"Vielleicht hat er seinen Abgang inszeniert"

Interview |
  • Alfred Pritz: "Kaltblütigkeit" im Spiel.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Alfred Pritz: "Kaltblütigkeit" im Spiel.

Der mutmaßliche Todesschütze habe paranoid agiert, meint Psychoanalytiker Alfred Pritz. Zum Aufarbeiten des Falles brauche es öffentliches Mitgefühl, sagt er Irene Brickner.

Standard: Ein Mann durchbricht mit dem Auto eine Polizeistraßensperre – aber statt weiterzufliehen, eröffnet er das Feuer auf die Beamten: Würden Sie das als Kurzschlusshandlung bezeichnen?

Pritz: Wenn die in den Medien kolportierten Aussagen der Bekannten des Verdächtigen stimmen, so hatte sich seine Situation psychisch zuletzt zugespitzt. Also hat er vielleicht im Affekt beschlossen, dass es ihm jetzt reicht. Vielleicht hat er aber auch seinen Abgang inszeniert.

Standard: Und da hat er vier Menschen mitgenommen? Hier waren wohl viel Druck und Hass im Spiel.

Pritz: Oder aber einfach Kaltblütigkeit, in Zusammenhang mit einer paranoiden Verfolgungsidee, also einer psychischen Störung. Aber das wissen wir nicht genau.

Standard: So wie oft nach derlei Gewaltausbrüchen betonen jetzt Nachbarn, wie still und friedfertig der Verdächtige gewesen sei. Passen die Menschen nicht gut genug aufeinander auf?

Pritz: Ich würde den Nachbarn keine Schuld geben. Wenn sich jemand zurückzieht, so ist das sein gutes Recht. Auffällig wird das Verhalten eines solchen Nachbarn immer nur in der Rückschau.

Standard: Das heißt, dass es nur wenig Warnhinweise gibt. Sind also derlei Verbrechen im Grunde nicht zu verhindern?

Pritz: Das würde ich so nicht sagen. Wer wissen will, ob genug zur Prävention geschieht, muss fragen, ob es im Umfeld genug psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfsangebote gibt, von denen Betroffene auch wissen.

Standard: Der Verdächtige stand unter dringendem Wildereiverdacht. Das tut heute in Mitteleuropa niemand mehr wegen des Gratisfleisches. Wie ist die Psychologie des modernen Wilderers?

Pritz: Eines seiner Motive ist, dass man nicht wildern darf, also dass man etwas Verbotenes tut. Hinzu kommt die Genugtuung, lang nicht erwischt zu werden. Im aktuellen Fall ist laut Berichten darüber hinaus noch das Kopfabschneiden und Kadaverliegen­lassen auffällig: etwas sehr Unwaidmännisches. In diesen Handlungen liegt auch etwas Symbolisches und Brutales; eine Grausamkeit, die sich dann offenbar auch in der Tötung völlig unschuldiger Menschen Bahn gebrochen hat.

Standard: Der aktuelle Fall ist in Österreich bisher einmalig, was die Brutalität und die Zahl Getöteter angeht. Was muss passieren, um das Geschehen zu bewältigen?

Pritz: Sehr positiv fand ich, dass in den ersten Reaktionen sofort das Leid der Opferangehörigen im Mittelpunkt stand. Das zeigt, dass es ein öffentliches Mitgefühl gibt, und das ist ganz wichtig. Denn genau Mitgefühl war dem Täter ja abhandengekommen. Dieser Mann hat nur noch seinen Impulsen nachgegeben. (Irene Brickner, DER STANDARD, 19.8.2013)


Zur Person:

ALFRED PRITZ (60) ist Gründer der Sigmund-Freud-Uni in Wien und Präsident des World Council of Psychotherapy.

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Da gibt es wieder einige Dinge bei der Geschichte,

die mich ziemlich stutzig machen.

Z.B: da hat einer ein ganzes Arsenal von Waffen und dann befindet er es für nötig, sich in einem Keller bei schlechter Sauerstoffzufuhr qualvoll zu verbrennen, was außerdem ziemlich schwierig ist. Das ist wirklich sehr merkwürdig.

Oder vielleicht gab es eine ganz andere Todesursache und um diese zu kaschieren verbrannte man den Wilderer ganz einfach.
Ist nur so eine Überlegung, würde aber viel mehr Sinn ergeben.

Wie so oft geht die Geschichte so aus, dass der Wilderer nichts mehr sagen kann. Seine eigene Version der Geschichte werden wir also nie erfahren.

