Jagdkarte: Waffen führen ohne psychologisches Attest

Michael Matzenberger & Gudrun Springer
18. September 2013, 16:51
  • Der Amoklauf in Niederösterreich wirft einmal mehr die Frage nach einer strengeren Regulierung des privaten Schusswaffenbesitzes auf.
    foto: apa/lpd nö

    Der Amoklauf in Niederösterreich wirft einmal mehr die Frage nach einer strengeren Regulierung des privaten Schusswaffenbesitzes auf.

Im Rahmen der Jagdprüfung ist keine Pflicht zum psychologischen Gutachten vorgesehen

Wer in Österreich legal meldepflichtige Schusswaffen führen will, braucht nicht mehr als eine Wohnsitzbestätigung, einen Auszug aus dem Strafregister und Basiswissen über die Jagd. Denn während im Grunde jeder Bürger zum Führen einer Waffe ein psychologisches Gutachten vorweisen muss, sind geprüfte Jäger von dieser Pflicht ausgenommen.

Nichtjäger dürfen Schusswaffen in der Regel nur öffentlich an der Person tragen, wenn sie über einen Waffenpass verfügen. Eine Bedingung für den Erwerb des Passes ist der Nachweis der psychischen Eignung anhand der sogenannten waffenrechtlichen Verlässlichkeitsprüfung. Gibt der Psychologe grünes Licht, so muss nur noch die Behörde über die Zulassung für das Führen einer Schusswaffe von der Kategorie B ("genehmigungspflichtige Schusswaffen" wie Halbautomaten oder Pistolen) abwärts entscheiden.

Keine Abkühlphase

Im Rahmen der Jagdprüfung, die mit Einverständnis der Erziehungsberechtigten in einigen Bundesländern bereits 16-Jährige absolvieren dürfen, ist eine solche Untersuchung nicht vorgesehen. Die in der Folge ausgegebene Jagdkarte, umgangssprachlich auch als Jagdschein bekannt, erlaubt das Führen von Schusswaffen ab der Kategorie C ("meldepflichtige Schusswaffen" wie Repetierer) - selbst wenn ein psychologisches Attest dagegen sprechen würde.

Eine Jagdkarte setzt außerdem die sogenannte "Abkühlphase" außer Kraft. Wie die Inhaber einer Waffenbesitzkarte oder eines Waffenpasses müssen Jäger keine drei Werktage warten, ehe ihnen der Händler eine Waffe der Kategorien C oder D ("sonstige Schusswaffen" wie Flinten) aushändigen darf. Mit dieser Bestimmung will der Gesetzgeber grundsätzlich Affekthandlungen vorbeugen.

Forderung des Tierschutzvereins

Der Österreichische Tierschutzverein fordert bereits seit geraumer Zeit, dass Jäger nicht länger ohne psychologische Atteste von solchen Sicherheitsvorkehrungen ausgenommen werden. Der Sprecher des Vereins, Christian Hölzl, sagte am Mittwoch: "Der aktuelle Fall ist der absolute Wahnsinn und ein Ausnahmefall. Aber dass Menschen bei der Jagd zu Schaden kommen und Tiere gequält werden, ist leider die Regel." Neben wiederkehrenden psychologischen Tests fordert der Verein auch eine 0,0-Promille-Regelung für Jäger und Sehtests ab dem 50. Lebensjahr.

Den Forderungen nachzugeben und das Waffengesetz und die auf Landesebene geregelten Jagdgesetze zu verschärfen, war den Parlamentsparteien in jüngerer Zeit kein dringendes Anliegen. Im Schein der Bluttat in Niederösterreich rückt die Debatte freilich wieder auf die politische Agenda.

"Grundvernünftige Leute"

Der Sicherheitssprecher der Grünen, Peter Pilz, sagt auf Nachfrage von derStandard.at, dass die Pflicht eines psychologischen Gutachtens Jäger nicht ausnehmen darf. Auch wenn ein solcher Test "natürlich keine vollkommene Sicherheit garantieren kann", würde die Wahrscheinlichkeit von Amokläufen zumindest eingedämmt.

"Ich kenne viele Jäger und die meisten sind grundvernünftige Leute, die verantwortungsbewusst mit ihren Waffen umgehen und sicher nichts dagegen haben, sich im Rahmen der Jagdprüfung einem solchen Test zu unterziehen", sagt Pilz.

