"Grand Theft Auto 5": Der reale Wahnsinn um das größte Spiel des Jahres

Fanatische Fans, Skandale, falsche Polizisten und Überfälle: Der Hype ist grenzenlos

"Grand Theft Auto 5" ("GTA 5") ist auf dem besten Wege, Branchenrekorde aufzustellen. Allein mehr als sieben Millionen Fans haben das Spiel vorbestellt, um es pünktlich zum Veröffentlichungstag am 17. September spielen zu können. Mehr als eine Milliarde Dollar dürfte Hersteller Rockstar Games innerhalb des ersten Monats umsetzen und damit selbst Activisions Bestseller "Call of Duty" in den Schatten stellen.

Abseits der trockenen Zahlen hat sich "GTA 5" zum Medienspektakel und zum soziokulturellen Phänomen entwickelt. Angefangen bei ungeduldigen Konsumenten, die sich zu Hunderten in die Schlangen der weltweiten Mitternachtsverkäufe reihten, über selbstlose Fans, die ihre Freizeit in die Erstellung von Tipps und Anleitungen für die Community investieren, bis zu den ersten "Skandalen" um kontroverse Inhalte ist es der ganz reale Wahnsinn um das größte Videospiel des Jahres.   

Gegen jede Regel

Für die Branche zeige der Hype um "GTA 5", dass alte Systeme heute nicht mehr greifen, kommentiert GameIndustry-Analyst Matt Martin. Egal ob online oder bei Fachhändlern - mit den alteingessenen Vertriebssystemen gelang es Rockstar im Zusammenspiel mit den Verkäufern nicht den weltweiten Veröffentlichungstermin einzuhalten. Das führte dazu, dass einige Spieler den Titel bereits am Wochenende erwerben konnten und manche Vorbesteller selbst einen Tag nach dem offiziellen Marktstart kein Spiel in den Händen hielten.

Gleichzeitig führte es Rockstars striktes Medienembargo ad absurdum. Noch bevor Medien ihre Knebel am Montag um 16 Uhr lösen durften, tauchten im Internet bereits dutzende Leaks auf. Der Hersteller wollte mit aller Kraft und strengen Non-Disclosure-Agreements für Journalisten verhindern, dass vorab Besprechungen und "Spoiler" ans Tageslicht geraten, und konnte der Situation schlussendlich an ganz anderen Stellen nicht Herr werden. Für die Zukunft will man sich bemühen, dass über Youtube zumindest keine Videos von wesentlichen Story-Inhalten erscheinen, und richtet den warnenden Zeigefinger dabei an die unzähligen "Let's Player".

Überdies verdeutlicht "GTA 5" ein ums andere Mal, dass das System zur Alterseinstufung in der Praxis nicht greift. Ab 18 Jahren freigegeben ist es für Jugendliche kein Problem das Spiel im Handel zu erwerben - entweder persönlich oder über Eltern, schreibt Martin. Wenn die Nachfrage gegeben ist und ein Geschäft gemacht werden kann, sind zahnlose Ratingssysteme wie PEGI oder die USK machtlos.

Kriminelle Fans

Die Chronikressorts dürfen sich dank des Gangsterepos indes auch über die eine oder andere Aufregung erfreuen. In Staten Island, New York, gaben sich drei Männer als Polizisten aus, um sich in einer Schlange von hunderten Menschen vor einer Gamestop-Filiale vordrängen zu können. Dafür legten der Hilfspolizist, der Sohn eines pensionierten Cops und ihr Kollege nicht Uniformen an, sondern fuhren auch mit einem Polizeiauto vor, das sie bei einer Auktion erstanden hatten. Es gelang ihnen sogar ein Spiel zu kaufen. Bei der Rückfahrt wurden sie allerdings aufgrund eines verbotenen U-Turns aufgehalten und von echten Polizisten festgenommen. Für ihr Vergehen droht den Herren eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr.

In London wurde ein 23-jähriger Mann, der in der Nacht von Montag auf Dienstag eines der ersten Exemplare von "GTA 5" erworben hatte, von einem Supermarkt von einem Räuber mit einem Ziegelstein überwältigt, mit einem Messer verletzt und seines Handys, seiner Uhr und seines Spiels beraubt. Laut Scotland Yard befindet sich das Opfer mittlerweile wieder in einem stabilen Zustand.

Friedlich und freundlich

Die Internet-Community meldet unterdessen freundlichere Interaktionen unter Fans. Schönes Beispiel ist das Projekt "GTA 5 Map", für das User ihre Freizeit opfern, um anderen Spielern kostenlos eine interaktive Online-Karte der Spielwelt um Los Santos zur Verfügung zu stellen. Noch in den Kinderschuhen steckend zeigt die Karte Points of Interest auf und spendet so Orientierung. 

Einen Blick hinter die Kulissen gewährten wiederum die Sprecher der drei Protagonisten des Spiels. Steven Ogg alias Redneck Trevor, Shawn Fonteno alias Gansterrookie Franklin und Ned Luke alias Bankräuber Michael posierten gemeinsam für ein Foto (siehe links). Steven Ogg überraschte Fans zudem in einem Geschäft in New York und vergab Autogramme, wie er in einem Video auf Facebook zeigt.

Der Blog Cheez Burger machte einstweilen den vielleicht unglücklichsten aller "GTA 5"-Fans ausfindig, der sich nach Monaten des Wartens um 40 Dollar ein Exemplar des Vorgängers "GTA 4" besorgte. Das oder jemand hat sich einfach einen guten Scherz erlaubt ;)

Video: Deep Silver nutzt den Hype um "GTA 5"

Konkurrenzverhalten

Rockstars Mitbewerber versuchten ebenfalls vom Trubel um "GTA 5" zu profitieren. Deep Silver veröffentlichte just zum Marktstart des Werks ein Erweiterungspaket für seine Open-World-Satire "Saint's Row 4" mit dem leicht zu verwechselnden Titel "GAT V". Der Download inkludiert ein Aisha Outfit für "Super-Homies", ein schweres Reynolds Maschinengewehr Kaliber 50 und einen Messerwerfer.

Auf den Zug aufgesprungen ist auch Ubisoft, das seine Werbekampagne für den Hacker-Thriller "Watch Dogs" rechtzeitig auf "GTA 5" abstimmte. "Zwei Monate sind genug, um Los Santos zu besuchen... Komm nach Chicago", ist auf einer Anzeige (siehe links) zu lesen.

Absehbare Skandale

Von den Massenmedien noch nicht mit aller Kraft aufgegriffen, loteten einige Fachmedien vorab bereits den einen oder anderen Zündstoff für mögliche Skandale aus. Eurogamer beispielsweise diskutiert in einem Beitrag die Notwendigkeit einer Folterszene in "GTA 5", in der man selbst Hand an einem Zeugen anlegen muss. "Ist die verstörendste Szene in GTA 5 gerchtfertigt", fragt der Autor. Immerhin sprechen wir über ein Spiel, in dem nichts ungeschoren davonkommt - von Konzernbossen bis zu den ärmsten der Armen.

In den Foren der Videospielseiten als auch innerhalb der Community des GameStandard werden vor allem zwei Punkte am heftigsten diskutiert: Ist die Grafik gut genug und ist der Hype um "GTA 5" überhaupt gerechtfertigt? Manche Dinge ändern sich wohl nie. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 18.9.2013) 

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