"Schleier im Gerichtssaal ist ein totgeschwiegenes Problem"

Dürfen sich strenggläubige Musliminnen im Gerichtssaal oder im Klassenzimmer verhüllen? Weil ein College das Verbot für Gesichtsschleier aufgehoben hat, wird in Großbritannien heftig darüber gestritten, ob der Stoff ein Zeichen der Abgrenzung ist

In Großbritannien gibt es heftigen Streit um die Integration strenggläubiger Muslime. Nachdem vergangene Woche ein College in Birmingham mit der Einführung eines Vermummungsverbots an wütenden Protesten der Religionsgemeinschaft gescheitert war, sorgt diese Woche die Kontroverse aus einem Londoner Gerichtssaal für Aufsehen.

Der zuständige Bezirksrichter vom Krongericht Blackfriars hat einer 22-jährigen Angeklagten erlaubt, mit Gesichtsschleier (Nikab) im Gerichtssaal zu sitzen. Dabei sind nur die Augen und der Nasenansatz zu sehen. Sollte sie im Zeugenstand Stellung nehmen wollen, muss die Frau ihren Schleier abnehmen und den Geschworenen ihr Gesicht zeigen. "Der Niqab im Gerichtssaal ist ein totgeschwiegenes Problem", sagte Richter Peter Murphy und forderte landesweite Richtlinien.

10.000 bis 40.000 Schleierträgerinnen

Der Vollschleier mit Augenschlitz ist Frauen in strikt islamischen Gesellschaften Arabiens vorgeschrieben. Unter den rund eine Million Musliminnen Großbritanniens war er bisher die große Ausnahme – Schätzungen reichen von 10.000 bis 40.000 Schleierträgerinnen.

In Birmingham wurde jetzt das Vermummungsverbot am Metropolitan College gekippt. Es war im Sommer 2005 erlassen worden, nachdem vier britische Muslime ein Attentat in U-Bahn-Zügen und einem Bus verübt hatten. 52 Menschen kamen dabei ums Leben. Der Verbot des Nikab (das auch das Aufsetzen von Kapuzen betrifft) sei "schockierend und drakonisch", fand der britische Muslimenrat. Eine 17-jährige Schülerin klagte mit Erfolg gegen die vermeintliche Diskriminierung.

Richter Murphy nahm zwar auf die Europäische Menschenrechtskonvention Bezug, machte aber deutlich, dass die Religionsfreiheit dort Einschränkungen erfährt, wo der Rechtsstaat gefährdet sei. Die besagte Angeklagte, eine Konvertitin mit dem biblischen Vornamen Rebekah, steht wegen Einschüchterung eines Zeugen vor Gericht. Ihre Identität soll nun vor jedem Verhandlungstag durch eine Beamtin festgestellt werden, die dann ihrerseits einen Eid darauf schwören muss, dass die richtige Person auf der Anklagebank sitzt.

Abgeordnete uneins

Der frühere Justiz- und Außenminister Jack Straw fordert ein Schleierverbot für den gesamten Prozess. Das Labour-Mitglied vertritt den Wahlkreis Blackburn im Unterhaus, wo Tausende von Muslimen wohnen. Bei Bürgersprechstunden bitte er diese, ihren Vollschleier abzunehmen. "Es ist wichtig, im persönlichen Gespräch das Gesicht zu sehen." Der Vollschleier sei "ein Zeichen der Abgrenzung", das vielen Mitbürgern Unwohlsein verursache.

Ähnlicher Ansicht ist die Tory-Abgeordnete Sarah Wollaston, in deren Wahlkreis Totnes kaum Muslime leben. Die Burka, die meist mit dem Niqab getragen wird, sei "ein Symbol der Repression und Absonderung", glaubt die Ärztin. Die konservativ-liberale Koalitionsregierung wiegelt allerdings ab. Es sei doch "sehr unbritisch", Leuten ihre Kleidung vorzuschreiben, glaubt der liberale Vizepremier Nick Clegg. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 19.9.2013)

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