"Schusswaffenpartei" und "mutlose" Koalitionäre

Der grüne Sicherheitssprecher sieht seine Partei als einzige Triebkraft im Nationalrat für ein rigideres Waffenrecht. In den vergangenen Legislaturperioden sei eine Verschärfung regelmäßig an der "Schusswaffenpartei" FPÖ und den in dieser Frage zu "mutlosen" Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP gescheitert.

Die Sicherheitssprecher der übrigen Parlamentsparteien waren aufgrund von Sondersitzungen am Mittwoch nicht erreichbar. FPÖ-Sicherheitssprecher Harald Vilimsky sprach sich in der Vergangenheit aber bereits mehrfach gegen eine Verschärfung des Waffenrechts aus. Eine geplante EU-Richtlinie bezeichnete er 2007 als "eine linksideologische Hatz auf anständige Waffenbesitzer. Jäger und Schützen stehen offensichtlich mehr im Visier der österreichischen EU-Politik beziehungsweise der EU-Politik überhaupt als der Kampf gegen illegale Waffenbesitzer."

Über die Notwendigkeit eines strengeren Waffenrechts wollte man am Mittwoch beim Niederösterreichischen Landesjagdverband nicht debattieren. "Man sollte die Ermittlungsergebnisse zum aktuellen Fall abwarten", sagte der Geschäftsführer Peter Lebersorger: "Wir sind in großer Trauer bei den Familien der vier Ermordeten." Auch der für die Jagd zuständige ÖVP-Landesrat Stephan Pernkopf wollte keinen Kommentar über verpflichtende Tests abgeben.

Frage nach homosexuellen Fantasien

Selbst wenn striktere psychologische Überprüfungen die Zahl der Schusswaffen in unsicheren Händen einschränken könnten, ist die Regelung in ihrer jetzigen Form nicht unumstritten. Denn einerseits bleibt die Verlässlichkeitsprüfung eine einmalige Pflicht bei der Antragstellung für Waffenpass oder Waffenbesitzkarte. Regelmäßige Überprüfungen über mögliche Veränderungen der psychischen Stabilität sind nicht vorgesehen.

Andererseits steht auch die Aussagekraft des Gutachtens an sich nicht außer Frage. So werden etwa in Oberösterreich psychologische Tests eingesetzt, die in den 1950er-Jahren in Deutschland entworfen worden waren. Darin wird unter anderem nach homosexuellen Fantasien der Aspiranten gefragt. (Michael Matzenberger/Gudrun Springer, derStandard.at, 18.9.2013)

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Psychologische Tests/Gutachten sind leider sinnlos.
Niemand ist so blöd, diese zu durchschauen und sich sozial erwünscht zu verhalten.

nicht meinens wohl :-)

Upps...
Stimmt.

Lt. Polizei / Cobra in hatte der Amokläufer jedoch auch einen Waffenpass, hätte er dann nicht die psychologische eh bestanden?

dann hat er die vor jahren bestanden, na und?

jeder mensch ist prinzipiell zu allem fähig, es ist nur eine frage der situation und des zeitpunktes. ich kann aus Ihnen in wenigens sekunden einen mörder machen oder ein klosterfrau. ich brauche nur den richtigen druck dazu, das richtige instrument und den richtigen zeitpunkt. wird ihnen jeder psychiater bestätigen. ein gutachten sagt nur was über den getesteten zum zeitpunkt des tests aus.
von solchen psychopathe und amokläufern immer gleich auf alle waffenbesitzer zu schließen und sofort nach einem totalen verbot schreien ist menschlich verständlich, sachlich aber völlig unsinnig, weil es nichts bringt. die meisten morde passieren im familienumfeld in österreich, und dort sind nur bei wenigen fällen legale schusswaffen im spiel.

