Kinderhaus Hofmühlgasse: "Hier ist die ganze Familie integriert"

Anna Wieder
19. September 2013, 05:30

Seit dreißig Jahren steht das Kinderhaus Hofmühlgasse für selbstverwaltete Erziehung und Betreuung. Die Eltern dürfen nicht nur mitbestimmen, sondern müssen auch aufräumen, putzen und kochen.

"Komment tapel tu", tönt es im Chor. Die französische Aussprache sitzt bei den Kindern der alternativen "Ätsch"-Schule in Wien-Mariahilf noch nicht ganz. Ob die Kinder Hefte für den Französischunterricht anlegen wollen, will Klassenlehrerin Barbara Turin wissen. Schon sausen die Ersten los, um Lernmaterialien zu holen. Gut die Hälfte der 13 Kinder findet sich wieder am Tisch ein, um festzuhalten, was "Bonjour" und "Je m'appelle" bedeuten.


Alte Aufnahme: das Kinderhaus in der Hofmühlgasse

Die siebenjährige Marie kann heute nicht stillsitzen und spielt lieber Fangen. Laurin hat sich ins Nebenzimmer zurückgezogen und verfasst in großen Lettern eine Geschichte. Das sei okay, betont Turin: "Wir versuchen den Kindern ein Angebot zu liefern und sie zu inspirieren. Einige nehmen sich vom Lehrangebot halt erst später."

Elternverein als Arbeitgeber

Seit vier Jahren unterrichtet Turin an der Alternativschule in der Hofmühlgasse, die nach dem Modell des gemeinsam organisierten häuslichen Unterrichts geführt wird. Turins Arbeitgeber ist nicht die Stadt Wien, sondern ein Verein, zu dem sich die Eltern zusammengeschlossen haben. In der Privatschule ohne Öffentlichkeitsrecht erhalten die Kinder ihr Zeugnis nach einer Externistenprüfung.


Zwanglos und bunt: So soll in der Hofmühlgasse gelernt werden

"Ätsch" gibt es seit 35 Jahren. Damit ist die Schule nicht nur der älteste der fünf Vereine im Kinderhaus Hofmühlgasse, sondern sogar älter als das Kinderhaus selbst.

30 Jahre Kinderhaus

Das feiert heuer immerhin schon sein 30-jähriges Bestehen. 1983 hat der Verein das Haus an der Linken Wienzeile bezogen. Im Bezirksmuseum Mariahilf erinnert derzeit eine Ausstellung an die Anfänge des Vereins, der seine Wurzeln in der Studenten- und Hausbesetzerbewegung hat.

Nach der Räumung des ersten Quartiers, eines besetzten Hauses in der Wiener Gassergasse, waren auf Anweisung der damaligen Jugendstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner (SP) Räume in der Hofmühlgasse zur Verfügung gestellt worden. "Das war damals ein Substandard-Abbruchhaus und sollte abgerissen werden", erzählt Martina Moritsch, seit fünf Jahren Obfrau des Vereins Kinderhaus Hofmühlgasse.


Das Kinderhaus vor der Generalsanierung

Viel Eigeninitiative

Die Stadt genehmigte notdürftige Renovierungen und eine jährliche Baukostensubvention, mit der der Verein das Haus selbstständig renovierte. Erst 1997 wurde das Prekarium in einen unbefristeten Mietvertrag umgewandelt.

Heute gibt es sechs Betreuungsstätten im Haus: drei Kindergruppen, zwei Alternativschulen und eine Hortgruppe. Gut 140 Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter werden hier betreut, im Hort sind manche schon 18 Jahre alt. Alle Gruppen im Haus sind autonom organisiert, die meisten werden von den Eltern verwaltet.


Alles selbstgemacht, auch die Wandmalereien

Elterninitiative wird im Kinderhaus Hofmühlgasse großgeschrieben: Neben dem monatlichen Elternabend stehen auch regelmäßige Putz- und Kochdienste auf dem Programm. Darüber hinaus bezahlen Eltern durchschnittlich 320 Euro Schulgeld pro Monat - Nachmittagsbetreuung inklusive. Auch die Eltern, die ihren Nachwuchs in einer der Kindergruppen untergebracht haben, lassen sich die Betreuung monatlich zwischen 110 und 130 Euro kosten.

Zum Beispiel Stefanie: Seit zwei Jahren bringt sie ihren Sohn in die Kindergruppe "Kunterbunte Pumapanther". Heute hat sie Kochdienst. Ihr Sohn August feiert nämlich seinen vierten Geburtstag.

Nötige Flexibilität

"Hier ist die ganze Familie integriert", kommentiert Moritsch die Vorteile elternverwalteter Betreuungsreinrichtungen. Dafür brauche es aber auch die nötige Flexibilität im Beruf. So bekommt August zum Geburtstag auch sein Lieblingsessen serviert: Fleischlaibchen mit Kartoffelpüree.

