Eine Plattensammlung in Mundart für Hitler

  • Aufnahme in Dießen am Ammersee. Dazu wurde angemerkt: "Der alte Herr besprach eine Platte, die nicht gut war; der jüngere Herr war Fischermeister."
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    foto: forschungszentrum deutscher sprachatlas"/uni marburg

    Aufnahme in Dießen am Ammersee. Dazu wurde angemerkt: "Der alte Herr besprach eine Platte, die nicht gut war; der jüngere Herr war Fischermeister."

Knapp 400 Schellackplatten mit Dialektaufnahmen, die Hitler zum Geschenk gemacht wurden, schlummern seit Jahrzehnten in Archiven in Deutschland und Österreich

Es war ein verspätetes Geburtstagsgeschenk, das Vertreter des "Reichsbunds der Deutschen Beamten" Adolf Hitler im Juni 1937 übergaben. Dafür war es ein ganz besonderes: ein wuchtiger Holzschrank, gefüllt mit 300 Schellacks samt Plattenspieler. Die als "Lautdenkmal der reichsdeutschen Mundarten zur Zeit Adolf Hitlers" titulierte Sammlung dokumentierte die Dialekte an 300 ausgewählten Orten im Reichsgebiet - in einer bis dahin kaum gehörten Klangqualität.

Unmittelbar nach dem "Anschluss" Österreichs, im April und Mai 1938, fuhr der Kleinbus der Telefunken, die das Projekt technisch umsetzte, durch Österreich und die sudetendeutschen Gebiete, um die Sammlung um weitere 90 Aufnahmen zu ergänzen und Hitler zu überreichen. Was dieser damit anfing, ist nicht überliefert. Nach einem begeisterten Echo in der Presse wurde es bald ruhig um das "Lautdenkmal".

"Kaum einer hat sich an die Sammlung herangetraut", sagt Christoph Purschke. "Eine vollständige Erschließung, geschweige denn eine wissenschaftliche Auswertung, ist nicht erfolgt, vor allem wegen ihres politischen Gehalts." Das wollte Purschke ändern. Der Sprachwissenschafter vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Universität Marburg setzt sich erstmals kritisch mit der heiklen Sammlung auseinander und will sie für die Forschung zugänglich zu machen. Das ist allerdings gar nicht so einfach. "Es ist eine Schnitzeljagd. Ein Großteil der Materialien wurde gegen Kriegsende entsorgt", sagt Purschke. Seine ersten Forschungsergebnisse wird er am Mittwoch bei der Bayerisch-Österreichischen Dialektologentagung an der Uni Wien vorstellen.

Dialektologische Schatzkiste

Von den Schallplatten, die in zehnfacher Ausfertigung gepresst wurden, ist kaum noch etwas auffindbar. Nach dem Krieg angefertigte Kopien auf Tonband fand Purschke in einem Schrank des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas, dessen Experten damals die Mundartaufnahmen wissenschaftlich begleitet hatten. Die Sprachproben aus Österreich und dem Sudetenland schlummern im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien sowie im Archiv des Bayrischen Wörterbuchs - eine "dialektologische Schatzkiste", wie Purschke sagt. "Es ist das früheste Korpus von Dialektaufnahmen, das einen Großteil des deutschen Sprachraums abdeckt."

Auf den gerade dreieinhalb Minuten, die eine Schellack fasste, sind vor allem Beschreibungen alter Handwerksbräuche, Sagen und andere Erzählungen mit Lokalkolorit zu hören. "Mitunter werden aber auch politische Aussagen getätigt", sagt Purschke. Ziel des Werks war es, "ein hörbares Bekenntnis aller Schichten des deutschen Volkes zu der Gefühls- und Gedankenwelt des Nationalsozialismus" darzustellen, wie die "Nationalsozialistische Beamten-Zeitung" 1937 schrieb.