Peter Pilz, der Lobbyist der Psychologenlobby!

mein vorschlag (nicht erst seit dem letzten amoklauf)

*keine waffen in privathaushalten
*verkaufskonzessionen stark limitieren/reglementieren/kontrollieren
*ausnahmen für die jagt: meinetwegen, wenns unbedingt sein muss. dann aber
- extreme anhebung der zugangsvoraussetzungen zum jagtschein (sollte eine richtige ausbildung sein)
- fokus auf kontrolle des wildbestandes (keine schießwütige manager und sonstige aufmunitionierte sozialdarwinisten)
- verwahrung der so verbliebenen angemeldeten nicht im eigenheim sonndern in der polizeistation an der jeweiligen meldeadresse

Meine Friseurin - eine äußerst hübsche und vor allem vife Rothaarige - ist Jägerin.
Wirft das jetzt Ihr Weltbild über den Haufen?
Oder hätten Sie Angst, daß sie die Knarre aus dem Wandschrank im Damenfrisiersalon in der Wiener Innenstadt nimmt und Amok läuft?

"extreme anhebung der zugangsvoraussetzungen zum jagtschein"

Ich wäre mal für eine extreme Anhebung der Rechtschreibung. Als nächstes empfehle ich sich einmal den Umfang der Jagdprüfung anzusehen. Das ist ein Stoff den die meisten ach so schlauen Studienabbrecher in den österreichischen Zeitungsredaktionen in 10 Jahren nicht packen würden.

Nur weil die meisten Jäger am Land wohnen und aus Ihrer urbanen Bobo-Perspektive wir alles primitive Tölpel sind, bedeutet das nicht, dass der größte Depp diese Prüfung schafft.

Der Typ war ein Krimineller, ein Wilderer, ein Mörder und Gesetzesbrecher mit über 100 illegalen Waffen.
Was können die Legalwaffen-Besitzer als rechtschaffende Bürger jetzt dafür?

Damit wäre ja der legale Waffenbesitz erledigt und die Welt wieder heil.

Aber: Für den illegalen Waffenbesitz haben sie offensichtlich keine Lösungsansatz, da er ohnehin schon verboten ist und sie bei dessen einzig möglichen Bekämpfung ( durch die Cobra gesicherte Durchsuchungen aller!!! österr. Haushalte) selbst betroffen wären.

Und wie man verhindert, dass Mütter ihre Kinder eigenhändig erwürgen ( wie heute in Wien geschehen) werden sie nach der Logik hier damit erklären, dass alle Österreicherinnen zum regelmäßigen Psychotest müssen außer ihnen selbst natürlich.

Es wird Zeit, dass jedem Österreicher zur Überwachung ein GPS Transponder schon bei der Geburt eingepflanzt wird.
Bei Hunden ist das ja auch Pflicht (halt ohne GPS).

Aggesion von Jägern

Ich hatte ein einscheidendes Erlebnis mit einem Jäger: Ich für mit meinem Mountainbike auf einem Feldweg (nicht Waldweg). Plötzlich sprang ein Jäger mit einer 3 m langen Fichtenstange aus dem Gebüsch auf den Weg und hat mich damit zum stehenbleiben gezwungen. Sehr aggressiv wurde ich angebrüllt. Keiner ist dabei zu schaden gekommen darum hab ich nichts unternommen. Im nachhinein denke ich mir ich hätte diesen Vorfall doch bei der Polizei melden sollen, kann man doch nicht wissen was diesem Kerl einfällt.

Ich bin schon mal auf dem Gehsteig gegangen, auf einmal hat mich ein

Radfahrer agressiv angebrüllt, ich soll gefälligst Platz machen. Mehr als einmal passiert. Ich hab von einer Anzeige abgesehen (was soll es bringen), aber gehe jetzt gern auf Radwegen spazieren.

Ist das alles wahr?

Warum verteilen wir dann nicht gleich bei jeder Forststraße Waffen an alle? Is eh wurscht ...

Im Ernst: für die nächste Regierung ohne ÖVP steht die Änderung dieser Gesetze hoffentlich ganz oben auf der Agenda. Mit den Schwarzen wirds nicht gehen, immerhin tummeln sich bei den Jägern viele ihrer letzten Getreuen..

Warum so polemisch, warum hunderttausende Waffenbesitzer quälen,

wenn einer durchdreht. Wenn ein besoffener Verrückter ein paar Kinder niederführt, gibt es nie den Ruf nach strengen Psychotests für alle Autofahrer. Ich weiß schon Autofahren ist "notwendig", aber mehr als zwei Drittel der Strecken werden heute auch aus Freizeit und Spaß gefahren.

