Kinderhaus Hofmühlgasse: "Hier ist die ganze Familie integriert"

Seit dreißig Jahren steht das Kinderhaus Hofmühlgasse für selbstverwaltete Erziehung und Betreuung. Die Eltern dürfen nicht nur mitbestimmen, sondern müssen auch aufräumen, putzen und kochen.

"Komment tapel tu", tönt es im Chor. Die französische Aussprache sitzt bei den Kindern der alternativen "Ätsch"-Schule in Wien-Mariahilf noch nicht ganz. Ob die Kinder Hefte für den Französischunterricht anlegen wollen, will Klassenlehrerin Barbara Turin wissen. Schon sausen die Ersten los, um Lernmaterialien zu holen. Gut die Hälfte der 13 Kinder findet sich wieder am Tisch ein, um festzuhalten, was "Bonjour" und "Je m'appelle" bedeuten.


Alte Aufnahme: das Kinderhaus in der Hofmühlgasse

Die siebenjährige Marie kann heute nicht stillsitzen und spielt lieber Fangen. Laurin hat sich ins Nebenzimmer zurückgezogen und verfasst in großen Lettern eine Geschichte. Das sei okay, betont Turin: "Wir versuchen den Kindern ein Angebot zu liefern und sie zu inspirieren. Einige nehmen sich vom Lehrangebot halt erst später."

Elternverein als Arbeitgeber

Seit vier Jahren unterrichtet Turin an der Alternativschule in der Hofmühlgasse, die nach dem Modell des gemeinsam organisierten häuslichen Unterrichts geführt wird. Turins Arbeitgeber ist nicht die Stadt Wien, sondern ein Verein, zu dem sich die Eltern zusammengeschlossen haben. In der Privatschule ohne Öffentlichkeitsrecht erhalten die Kinder ihr Zeugnis nach einer Externistenprüfung.


Zwanglos und bunt: So soll in der Hofmühlgasse gelernt werden

"Ätsch" gibt es seit 35 Jahren. Damit ist die Schule nicht nur der älteste der fünf Vereine im Kinderhaus Hofmühlgasse, sondern sogar älter als das Kinderhaus selbst.

30 Jahre Kinderhaus

Das feiert heuer immerhin schon sein 30-jähriges Bestehen. 1983 hat der Verein das Haus an der Linken Wienzeile bezogen. Im Bezirksmuseum Mariahilf erinnert derzeit eine Ausstellung an die Anfänge des Vereins, der seine Wurzeln in der Studenten- und Hausbesetzerbewegung hat.

Nach der Räumung des ersten Quartiers, eines besetzten Hauses in der Wiener Gassergasse, waren auf Anweisung der damaligen Jugendstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner (SP) Räume in der Hofmühlgasse zur Verfügung gestellt worden. "Das war damals ein Substandard-Abbruchhaus und sollte abgerissen werden", erzählt Martina Moritsch, seit fünf Jahren Obfrau des Vereins Kinderhaus Hofmühlgasse.


Das Kinderhaus vor der Generalsanierung

Viel Eigeninitiative

Die Stadt genehmigte notdürftige Renovierungen und eine jährliche Baukostensubvention, mit der der Verein das Haus selbstständig renovierte. Erst 1997 wurde das Prekarium in einen unbefristeten Mietvertrag umgewandelt.

Heute gibt es sechs Betreuungsstätten im Haus: drei Kindergruppen, zwei Alternativschulen und eine Hortgruppe. Gut 140 Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter werden hier betreut, im Hort sind manche schon 18 Jahre alt. Alle Gruppen im Haus sind autonom organisiert, die meisten werden von den Eltern verwaltet.


Alles selbstgemacht, auch die Wandmalereien

Elterninitiative wird im Kinderhaus Hofmühlgasse großgeschrieben: Neben dem monatlichen Elternabend stehen auch regelmäßige Putz- und Kochdienste auf dem Programm. Darüber hinaus bezahlen Eltern durchschnittlich 320 Euro Schulgeld pro Monat - Nachmittagsbetreuung inklusive. Auch die Eltern, die ihren Nachwuchs in einer der Kindergruppen untergebracht haben, lassen sich die Betreuung monatlich zwischen 110 und 130 Euro kosten.

Zum Beispiel Stefanie: Seit zwei Jahren bringt sie ihren Sohn in die Kindergruppe "Kunterbunte Pumapanther". Heute hat sie Kochdienst. Ihr Sohn August feiert nämlich seinen vierten Geburtstag.

Nötige Flexibilität

"Hier ist die ganze Familie integriert", kommentiert Moritsch die Vorteile elternverwalteter Betreuungsreinrichtungen. Dafür brauche es aber auch die nötige Flexibilität im Beruf. So bekommt August zum Geburtstag auch sein Lieblingsessen serviert: Fleischlaibchen mit Kartoffelpüree.

Die Teller tragen die 14 "Pumas" nach dem Essen selbst vom Tisch, und die Abfälle werfen sie in den Biomüll. Auch wenn der Tagesablauf freier ist als in öffentlichen Einrichtungen, gibt es Regeln für das gemeinsame Miteinander.

Am Eingang der "Ätsch"-Schule hängt eine Regeltafel. "Beim Arbeiten niemanden stören", steht darauf. Aber auch zur sitzenden Klo-Benützung werden die Kinder angehalten. "Es ist sehr WG-artig bei uns", sagt Turin. Da kommt schon auch vor, dass sie Konflikte mit älteren Buben am Wuzler austrägt. (Anna Wieder, DER STANDARD, 19.9.2013)

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