

Für Piercings oder Tattoos dürfen auch medizinische Laien Stiche in die Haut setzen. Stiche mit Akupunkturnadeln ins Ohr sind aber nur Ärzten erlaubt. Akupunkturärzte kritisieren jetzt diese abstruse, speziell österreichische Gesetzeslage

Graz - "Es ist eigentlich eine schizophrene Situation. Stich ist nicht gleich Stich", sagt Thomas Ots. Der Grazer Mediziner setzt bei seinen Behandlungen auch Akupunktur ein und fungiert als Österreich-Obmann der speziellen Nada-Akupunktur.

Nada ("National Acupuncture Detoxification Organisation") ist eine in den USA in den 1980er Jahren entwickelte Spezialform einer Ohren-Akupunktur. Sie wurde ursprünglich vorwiegend bei Heroinabhängigen, in den letzten Jahren aber auch erfolgreich bei psychischen Erkrankungen, Stress oder Burnout eingesetzt. Die Behandlung besteht im Kern aus einer sehr einfachen Akupunktur mit maximal fünf Nadeln und sei "leicht erlernbar, auch für Nicht-Mediziner", sagt Ots.

"Die Methode ist standardisiert, man kann sie im Prinzip in Wochenendseminaren erlernen. Der Haken und eben die Schizophrenie dabei ist: Die Anwendung der Nada-Akupunktur ist - im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten - nur Ärzten und medizinischem Personal erlaubt, nicht aber Psychotherapeuten ohne Medizinstudium, Psychologen oder Sozialarbeitern, die oft am engsten mit den Patienten, die sie behandeln und betreuen, verbunden sind", argumentiert Ots im Gespräch mit dem Standard. In der Schweiz etwa könnten auch Sozialarbeiter diese Akupunkturmethode längst zur Behandlung ihrer Klienten nach entsprechenden Schulungen einsetzen.

Erlaubte Stiche

"Auf der anderen Seite", sagt Ots, "dürfen an jeder Hausecke Tausende oft junger Menschen von Laien ohne jede medizinische Ausbildung gepierct oder tätowiert werden, was eine wesentliche schwerere Beeinträchtigung des Körpers nach sich zieht."

Stiche ins Ohr als Schmuck oder Modestatement ist nur durch die Verordnung 141 für das Piercen und Tätowieren durch Kosemetik (Schönheitspflege-)Gewerbetreibende des Wirtschaftsministeriums geregelt. Ausbildung ist keine erforderlich. Stiche ins Ohr als therapeutische Maßnahme hingegen sind klar medizinrechtlich geregelt. Sie dürfen nur von medizinischem Personal durchgeführt werden.

"Das ist eben der Punkt", sagt der Grazer Hautarzt Gerhard Leitinger von der steirischen Ärztekammer. Es gehe bei der Akupunktur um eine medizinische Behandlung und diese sei eben Ärzten vorbehalten. Auch die vorhergehende Diagnose müsse ärztliches Fachpersonal vornehmen, da hätten Laien - also Nicht-Mediziner - keinen Platz.

Pflaster als Alternative

Wiewohl er zugeben müsse, dass die rechtliche Situation tatsächlich "nicht befriedigend" sei.

Diese abstruse Gesetzeslage habe in Österreich jedenfalls dazu geführt, das bisher lediglich 300 Personen auf diese spezielle Akupunktur-Methode ausgebildet worden seien, im Vergleich zur Schweiz, wo es bereits 2800 Nada-Spezialisten gebe, sagt Ots.

In Österreich habe man sich jetzt damit beholfen, auf eine Alternative zurückzugreifen: Ein Magnetpflaster, das zwar nicht dieselbe Wirkung wie eine Akupunkturnadel besitze, dafür aber einen längeren Zeitraum auf der Haut getragen werden könne. Erste Langzeit-Erfahrungen mit dem Nadelersatz sind unter anderem Gegenstand eines Internationalen Nada-Kongresses am Wochenende bei den Grazer Minoriten. (Walter Müller, DER STANDARD, 19.9.2013)

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was ist denn das für eine komische republik, die zwanghaft alles und jedes regeln will? gerade die geschichte der nada-akupunktur zeigt, wie einfach es funktionieren könnte. die fünf nadeln im ohr, dafür gibt es weltweit eindrucksvolle dokumentationen, würden dem gesundheitssystem abermillionen ersparen helfen und betroffenen ihre situation um vieles erträglicher machen. politik, und standespoltik: machen sie einen blick über den tellerrand, sprich ins benachbare ausland...