'öffentliches Mitgefühl'

Nur die Frage: für den Täter oder für die Angehörigen der Opfer? Und Ferndiagnosen: s. Fall Gustl Mollath - 7 Jahre wahrscheinlich unschuldig in der Psychiatrie - die letzten 2 Jahre auf alle Fälle, s. Urteil der obersten deutschen Gerichtsinstanz. Was wir brauchen: 1. wenn Medienberichtsverbot, dann Verbot. Wer sich nicht dran hält, Strafe! 2. Regelmäßige Überprüfung von Waffenbesitzer, auch wenn die einen Waffenschein haben, und 3. Mehr Ausbildung der Cobra, Polizei... in Richtung Prävention.

Der Fall Gustl Mollath ist indeed very interesting: "Just because you‘re paranoid, does not mean they!re not out to get you". Ich denke mal dazu, dass der Mollath sehr wohl verhaltensauffällig war und sicher seine Frau gewalttätig angegriffen hat, aber das machen viele Leute und die kommen auch nicht so einfach in die Psychiatrie. Ich denke also, er war durchaus psychisch etwas daneben, aber hatte wohl recht mit seiner Idee und ich wage zu behaupten, dass er deshalb auch in die Psychiatrie gekommen ist. Weil in wievielen Ehen oder Scheidungsfällen oder was weiss ich was kommt Gewalt vor und wieviele davon landen aufgrund eines Gutachtns in der Psychiatrie. Das stinkt schon gewaltig!

Ferndiagnosen sind rein spekulativ,

doch habe ich den Verdacht - und spreche aus jahrelanger Erfahrung als Analytiker und Psychotherapeut - daß es sich bei Alois H. um eine Psychose gehandelt hat, die an diesem kritischen Tag, durch Traumata bedingt, voll ausgebrochen ist: das Ertapptwerden mit gestohlenem Autokennzeichen und die Verfolgung konfrontierten ihn mit der Realität, dann wurde im Schußwechsel mit den Sicherheitskräften sein einziger sozialer Bezug, die Jagdhündin, so schwer verletzt, daß er sie "erlösen" mußte , und er
selbst erlitt dabei einen Schuß in den Bauch (!). Was danach geschah, war - pathologisch - konsequent. Den Angehörigen seiner Opfer gilt mein Mitgefühl, doch ich trauere auch um Alois H., einen psychisch Kranken.

Ich trauere nicht um Alois H. weil der hat auch keine Empathie. Welche Analyse haben sie denn gemacht? Ich tippe zum Beispiel nicht auf Psychose, sondern es gibt auch ganz kaltblütige persönlichkeitsgestörte Psychopathen. Dazu brauchts keine Traumata. Dieser ganze Psychoanalytische Käse geht mir am A. vorbei. Ich kenne zig Leute, die wesentlich schlimmeres erlebt hat, als der da, und wesentlich weniger Geld hatten, und die laufen auch nicht Amok und sind volle bekloppt. Ich gehe davon aus , dass der Täter eine Persönlichkeitsstörung hatte, und daher voll und ganz zur Rechenschaft gezogen werden hätte sollen. Die Jagdhündin war nicht schwer verletzt! Das war ein Ritualmord und der war schon sichtbar mit den Tieren davor.

Wie schon gesagt, es ist alles nur Spekulatiion. Doch, wenn Alois H. keiner Empathie fähig gewesen sein sollte, ich darf schon Empathie haben, oder?

ja sicher. aber ich sehe für den killer wohl keinen bedarf an ihrere empathie. aber ich weiss, als analytiker :))... muss man wohl für alles empathie und verständnis haben. Ich habe jedenfalls für solche leute kein mitleid auch keine empathie und meine diesbezüglichen fähigkeiten hebe ich mir für leute auf, die nicht jeder menschlichen regung entbehren. Zum Beispiel für die Opfer oder für Leute, die auch schwere Schicksale hatten und nicht am Rad gedreht haben deshalb. Oder für welche die WIRKLICH psychische probleme haben, und nicht für solche kaltblütigen Soziopathen. Und als analytiker sollten sie auch wissen was ein soziopath ist. Und Psychoanalyse hat immer da versagt, wo die realität nicht eine bürgerliche war. auch das wissen sie.

"Psychoanalyse hat immer da versagt, wo die realität nicht eine bürgerliche war."
a) Richtig. Die Konsequenzen daraus hat er nicht realisiert.
b) Wahrgenommene, also empfundene Realität ist recht subjektiv. :-)
c) "für leute auf, die nicht jeder menschlichen regung entbehren"
- so kommst Du nicht weiter. Das Spektrum triggernder Emotionen ist weit ....

Ich will bitte etwas von Frau Dr. Kastner dazu; geht das?
Danke.