Anhand von Korrespondenzen, Zeitungsberichten und Protokollen will Purschke die Umstände der Aufnahmen und ihre Bedeutung für die volkstümliche Propaganda rekonstruieren. "Die NS-Führungskräfte waren nicht unbedingt an sprachlicher Vielfalt interessiert", räumt Purschke ein. "Gleichzeitig spielte die Idee der deutschen Volkskultur in der Propaganda eine große Rolle."

Abgesehen von der zeithistorischen Aufarbeitung geht es Purschke um eine wissenschaftshistorische und natürlich eine sprachwissenschaftliche Analyse. Anhand einer Mundartaufnahme in seinem Heimatort Itzehoe in Schleswig-Holstein untersuchte Purschke exemplarisch die Wandlung des Dialekts. Dazu verglich er die Tonaufnahme sowohl mit dem aktuellen regionalen Dialekt als auch mit den Angaben des Deutschen Sprachatlas, in dem Georg Wenker in den 1870er- und 1880er-Jahren sämtliche Varietäten geografisch verortet hatte.

"Mit kleinen Ausnahmen wurde in Itzehoe noch ein authentischer, fast archaischer niederdeutscher Dialekt gesprochen, der seit den 1960er-Jahren verschwunden ist", berichtet Purschke. "Die Aufnahmen sind ein direktes Fenster in die Vergangenheit der deutschen Mundarten. Mit der Verbreitung des Rundfunks und durch den Einfluss der Hochsprache begannen sich die Dialekte zu dieser Zeit massiv zu verändern."

Ziel ist es nun, die gesamten Bänder systematisch auszuwerten und in einer historisch-kritischen Edition zu veröffentlichen. Zuerst muss noch der gesamte Bestand erschlossen werden. Dabei ist der österreichische Teil besonders ergiebig: Hier sind Details über die ansonsten meist unbekannten Sprecher vorhanden - was weitere Einblicke in die Welt der Mundart verspricht. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 18.9.2013)

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Hitler und die Mundarten

"...als Hitler anlässlich seines 50. Geburtstages ... eine ... Schallplatte mit verschiedenen dialektalen Sprachproben aus dem deutschen Sprachraum überreicht wurde, war der 'Führer' - so wird kolportiert - über dieses Geschenk nicht besonders begeistert." (Jan Wirrer, in: Konrad Ehlich, Sprache im Faschismus, Frankfurt/Main 1989,S.98) Der Grund dafür lag darin, dass Hitler meinte der Partikularismus der Mundarten schädige "die kulturelle Einheit des deutschen Volkers" (vgl. ebenda). Viele, wenn auch nicht alle Dialektdichter und -dichterinnen hatten Probleme mit den Nazis bis hin zu Schreibverbot und Freiheitsberaubung. Ihr Heimatkonzept war kein (groß)deutsch-nationales.

wie wäre es die wissenschaftliche energie in das heute zu stecken

anstatt jeden noch so kleinen furz aus der ns-zeit auszuschlachten?

Wer sich zu sehr (Teil 1)

mit dem Wahnsinn des Gestern beschäftigt, wird einst im Wahnsinn von Morgen enden! Wieso? Weil er immer zurück schaut, und den kommenden Irrsinn von Vorne übersieht!

Ich darf das sagen! Ich bin mütterlicherseits Achtel-Chinese! Mein Urgroßvater hat 1910 eine Chinesin vom Bahnbau von Wien n Istanbul geheiratet, und dann mit ihr 1926 Doppel-Selbstmord begangen, weil der Rassismus unerträglich war. Wer weiß heute noch, dass auch hier die Chinesen wie die Fliegen gestorben sind.
Meine Großmutter väterlicherseits floh im März 1938 gerade noch rechtzeitig in die Schweiz, weiter nach England und dann nach Neu Seeland. Ich habe sie nur 1 x gesehen, für 6 Wochen 1968. Ihr älterer Bruder wurde im Okt 38 von den Nazis aufgehängt, weil er Kummerl war

Was soll daran heikel sein?

