Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gestorben

Wolf Scheller
18. September 2013, 16:18

Er galt als "Vorleser der Nation", meistgefürchteter Literaturkritiker und wurde via Fernsehen zum Popstar des Literaturbetriebs: Nun ist Marcel Reich-Ranicki 93-jährig gestorben

Er war - so sein Kritikerkollege Joachim Kaiser - "Deutschlands meistgelesener, meist gefürchteter, meist beobachteter, darum meistgehasster Literaturkritiker". Seine größte Leistung, so kann man auch lesen, bestand darin, "die Literatur als gesellschaftliche Tatsache im allgemeinen Bewusstsein etabliert zu haben".

Sicherlich aber war Marcel Reich-Ranicki neben all seinem großen Einfluss wahrscheinlich auch der einzige Popstar des Literaturbetriebs, ein Kritiker-General, der mit dem ihm eigenen apodiktischen Grundton befand: "Es gibt Literatur ohne Kritik, aber keine Kritik ohne Literatur." Und natürlich war er ein vorzüglicher Kritiker-Darsteller, der über ein hohes Maß an schauspielerischer Qualität verfügte, dessen Urteile eindeutig waren, oft aber auch die Grenze zwischen Verriss und einer auf den Autor zielenden Kränkung überschritten - wie seinerzeit im Fall von Günter Grass und seinem Fonty-Roman Ein weites Feld.

Junger Mann aus dem Ghetto

Seine Autobiografie Mein Leben, erschienen im Herbst 1999, war ein Bestseller, der viele seiner deutschen Leser ins Mark traf. Es ist der Bericht eines jüdischen Intellektuellen des Jahrgangs 1920, geboren in Wloclawek, aufgewachsen in Berlin, 1938 nach Polen ausgewiesen. Ein junger Jude aus dem Warschauer Ghetto, den ein polnisches Ehepaar vor den Deutschen versteckt. Einer, dessen Eltern in den Krematorien von Treblinka verschwanden. Einer, der mit seiner jungen Frau, der etwa gleichaltrigen Teofila, im Angesicht der schussbereiten SS-Posten aus der Todes-Kolonne entfliehen konnte.

Nach Kriegsende trat er der polnischen KP bei, er glaubte damals den kommunistischen Verheißungen, diente dem Auslandsgeheimdienst als "Hauptmann" und brachte es in London bis zur Leitung des polnischen Generalkonsulats. Ob er darüber auch zum Denunzianten wurde, blieb offen. Es ist dies eine Vita, die bitter erkämpft worden war, über die sich Reich-Ranicki nicht öffentlich verbreitet hat.

Dass man ihn wegen seiner Geheimdiensttätigkeit später angriff, ihn bezichtigte, dem einen oder anderen Exilpolen in England ernsthaft geschadet zu haben - er hat auch auf diese Anwürfe nicht reagiert. Aber es waren Attacken, die Wunden hinterließen, auch engste Freundschaften über Jahre zerstörten - wie die zu dem Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens. Auch wenn sich beide später wieder versöhnten.

Reich-Ranicki, der Herr der Bücher, "der Lauteste" unter den Buchbewertern, der "Vorleser der Nation", wie ihn Friedrich Luft tituliert hat. Was seine Privatheit betrifft, so blieb er durch die Ghetto-Erfahrung lebenslang "gezeichnet". Er empfand sich als Außenseiter, schon als Kind in der deutschen Schule, wo seine Lesefähigkeit den Neid der Mitschüler erweckte. Später, als er in die Bundesrepublik kam, also nach 1958, hat er dieses Gefühl des Fremdseins nie überwinden können, auch nicht in den verschiedenen Zeitungshäusern, denen er seine Feder lieh. "Von Anfang an fiel ich aus dem Rahmen, ich war ein Außenseiter. Dass es so bleiben würde, konnte ich schwerlich wissen: ... Ich passte nie ganz zu meiner Umgebung."