Ich von der Gerti Senger. Er hatte sicher auch Sexualneurosen, der arme Irre :(. In österreich hat man ja oft mehr empathie für täter anstatt opfer wie man im fall kampusch sieht.

Das Herumgedeute der PascherIngenieure - ohne Kenntnis der Person - macht schon einen sehr hilflosen Eindruck....
"vielleicht", "war wohl", etc.

Der Täter war mit Sicherheit in einer Ausnahmesituation, jedenfalls ab dem Zeitpunkt der Konfrontation mit der Polizei. Daß in Ausnahmesituationen auch psychisch an sich unauffällige Personen mitunter wie Irre handeln, ist bekannt.
Deshalb wär's ja so wichtig gewesen, wenn die Polizei dies in ihrer Einsatzstrategie bedacht hätte, vor allem weil man ja wußte, daß der Mann bewaffnet ist.
Für mich ist die Vorgangsweise der Polizei (nicht die der einzelnen handelnden Polizisten!) mitschuld daran, daß die Situation derart eskalierte.

ja und für sowas braucht man auch noch ne ausbildung. :) . ich meine man nehme was ausm ICD 10 und sagt er hatte wohl eine psychose.. na no na ned! dass der net normal war, weiss ja wohl auch jeder!

Vielleicht hat er aber auch seinen Abgang inszeniert.

Und die Medien haben bei dieser Inszenierung kräftig mitgeholfen. Jetzt wird der Täter portraitiert, psychoanalyisiert, seine Trophäensammlung medial präsentiert und mit Superlativen versehen, Chronologien erstellt, etc.

Bei labilen Personen bleibt der Eindruck dass sie auch zum Medien-Star werden wenn sie so etwas machen. Der Nachahmer-Effekt bei solchen Taten ist bekannt, die Rolle welche die Medien dabei spielen sollte es auch sein. Wenn man sich in der österreichischen Medienlandschaft umsieht (gerade News-Werbung im Radio gehört, z.B.) scheint Verantwortungsgefühl ein Fremdwort zu sein.

vlt. hat er den rest einfach nur liegen lassen,

weil er alleine eine kapitalen hirsch nicht so mirnixdirnix in den wagen verfrachten kann, bzw. keinen verwendungszweck für den torso hat?

Die Vorgangsweise dürfte eine ganz Feige gewesen sein.

Der Wilderer dürfte jeden Hirsch in Reichweite der Straße, also aus seinem Auto erschossen haben. Ist also selbst aus der Sichtweise, bewusst etwas Verbotenes zu tun und seinen Mut zu beweisen, nur feig und hinterhältig.

Dieses Forum wird wohl deshalb moderiert,

weil derartige Kaffeesudleserei in so einer Situation kaum erträglich ist.
Sowohl die Idee zu einem solchen Interview, die meisten Fragen und Antworten lassen sich schwer kommentieren, ohne gegen Postingsregeln zu verstoßen...

"Urwaidmännisch" falsch geschrieben! Bei uns gibt es keinen "Waidmann" mehr,
nur einen "Weidmann" mit "ei"!

An den Rotstrichler: Sie sollten Wikipedia nicht alles glauben. Wikipedia: "Weidmann, ein Synonym für Jäger (fachsprachlich Waidmann)". Doch tatsächlich verhält es sich umgekehrt, und "Weidmann" ist - zumindest in Österreich - der Fachausdruck. So habe ich es jedenfalls seinerzeit im niederösterreichischen Jägerunterricht gelernt.

ach...nehmen sie das nicht so persönlich :) manchmal frage ich mich auch wofür die rote stricherln vergeben hier... :)

hätte er sich doch

bei e. t. spiras 'liebesgschichten' beworben, genügend Frauen hätten seine 'tüchtigkeit' schon zu schätzen gewusst. soviel alleinsein nur umgeben von Holz kann nicht gesund sein. vielleicht hätte er die zeit zum lesen von Faust I und II nützen sollen. jetzt ist es zu spät und ein paar Menschen haben dran glauben müssen.

Und sonst gehts Ihnen gut? Wenn Ich die Wahl hätte zwischen Alleine Sein oder mir solche Blödheiten wie die Ihren anzutun, dann wähle ich auch das Alleinsein. Nicht jeder wird dadurch zum Amokläufer. Siehe Schopenhauer! Der hat auch die Hunde den Menschen vorgezogen und wenn ich mir Ihren Käse so reinziehe ist mir auch jede Ratte lieber!

schopenhauer

der alte menschenfreund und schmähtandler.
super beispiel, hut auf.

nanu

wie kommen sie plötzlich her, bin überrascht jetzt. na gut, technisch ist das schon möglich.

wo komme ich plötzlich daher?

gute frage...

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