NADA im Psychoszialen Bereich

Im Psychosozialen Dienst Leibnitz wird NADA Ohrakupunktur für Menschen mit psychischen Erkrankungen seit 2 Jahren mit sehr großer, positiver Resonanz der Behandelten angeboten. Die Nachfrage ist enorm, sodaß wir derzeit eine Warteliste mit 80 KlientInnen habe; leider erlaubt der Gesetzgeber nicht, dass nicht medizinisch ausgebildete Personen die Akupunktur durchführen. Für unsere Tätigkeit wäre aber die Ausweitung der Berechtigungen auf Berufgruppen wie SozalarbeiterInnnen, PsychologInnen usw. sinnvoll um diese effektive Methode mehr Menschen zur Verfügung stellen zu können. In anderen eropäischen Ländern und der USA ist das sehr wohl möglich.

macht doch sinn.

wer alt genug ist und sich sein ohr verstümmeln lassen will, kann das tun. dem sollte es egal sein, wer das macht, oder wie. bzw. soll er sich selber aussuchen, wem er das zutraut.

wer akupunktiert werden will, erhofft sich eine verbesserung seiner gesundheit davon. deshalb sollte der stecher irgendeine objektive befähigung dazu haben, das auch richtig zu können.

Verbotene Stiche ins Ohr

Auf der Euro-NADA-Konferenz am Wochenende in Graz wurden weltweite Beispiele gezeigt, wie bei Menschen in Krisen oder Menschen in Krisengebieten die heilsame NADA-Ohr-Akupunktur angewendet wurde. So berichtete z.B. Janet Paredes von den Philippinen, wie nach dem Taifun "Pablo" im Dezember 2012 drei Teams von NADA-Experten ausrückten, um geschockten Menschen im Elend mit NADA wieder Halt im Leben zu geben. Natürlich waren es nicht ausreichend Therapeuten. Also wurden gleich Lehrer einer Schule, die als Auffanglager diente, in NADA ausgebildet. Der Bericht gab standing ovations – von ausländischen NADA-Experten, die das auch dürfen, und von österreichischen, die das nicht dürfen. Es ist an der Zeit, diese abstruse Gesetzeslage zu verändern.

Die Aussagen sind nochmal durch was untermauert?

Der Artikel von Walter Müller ist gut recherchiert. Ich behandle als Arzt in Hamburg Drogenabhängige: seit 15 Jahren unter anderem auch mit der NADA-Ohrakupunktur. Es gibt keine medizinisch stichhaltigen Gründe, warum diese Art einfachster Akupunktur nur von Ärzten durchgeführt werden sollte. Die meisten Ärzte sehen diese oft schwierigen Patienten gar nicht und wollen sie auch gar nicht in ihrer Ordination haben. Daher wäre es für die Patienten ein Segen, die NADA-Ohrakupunktur könnte in Drogenberatungsstellen von allen dort Berufstätigen durchgeführt werden, sofern sie eine Ausbildung darin haben. Die dauert 4 Tage. Wie gesagt: Piercing ist erheblich gefährlicher.

Nicht KosEmetik (da wird nicht gekost), sondern KOSMETIK!

Nada...

Nada wie Nichts!
So kann man den Blödsinn sehr gut bezeichnen!

Bei Tinnitus...

hat die Ohrakkupuntur geholfen!... Zusammen mit herkömmlicher Akkupunktur (wovon ich weniger überzeugt war) und Kräutern (sehr gut). Alles zusammen hat eine TCM Ärztin angeboten. Hat meinen Tinnitus um geschätzte 50% reduziert. Ist allerdings sehr teuer eine TCM wenn´s die Kasse nicht übernimmt. Auch ein dauerhafter Erfolg ist nicht sicher garantiert, aber einen Versuch ist´s allemal wert. Sehr empfehlenswert.

Zum Glück übernimmt eine Krankenkasse so etwas auch nicht. TCM ist (auch) ein Fake. Seien Sie froh, dass der Tinnitus sich gebessert hat, aber die TCM war's wohl nicht. Wenn es Sie freut, sinnlos Geld auszugeben und Sie sich vielleicht dadurch besser fühlen, würde ich Ihnen allerdings sicher auch etwas anbieten können.

Das gilt übrigens auch für Medikamente aller Art. Die helfen auch nicht, die Besserung tritt zufällig ein.