Die Teller tragen die 14 "Pumas" nach dem Essen selbst vom Tisch, und die Abfälle werfen sie in den Biomüll. Auch wenn der Tagesablauf freier ist als in öffentlichen Einrichtungen, gibt es Regeln für das gemeinsame Miteinander.

Am Eingang der "Ätsch"-Schule hängt eine Regeltafel. "Beim Arbeiten niemanden stören", steht darauf. Aber auch zur sitzenden Klo-Benützung werden die Kinder angehalten. "Es ist sehr WG-artig bei uns", sagt Turin. Da kommt schon auch vor, dass sie Konflikte mit älteren Buben am Wuzler austrägt. (Anna Wieder, DER STANDARD, 19.9.2013)

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Viele Augen zugedrückt!

Eine Anmerkung zum „organisierten häuslichen Unterricht“: dieser Begriff hat keine ‚Abbildung‘ im Gesetz. Es gibt laut SchPflG „Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht“ und eben „den häusliche Unterricht“. Der Begriff „organisierter häuslicher Unterricht“ ist eigentlich eine Selbstbezeichnung ohne rechtliche Grundlage („rechtlicher Graubereich“). Die „Ätsch-Schule“ bezeichnet sich als Schule ohne Öffentlichkeitsrecht, obwohl sie das nicht ist. Häuslicher Unterricht gilt nicht als „Schule“, ebenso wenig ein „organisierter häuslicher Unterricht“! Und dieser „Graubereich“ werden die Behörden irgendwann beseitigen, wenn politische Beschützer dieser Vereine (sic!) keinen ausreichenden Einfluss mehr haben, oder dringender Handlungsbedarf besteht!

Offiziell handelt es sich ja um häuslichen Unterricht. Die Prüfungen werden dann, jeweils über den Ganzjahresstoff, in einer öffentlichen Schule abgelegt (zumindest war das früher so). Ich möchte noch anfügen: ich war Mitte der 80er Jahre zwei Jahre in dieser Schule, und bei allen möglichen Kritikpunkten die einem dazu so einfallen mögen - diese zwei Jahre waren die prägendsten, wichtigsten und schönsten meiner gesamten Schullaufbahn.

tempora mutantur

das waren noch goldene Zeiten des "häuslichen Unterrichts". heute regiert das grüne Parteibuch und wer nicht auf Linie ist, kann seinen Hut nehmen.

Muss nur ich beim Clown am Pennywise denken?

Clown-Erziehung

"Im Englischen existiert das Wort „pennywise“ nur im festen Ausdruck „to be penny-wise and pound-foolish“. Er beschreibt das Fehlverhalten, bei Pfennigbeträgen sparsam zu sein, aber gleichzeitig große Summen zum Fenster herauszuschmeißen, also „am falschen Ende zu sparen“. Als Anlehnung an dieses Sprichwort nennen sich die Veröffentlicher einiger Pennywise-Alben „Pound Foolish“." (Wikipedia)

Wenn meine Tochter

(vor Jahren die jetzige Gymnaysiastin, ehemalige Ätsch-Schülerin; aktuell das Pumapanther-Kind) in der U-Bahn an den Stangen herumturnt und jemand schaut oder spricht mieselsüchtig, dann erkläre ich gerne, dass meine Erziehung so ist, damit das Kind nicht auch so mieselsüchtig wird. Das fällt mir bei manchen der hier geposteten Kommentare ein. Der Clown an der Tür gefällt meiner Tochter gut, und fürchten tut sie sich vor gar nichts. Die Wahrnehmung liegt im Auge der betrachtenden Person.... ich bin übrigens schon älter, nicht vorbestraft (und insgesamt recht unauffällig) und im Beruf bestens etabliert.

Äh

muß man den Satz verstehen?

"(vor Jahren die jetzige Gymnaysiastin, ehemalige Ätsch-Schülerin; aktuell das Pumapanther-Kind)"

Was ist eine Gymnaysiastin?
Wie kann man "vor Jahren" "die jetzige" sein?
Was ist "das Pumapanther-Kind"?

das ist ok

solange die tochter beim turnen keine fußtritte austeilt oder die stange so besetzt, dass sich niemand anhalten kann. oder dabei so laut kreischt, dass es den anderen die ohren aushebelt.
dass kinder lernen, sich selbst das zu holen, was sie brauchen, finde ich gut - und genauso wichtig ist es, dass sie mitbekommen, dass sie in einer sozialen gemeinschaft leben, die gewisse regeln hat.