Ein lebenslanges Gefühl des Ausgegrenztseins. Davon konnten sich die Zuschauer bei einer Fernsehdiskussion mit dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am Abend des 8.Mai 2005 einmal mehr überzeugen, als der etwa gleichaltrige von Weizsäcker sein Gegenüber im geläufigen Kommandoton anherrschte: "Jetzt rede ich!" Reich-Ranicki freilich, dessen polternd-grimassierende Suada im Fernsehen beim Literarischen Quartett einen beträchtlichen Unterhaltungswert garantierte, wusste um den Gehalt jenes berühmten Friedrich-Sieburg-Wortes: "Wer nicht unter Literaten gelebt hat, der kann nicht wissen, was Hass ist."

Vermutlich war Reich-Ranicki selbst eine gewisse Boshaftigkeit nicht fremd, auch er konnte hassen, aber er verfügte auch über leisere Töne, er konnte lieben, liebte vor allem die Literatur, die Welt der Bücher, in die er vernarrt war. Martin Walser, dessen Buch Tod eines Kritikers sicherlich nicht die nobelste Form seiner Auseinandersetzung mit Reich-Ranicki war, soll über ihn gesagt haben: "Er liebt wohl die Literatur, aber leider liebt sie ihn nicht zurück."

Leben in der Literatur

Günter Grass, dessen Weites Feld von Reich-Ranicki spiegelbildlich zerfetzt wurde, konnte dies nur unterschreiben. Nein, sie liebten ihn wirklich nicht, diesen Literaturkritiker in der Nachfolge eines Alfred Kerr, der von sich sagte: "Der Beruf hat mich gewählt, um nicht zu sagen: ergriffen." Reich-Ranicki hat sich nur in der Literatur wiedererkannt. Eine andere Zugehörigkeit war ihm verschlossen. Er erlebte das Menschliche in der Literatur, ohne es in der Wirklichkeit zu erkennen. Im Grunde blieb er der klassische Fall eines Autodidakten, dessen Gedanken nicht immer subtil oder gar originell waren, ein Kritiker, gerecht und ungerecht in einem Atemzug, eitel auch und verliebt in sein Selbst, in jedem Fall aber ein Außenseiter, dessen Kosmos aus Papier bestand.

Als er bereits jenseits der 90 aus Anlass des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz erstmals im Bundestag sprach, wurde vielen Deutschen klar: So einen wie den werden wir nicht mehr unter uns finden. Erst im März hatte der seit Längerem gesundheitlich Angeschlagene seine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Am Mittwoch ist er mit 93 Jahren in Frankfurt gestorben, wie sein ehemaliger Arbeitgeber, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, mitteilte. (Wolf Scheller, DER STANDARD, 19.9.2013)

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der mann hat ein außerordentlich gutes gedächtnis gehabt und es ist amüsant gewesen, ihm zuzuhören. ich habe mir gerade angehört, was er in einer fernsehsendung zu bertolt brecht gesagt hat. plastischer und lebendiger geht's fast nicht mehr. und er hat sich dabei auch bemüht ums abwägen. wie man sieht, ist es ihm gelungen, das publikum mitzureißen - mit überraschenden aussagen und witz. sein beruf ist sein leben gewesen, die begeisterung dafür ist legendär. ob er bei seinem urteil immer fair gewesen ist, wage ich zu bezweifeln. die kritik des romans von grass - gerade konsumiert - das geht schon sehr weit.
p.s.: als schatten liegt über seinem leben - die tätigkeit für den geheimdienst nach dem kriegsende.

ranicki lebt! (auf youtube)

unvergesse diskussionen nach wie vor abrufbar - super sache

http://www.youtube.com/watch?v=dksetII5sls

marcel reich-ranicki auf bayern alpha: beginnend mit bertolt brecht. video enthält gleich am anfang eine aufzeichnung, die zeigt, wie sich bertolt brecht (in englischer sprache) vor einer us-amerikanischen kommission verantwortet.

die zeit der großkritiker

ist endgültig vorbei. ein relikt des vorigen jahrhunderts.

rip

das sagt man so in vielen fällen. so steht's wohl auch auf buchdeckeln. das ist die letzte wirkliche hollywood-diva gewesen.

