Demenz: Geistige Aktivität wirkt präventiv

  • "Bildung und geistige Aktivitäten wie Schachspielen, Lesen oder sozialer Austausch erweitern die kognitiven Reserven im Gehirn, die offenbar den Beginn der alzheimertypischen Hirnleistungsstörung hinauszögern", meint der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nuklearmediziner Detlef Moka.
    foto: apa/harald schneider

    "Bildung und geistige Aktivitäten wie Schachspielen, Lesen oder sozialer Austausch erweitern die kognitiven Reserven im Gehirn, die offenbar den Beginn der alzheimertypischen Hirnleistungsstörung hinauszögern", meint der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nuklearmediziner Detlef Moka.

Um Morbus Alzheimer vorzubeugen, sollten wir uns bis ins hohe Alter geistig fit halten - Das empfehlen zumindest Experten

Berlin - Die mit einem Gedächtnisverlust einhergehende Alzheimer-Erkrankung entwickelt sich über einen Zeitraum von bis zu zwanzig Jahren. Weiterbildung und mentale Aktivität können allerdings den Ausbruch der Krankheit hinauszögern. - Das sind die Ergebnisse von zwei neuen Studien, die auf Positronen-Emissions-Tomographie-Untersuchungen (PET) von Betroffenen basieren. Deshalb empfiehlt der Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner (BDN), sich bis ins hohe Alter - etwa mit Zeitungslektüre, Gesprächen und Denkspielen - geistig fit zu halten.

Morbus Alzheimer ist die Folge von Eiweißablagerungen im Gehirn. Sogenannte Beta-Amyloide zerstören nach und nach Nervenzellen und Gedächtnis. Beta-Amyloide können mit einer nuklearmedizinischen Untersuchung nachgewiesen werden, der sogenannten Positronen-Emissions-Tomographie. Dafür erhalten die Patienten eine schwach radioaktiv markierte Substanz - die "Pittburgh compound B" - in die Armvene injiziert. Über den Blutkreislauf gelangt dieser Radiotracer ins Gehirn, wo er sich an die Alzheimer-Proteine anlagert. "So können wir Ort und Ausmaß der Ablagerungen erkennen", erklärt Detlef Moka, Vorsitzender des BDN. 

Australische Nuklearmediziner haben diese Untersuchung bei einer Gruppe von 200 älteren Menschen im Abstand von 18 Monaten mehrfach durchgeführt - insgesamt über einen Zeitraum von durchschnittlich vier Jahren. Resultat der Studie, die im Frühjahr in der Fachpublikation "Lancet Neurology" veröffentlicht wurde: Die Forscher errechneten, dass die Eiweißablagerungen bereits zwanzig Jahre vor Ausbruch der Krankheit einsetzen. "Wir wissen jetzt, dass sich Alzheimer über einen langen Zeitraum entwickelt", sagt Nuklearmediziner Moka.

Geistige Aktivitäten erweitern kognitive Reserven

Nun besteht Hoffnung, den Ausbruch von Morbus Alzheimer hinauszögern zu können. Hinweise dafür liefern erneut Nuklearmediziner in einer PET-Studie, die kürzlich im Journal "Neurology" erschienen ist. Das Forscherteam hatte eine Gruppe von geistig gesunden Senioren untersucht, die Eiweißablagerungen im Gehirn hatten und sich damit in einem frühen Alzheimer-Stadium befanden. Mit dem Radiotracer Fluorodeoxyglucose (FDG) wiesen die Wissenschaftler nach, wie stark die Ablagerungen das Gehirn bereits geschädigt hatten.

"FDG wird wie Zucker von den Hirnzellen aufgenommen und ist deshalb ein Maß für die Stoffwechselaktivität", erläutert Detlef Moka. Bei einer Demenz ist die FDG-Aktivität in den Gedächtnisregionen des Gehirns vermindert, der Stoffwechsel verlangsamt. 

Einige Senioren hatten jedoch trotz deutlicher Ausfälle im FDG-PET noch normale Ergebnisse in den Demenztests und waren geistig voll auf der Höhe. Diese Studienteilnehmer konnten eine hohe formale Bildung vorweisen, wie die Forscher herausfanden. Damit liegt der Schluss nahe, dass (Weiter-)Bildung einen günstigen Effekt auf die Demenzentwicklung hat. "Bildung und geistige Aktivitäten wie Schachspielen, Lesen oder sozialer Austausch erweitern die kognitiven Reserven im Gehirn, die offenbar den Beginn der alzheimertypischen Hirnleistungsstörung hinauszögern", interpretiert Moka die Studienergebnisse.

Experten gehen davon aus, dass kognitive Reserven helfen, Abbauvorgängen im Gehirn entgegenzuwirken, indem sie Kompensationsstrategien ermöglichen. "Vermutlich werden andere Hirnregionen genutzt, um die täglichen Denkaufgaben zu erledigen", ergänzt Detlef Moka. (APA/red, derStandard.at, 18.9.2013)

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