Sarin, ein Nervengift mit tödlicher Wirkung

  • Schutz vor Sarin bietet nur ein Ganzkörperanzug samt Gasmaske.
    foto: apa/andy rain

    Schutz vor Sarin bietet nur ein Ganzkörperanzug samt Gasmaske.

Über die Atemwege aufgenommen, kann Sarin schon in winziger Dosierung den Tod durch Ersticken bringen - Die Therapie gestaltet sich schwierig

Die UN-Chemiewaffeninspektoren haben in Syrien "überzeugende Beweise" für den Einsatz von Chemiewaffen am 21. August in der Nähe von Damaskus gefunden. Der Nervenkampfstoff Sarin sei mit Boden-Boden-Raketen verschossen und "auch gegen Zivilisten, darunter viele Kinder" eingesetzt worden, heißt es in dem Bericht, der am Montagabend veröffentlicht wurde.

1993 wurde die Herstellung, Lagerung und der Einsatz chemischer Waffen, darunter auch Sarin, durch die internationale Chemiewaffenkonvention, verboten. Nicht ohne Grund, Sarin ist ein hochgiftiger Nervenkampfstoff, der schon in kleinsten Mengen für den Menschen tödlich ist.

Permanente Stimulation

"Die Wirkung von Sarin ist vergleichbar mit einem Ziegelstein der unverrückbar auf dem Gaspedal liegt", sagt Peter Dittrich, Toxikologe am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Konkret bedeutet das: Das Nervengift versetzt sämtliche Zellen im menschlichen Organismus in einen Zustand dauernder Erregung, indem es den Mechanismus der Informationsübertragung blockiert.

Beim neurologisch gesunden Menschen sorgen der Botenstoff Acetylcholin und das Enzym Acetylcholinesterase dafür dass die Informationsübertragung bzw. Reizweiterleitung von einer Nervenzelle auf andere Nervenzellen, Muskelzellen und  Drüsenzellen der Haut, Augen, des Verdauungstraktes und der Blase reibungslos funktioniert. "Acetylcholin dockt an den Rezeptor einer Zielzelle an und bringt die Zelle dazu, das zu tun, wofür sie gebaut ist. Im Fall einer Muskelzelle bedeutet das Kontraktion", sagt Dittrich. Damit diese Kontraktion nicht von Dauer ist, sorgt Acetycholinesterase für den prompten Abbau des Acetylcholins.

Sarin ist ein sogenannter Acetylcholinesterase-Inhibitor. Die Folgen, die sich aus seiner enzymhemmenden Wirkung für den Menschen ergeben sind fatal: Acetylcholin bleibt an den Zielzellen haften und stimuliert diese von nun an permanent.

Dosis und Zeit

Das tödliche Gift  - ursprünglich in den 30er Jahren von deutschen Chemikern zur Vernichtung schädlicher Insekten entwickelt  - wurde 1991 von den Vereinten Nationen als Massenvernichtungswaffe deklariert. Was den Nervenkampfstoff so besonders gefährlich macht, ist seine Sesshaftigkeit, sprich, Sarin verbleibt lange an einem Ort und breitet sich kaum in höhere Luftschichten aus. Flüssige, leicht verdampfende Substanzen sind zudem wesentlich wirksamer, als reine Gase, die flüchtig sind. Auf Sarin treffen diese wirkungsvollen Eigenschaften zu.

Entscheidend für das Ausmaß der gesundheitlichen Konsequenzen sind jedoch Konzentration und Expositionszeit. Über die Lunge aufgenommen zeigt der Mensch bereits bei der kleinen Menge von circa 0,0005mg/l Sarin binnen weniger Sekunden Symptome. Die Pupillen verengen sich, Sehstörungen, Atemprobleme, verstärkter Speichelfluss, Nasen- und Tränensekretion und Kopfschmerzen treten ein. Die geschätzte LCT50 (Letales Konzentrationsprodukt für 50 Prozent der Betroffenen) liegt bei etwa 70 mg pro Minute und Kubikmeter Luft. Die permanente Erregung der Körperzellen führt zur  Atemlähmung und damit zum Tod durch Erstickung. Wer die Vergiftung überlebt kann durch die Atemstörungen bleibende Hirnschäden davon tragen oder hat mit neuropsychopathologischen Veränderungen wie Konzentrationsproblemen und gesteigerter Ängstlichkeit zu rechnen.

Atropin als Gegengift

"Die Zeit für eine Behandlung ist knapp, aber rein theoretisch durchaus möglich", sagt Dittrich. Mit dem Antagonisten Atropin lässt sich die Wirkung von Acetylcholin reduzieren, indem es mit dem Botenstoff an den Rezeptoren konkurriert und so die permanente Signalübertragung hemmt. Problematisch ist: Die Therapie gestaltet sich unter militärischen Bedingungen schwierig. Zwar verfügen auch Armeen über sogenannte Autoinjektoren, die der intramuskulären Injektion von Atropin dienen. Bei einer Massenvergiftung ist eine rasche flächendeckende Versorgung der Zivilbevölkerung mit dem Gegengift aber praktisch unmöglich.

Im Krankenhaus sind die Überlebenschancen für die vergifteten Personen größer, nicht zuletzt deshalb, weil Atropin intravenös verabreicht wird und seine antagonistische Wirkung daher rascher entfaltet.  "Wie erfolgreich die Behandlung im Spital ist, darüber sind die Angaben allerdings divergierend", sagt Dittrich und erwähnt in diesem Zusammenhang die Sarin-Attentate in Matsumoto (1994) und Tokio (1995), wo es trotz kontrollierter Behandlungsbedingungen zahlreiche Tote gegeben hat.

Problematische Dekontimation

Schwierig zeigte sich damals wie heute auch die Dekontamination, da sich Sarin in Form von Aerosolen oder Flüssigkeiten auf der Haut oder Kleidung der Vergifteten ablagert und durch Aufwirbeln und Verdunsten von anderen Personen eingeatmet wird. Das Nervengift ist tückisch, vollkommen geruch-, farb- und geschmacklos verbreitet es seine tödliche Wirkung. Präventiver Schutz ist nur mit Hilfe eines Ganzkörperanzuges samt Gasmaske möglich. Der ist am 21. August in Syrien in der Zivilbevölkerung vermutlich niemandem zur Verfügung gestanden. 1400 Menschen sind dem Sarinangriff schutzlos zum Opfer gefallen. (Regina Walter, derStandard.at, 19.9.2013)

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