"In der Not frisst der Teufel Fliegen" wie´s so schön heisst. Ich hab viel ausprobiert und TCM hat was gebracht.

was war's denn? tigerzahnpulver?

Ageh, da braucht man scho was richtig 'wirksames'; gerieben Pandapenis

Hmm ich hab gestern Kopfschmerzen gehabt, hab dann viel getrunken aber das hat keine plötzliche Veränderung gebracht. Dann hab ich einen Film angeschaut.
Danach waren die Kopfschmerzen weg.

Hat der Film was gebracht?

Aber eigentlich

will der Herr Doktor doch nur mehr Kurse durchführen.
Schnell verdientes Geld.

Schwierige Entscheidung

Einerseits, warum sollte Hokus Pokus nur echten Ärzten erlaubt sein - schließlich darf ja auch jeder Hilfsarbeiter und jede unterbeschäftigte Hausfrau "Energetiker" werden.

Andererseits besteht dann vielleicht doch die Hoffnung, dass ein Arzt zumindest erkennt, wenn jemand wirklich Hilfe braucht und ihm dann eine evidenzbasierte Behandlung zukommen lässt.

Die Ärzte verkommen immer mehr zur Geldgierigen Berufsgruppe.

Vor wenigen Monaten noch, gab es bei einem Drogeriefachmarkt wunderbare Alternativemedizin für fast jeden Bedarf. Alles schön beschrieben mit Hinweisen zur Einnahme, für was es helfen kann usw.

Plötzlich durften laut EU Gesetzte keine Hinweise für die Gesunheit drauf stehen?

JA warum nicht?

Ich glaube die Antwort kann sich ein jeder selben geben.

Die Antwort ist vermutlich:

Da das Zeug für gar nichts gut ist, darf natürlich auch nicht drauf stehen, dass es für was gut wäre.

Meinetwegen könnte man aber gerne drauf schreiben:
"Placebo! Hilft gegen alles und nichts.
Nehmen Sie soviel wie Sie möchten, 3 x täglich.
Und gehn Sie zu einem Arzt wenn's nicht besser wird, bzw. zu einem Leichenbeschauer, wenn's für den Arzt dann schon zu spät ist."

http://darkmoon333.da.funpic.de/Cutting.htm

"Wenn sauber gearbeitet wird, daß heißt auch Desinfektionsspray benutzen, ist demgegenüber sicher nichts einzuwenden. Die Vorliebe gilt hier häufig den Brustwarzen, Schamlippen, Hoden und Penis. Alles sehr gut durchblutete Organe, kann also bluten, und das nicht gerade wenig.

Einige benutzen Nadelung, um mit Gewichten die Belastbarkeit auszutesten. Haut ist in diesem Falle sehr dehnbar, wenn ihr genügend Haut mit erfaßt habt, wenn nicht kann solch einen Konstruktion auch schon mal reißen."

Ich verstehe eigentlich überhaupt nicht, wozu da die Schulung anderer Berufsgruppen nötig ist. Es gibt genug akupunktierende Ärzte, die das machen können - und wesentlich billiger ist ein Sozialarbeiter oder Psychologe auch nicht - oder doch?
Ich finde, eine medizinische Leistung darf durchaus etwas wert sein - auch in finanzieller Hinsicht. Und wenn man überlegt, wo und wofür Patienten ihr Geld sonst so hinblättern, dürfen sie es auch ruhig einem ausgebildeten Arzt bezahlen.

Und dann kommt wahrscheinlich noch dazu, daß ein übergeordneter Arzt die Therapie durch andere Berufsgruppen "anordnen" und dafür mit seiner Unterschrift die Verantwortung tragen soll - wie es auch im Pflegebereich neuerdings angedacht wird.

in welcher hinsicht soll akupunktur denn eine medizinische leistung sein?

Die medizinische Leistung liegt in der vorherigen Anamnese, Diagnosestellung und Erwägung der Therapiealternativen bzw. -Notwendigkeiten.
Akupunktur macht man dann, wenn andere Methoden nicht sinnvoll und nebenwirkungreich sind und nicht geholfen haben; der Patient aber immer wieder kommt und Hilfe wünscht.

Also eben nicht in der Akupunktur.

Akupunktur ist nicht sinnvoll, es ist ein tolles Placebo, aber keine wirksame Behandlungsmethode. Da kann man gleich auch Globuli zurückgreifen.

Na auch die kann nur schlecht sein wenn man auf Akupunktur zurückgreift!

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