26% der ÖVP-Abgeordneten in Parlament und Bundesrat aus Jägerschaft/Tierindustrie

http://vgt.at/presse/ne... 30919y.php

'basiswissen über die jagd' ist irreführend

bei der jagdprüfung wird ziemlich detailliertes wissen über wildbiologie, anatomie, verarbeitung des wildes, geschichte der jagd, waffenkunde, hundeführung und jagdrecht abgefragt. auf mehrere wochen lernzeit kann man sich da schon einstellen. weiters ist eine schließprüfung mit büchse (5 schuss auf zielscheibe in 100m entfernung, davon drei im ring 8 oder besser) und flinte (10 wurftauben auf 35m, davon müssen min. 3 getroffen werden) abzulegen. gerade am praktischen teil hab ich schon viele fortwirtschafts-studenten verzweifeln sehen!

wer es genau wissen will: http://www.noe.gv.at/Land-Fors... tml#141462

Mein Kurs hat damals im Abendmodus mindesten drei oder vier Monate

gedauert. Jedenfalls weit ausführlicher als jeder Führerscheinkurs.

Ich habe selbst vor einem Jahr in der Steiermark die Jagdprüfung bestanden.
Vorraussetzung dafür ist ein Besuch beim Amtsarzt!!!! Dort wird auch ein Sehtest gemacht.

Richtig ist aber leider, dass es noch immer kein Alkoholverbot gibt.
Obwohl bereits Länder wie Ungarn dies haben.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass bei den Treibjagden in Ungarn (die angemeldet werden müssen) die Polizei vorbeikommt und misst.
Über so etwas sollte auch nachgedacht werden.

Ich bin selbst nicht Jäger oder Waffenbesitzer, aber der Artikel ist schlecht recherchiert und suggeriert , dass man das alles so leicht bekommt. Den Waffenpass bekommt so gut wie niemand, dafür braucht man einen triftigen Grund, nicht mal Polizisten haben den (gefährdet (Juwelier...)). Wenn man die Waffenbesitzkarte macht (die für den Pass benötigt wird), muss man zum psychologen und nachweisen, dass man mit einer Waffe hantieren kann. Und die Jagdprüfung ist auch nicht rudimentäres Wissen, sondern echt schwer. Kann ihn auf der Boku auch machen, sind 12 oder 16 Punkte. Kat. C + D kann jeder ab 18 kaufen, mit Frist. Kat B (Faustfeuerw.) ab 21 und nur mit Besitzkarte und auch nur 2 Stück.

Jagd ist gem Waffengesetz ein "triftiger Grund" für einen Waffenpass.
Alle müssen gem Waffengesetz zum Psychologen, mit Ausnahme der Jäger. (Alle sind gleich, Jäger sind gleicher)

Kein Jäger bekommt einen WP, höchstens ein Berufsjäger

oder Aufsichtsjäger ...

§ 8 Abs 7 WaffG zweiter Satz

"Antragsteller, DIE NICHT INHABER EINER JAGDKARTE SIND, haben ein Gutachten darüber beizubringen, ob sie dazu neigen, insbesondere unter psychischer Belastung mit Waffen unvorsichtig umzugehen oder sie leichtfertig zu verwenden."

Dashat nicht mit dem WP zu sondern der Waffenbesitzkarte, das sind

zwei völlig verschiedne Paar Schuhe. Nur der WP berechtigt zum "Führen" von Faustfeuerwaffen und den bekommt in der Tat heute kaum jemand mehr (nicht einmal Polizisten für Privatgebrauch). Dass Jäger für die Waffenbesitzkarte den Psychotest nicht machen müssen, ist zwiespältig, aber wer schon Schrotflinte und Jagdgewehr zuhause hat, von dem nimmt man wohl an dass er den verantwortlichen Umgang mit Waffen im Jagdkurs gelernt hat, im UNterschied zum Vorstadtcasanova, der glaubt eine Glock besitzen zu müssen.

Letztes Jahr wurden 17 Menschen bei Jagdunfällen angschossen (zwei davon völlig Unbeteiligt). Wie viele Menschen von Jägern ausserhalb der Jagd, etwa bei Familienstreitigkeiten angeschossen werden, wird leider nicht statistisch erhoben, es sind aber sicher nicht wenige. Also ist wohl die Annahme, das "wer schon Schrotflinte und Jagdgewehr zuhause hat ... verantwortlichen Umgang mit Waffen im Jagdkurs gelernt hat" falsch.

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