Warum erklären Sie das Menschen, die einfach nur schauen? Ob das "mieselsüchtig" ist oder nicht, ist owhl eine subjektive Interpretation, oder? Vielleicht freuen die sich ja einfach, daß es ein fröhliches Kind gibt, hatten aber sonst einen miesen Tag und wollen sich nun einfach die Stimmung aufbauen? Oder sie machen sich gedanken darüber, wer wohl als Nächster die Stange anfaßt, die zuvor mit den Schuhsohlen Ihrer Tochter in Kontakt kam?(Kann beim Turnen schon vorkommen) Oder darf niemand in einem öffentlichen Verkehrsmittel Ihre Tochter ansehen? Vielleicht wäre dann eine burka-ähnliche Kleidung eine gangbare Lösung? Oder haben Sie einfach nur das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, auch wenn es gar nicht erforderlich ist?

alles im grünen bereich

das haus ist praktisch 365 tage im jahr offen, bis nach sonnenuntergang wird da anscheinend unterrichtet, die im hof spielenden kinder werden vom fenster aus lautstark erzogen, die eltern üben am sonntag vormittags ihre chorgesänge und feiern ihre feste im hof, die klassenräume werden an schüler anderer bundesländer als unterkunft für die wienwochen vergeben, wenn solche umstände in einer öffentlichen schule zu tage kämen würd der stadtschulrat und die betroffenen stadträtInnen schon längst ein auge drauf haben, die angesprochene jugendstadträtin hat das sicher so nicht gewollt und sich auch mehr darum gekümmert, als das die jetzt zuständigen tun

viele augen zugedrückt

es interessiert ja auch niemanden näher, wie es mit den Sicherheitsvorschriften in diesem Gebäude aussieht. enge treppen, keine Fluchtwege, viele kleine kinder. auch das gäbe es im öffentlichen Schul-/kindergartenwesen nicht. aber Hauptsache die kinder lernen eigenständig, was auch immer (singen, Pingpong oder französisch) und werden inspiriert vom clownhaus.

Dafür werden in der überwiegenden Mehrzahl der öffentlichen Schulen (nachdem nach Ende der 1970er auch die klimatischen Raumqualitäten und die Vorbildwirkung des permanenten Anschauungsmaterials nicht mehr so stark im Zentrum des Schulbaudiskurses stehen) Sicherheitsbestimmungen scheinbar über jegliche anderen Raumqualitäten gestellt. Alles, was räumlich oder haptisch/auditiv/olfaktorisch anregend sein könnte, wird aus Sicherheitsgründen aus den Schulen verbannt (den Rest erledigt der Sparstift). Die Kinder verdummen, aber sicher.

Sie träumen!

Das Haus wird regelmäßig kontrolliert und muss die sich von Zeit zu Zeit ändernden Sicherheits- und Hygienevorschriften genau einhalten. Zuletzt: Einbau von Brandschutzeinrichtungen (ich habe ein diesbezüglich gefährliches Gangfenster zugemauert) und Anschluss an ein zentrales Brandmeldesystem.
Nur die Nachbarn, die müssen keinerlei Standards erfüllen...

der Verweis auf die Nachbarn ist allerdings unfein.

Sie können noch viele Fenster zumauern!
Für alle anderen soll das von Bedeutung sein:
http://www.arbeitsinspektion.gv.at/AI/Arbeit... cht030.htm

Welche Nachbarn haben Sie gemeint?

alles im grünen bereich

da gibts eigentlich nur die cosa-rosa villa und den spar bzw die gleichzeitig erbauten eigentumswohnungen die vor mehr als 10 jahren erbaut wurden, jedenfalls ist im restaurant villendorf ab 2200 uhr ruhe im gastgarten und die bewohner machen entweder die fenster zu oder halten sich auch drann. im kinderhaus ist 365 tage im jahr betrieb und das auch nach 2200 uhr, am sonntag singt der chor bei offenen hoffenstern, reperaturarbeiten werden auch am wochende bzw in den ferien - vorzugsweise bei offenen fenstern und im hof erledigt - nachbarschaftshilfe - in den ferien wohnen da jugendliche aus anderen bundesländern und freuen sich nächtens im hof über den wienbesuch, schulabgänger feiern geburtstage ohne aufsicht, alles zum wohle der kinder

Clowns waren für mich als Kind widerliche Geschöpfe vor denen ich unglaubliche Angst hatte

Obwohl ich kein sonderlich schreckhaftes Kind war - ganz im Gegenteil . Als Erwachsener weiss ich wenigstens warum . Man sieht den Tod in ihrem Gesicht ... +o+ ... Anders gesagt : Es sagt schon viel über den Grundcharakter eines Menschen aus wen diesem Clowns sympathisch sind

Sie sollten lieber..

Deutsch lernen, statt küchenpsychologische Behauptungen aufzustellen.

"deutsch lernen, statt"; könnte vom HC stammen. Kinder, Kinder, schlimm, schlimm, schlimm. Was wird wohl die Eva dazu sagen???

und wer unterrichtet in solchen Institutionen? auch die Eltern?

Überall diese Clowns. Das ist ja furchtbar. Gestern der komische Clown in England und heute diese Tür...

Die Clowntüre da ist ja nicht gerade von schlechten Eltern.

Vor den Türen

hätt ich aber als Kind Angst gehabt...

"Die siebenjährige Marie kann heute nicht stillsitzen und spielt lieber Fangen."

http://www.zeit.de/2012/50/B... unterricht

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