Man kann ja von MRR halten was man will, aber sein Zauber beruhte auf einer einfachen Tatsache: er hatte einen KLAREN Standpunkt und konnte diesen wortgewandt, aber vor allem KLAR und DEUTLICH ausdrücken. Punkt. So profan das klingt, aber wirklich KÖNNEN tun das wenige!

was dazu gehört (zum klaren standpunkt): klar zu machen, dass man etwas nicht weiß, dass man unsicher ist. das hat's bei marcel reich-ranitzky ja auch gegeben (dass er das klar gestellt hat).

IHREN Standpunkt

vetreten können viele, über IHREN Tellerrand hinausblicken nur wenige.

Wie wahr ..

"Die Literatur kennt nur zwei Themen: die Liebe und den Tod. Der Rest ist Mumpitz."

- schöne populäre umschreibung dafür, dass alle kunst, die diesen namen verdient immer existentielles angeht; wo nicht, ist sie - ja: eben mumpitz.

r.i.p.

die behauptung ist aber ein unsinn.

M.R.Ranicki

Er überlebte die Nazis und liebte die Literatur. Seine spitze Zunge wird fehlen.

Dass MRR "die Literatur" liebte, ist

ein Gerücht, für dessen Verbreitung man sicher nicht MRR verantwortlich machen kann.

Reich-Ranicki war ein Mensch dem man zuhören musste!

Man konnte ihn gar nicht nicht beachten. Egal ob mein seiner Meinung war oder nicht, er hatte immer eine sehr spezielle Art zu diskutieren. Und zog mich immer in den Bann seines Erzählens. Er war eine Persönlichkeit.
Er hat mich immer begeistert und neugierig auf Literatur gemacht. Viele Bücher habe ich durch ihn gelesen. Oft auch die, die er verrissen hat.

Er möge in Frieden Ruhe.

Macht mich sehr betroffen.

Eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, aber genial, selbstbewusst, humorvoll und immer ungemein lebendig.

M.R.Ranicki

Seine spitze und kompromislose Art wird fehlen

es entbehrt nicht eines gewissen maßes an ironie, dass die von ihm so verachtete kommerzialisierung ihn letztendlich selbst erst zu einem echten star gemacht hat. dessen war er sich nicht nur bewusst, sondern hat das auch noch ganz gezielt genutzt um noch stärker zu polarisieren. ich war zwar nicht immer seiner meinung, aber unterhaltsam war er immer!

Richtig anstrengender Typ. Und darum habe ich ihn so gemocht. Er wird dem ganzen Literaturbetrieb sehr fehlen, mir als Außenstehendem auch. Mir hat schon lange kein Tod eines mir eigentlich völlig unbekannten Menschen leid getan. Vielleicht auch aus der Furcht heraus, was nun auf uns zukommt.

SO leid getan. (gibt dem ganzen wieder Sinn)

er hat großes geleistet, aber auch die karrieren vieler junger autoren ruiniert ... nur augrund seines "lesegeschmacks"

Es ist schon immerwieder hinterfragenswert dass sich selbst ernannte Kunst- u Kulturkritiken anmaßen über Werke urteilen zu können die sie selbst nicht schreiben könnten. Nichtsdestotrotz fand ich ihn sehr pointiert u originell

"Ich habe einmal gesagt, was mich am Tod vor allem schreckt, ist die Gewissheit, nicht mehr die Zeitungen des nächsten Tages lesen zu können. Ich möchte gern erfahren, wie es weitergeht. Ich möchte dabei sein. Ich will immer wieder die nächste Zeitung lesen. Aber das geht nicht, irgendwann ist Schluss." (Marcel Reich-Ranicki in einem Gespräch über den Tod, http://www.focus.de/kultur/bu... 4911.html)

Gähn.

Warum?

Ich finde diese Lust am Leben großartig.

An seine Kritiker:

Er hat mich aussergewöhnlich gut und niveauvoll unterhalten.Als Gotteswort habe ich weder seine Kritiken,noch seine Ansichten verstanden.Letzlich war es doch nur Fernsehen.

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