Mittlerweile ist das schon fast ein zwanghaftes, paranoides Verhalten, dass man irgendwie vor allem was aus der Zeit des Nationalsozialismus stammt beinahe panische Angst hat. So große Überraschungen werden im Hinblick auf den "politischen Gehalt" wohl nicht mehr über uns herein brechen. Wenn man die Platten Hitler geschenkt hat, wird man wohl keine Leute aus dem Widerstand interviewt haben, das ist klar, aber ist ja wurscht. Wem interessiert denn was die Leute von sich geben? Interessant ist in meinen Augen nur wie sie das machen! Es Würde mich auch wahnsinnig interessieren wie sich zum Beispiel der Dialekt aus der Gegend meines Heimatortes damals angehört hat...

Sehe ich ganz genau so.

Politisch wird wenig Überraschendes darin enthalten sein, von "Brisanz" kann also keine Rede sein.

Sprachwissenschaftlich halte ich das Vorhaben für höchst interessant.

Mich würde besonders interessieren, wie sich die Globalisierung (das "Zusammenrücken der Welt") auf die regionalen sprachlichen Eigenheiten (=Dialekte) ausgewirkt hat.

Vor allem bei der Jugend hört man heutzutage Redewendungen und Aussprachen, die vor zwanzig Jahren noch mit "Aha, a Tourist aus Deitschlaund" quittiert worden wären, heute hingegen ist das alltäglicher Sprachgebrauch bei Teenies. Kabelfernsehen mit den zumeist bundesdeutschen Privatsendern sehe ich hier als einen der Hauptgründe.

na danke

da werden sich die Ewiggestrigen aber freuen, daß die ausgestorbenen Schlesier wieder auferstehen

solche Dinge sollte man ruhen lassen

Allerdings haben sich auch diejenigen Schlesier als soche betrachtet, die polnisch (bzw. den polnischen Dialekt der Gegend) gesprochen haben, oder vielleicht sollte man besser sagen, diejenigen, die nach eigener Einschätzung Polen waren.

Ausgestorben sind sie nicht, die Schlesier. Mein Vater war einer, ist früh verstorben, und ich habe, seit ich erwachsen bin, immer großes Interesse für meine Wurzeln gehabt.

merkwürdig...

a) dass ein System, dass auf "Gleichschaltung" aus war, ausgerechnet Dialekte archiviert, ist schon merkwürdig b) "die deutsche Sprache" in dem Sinn gibt es nicht, das war u.a. mal ein Gebiet von kleinen Fürstentümern, Städten, mit eigener Sprache (Dialekt), eigener Eichung für Gewichte etc. u.a. war 1848 i.d. Paulskirche eben ein Versuch, dass unter einen "Hut" zu bringen, Dialekt ist ja auch ein Beleg für Geschichte und Entwicklung c) Und das grade die Nazis ausgerechnet das archivieren wollten, ist schon etwas merkwürdig, passt nicht zur "Gleichschaltung"...

Darin liegt schon ein gewisser Widerspruch, aber jeder Nazi (und darüber hinaus jeder Reaktionär schlechthin) hat auch eine sentimentale Ader und dazu gehört insbesondere ein Bild von Heimat als einer heilen Welt, in der, mögen ansonsten auch morsche Knochen zittern und alles in Scherben fallen, alles ländlich-sittlich beim Alten bleibt und Zugereisten keine Chance gegeben wird.

Plausibel

Wann bemüht man sich denn besonders, etwas aufzubewahren und zu konservieren? Wenn man ohnehin damit rechnet, dass es früher oder später aus der realen Welt verschwinden wird. Das Projekt war wohl eher ein Abgesang denn eine Huldigung

sagen SIe doch einfach, was Sie wirklich sagen wollen! Aber bitte nicht so hintenherum. Außerdem: Haben Sie den Artikel zuende gelesen? "Ziel des Werks war es, >>ein hörbares Bekenntnis aller Schichten des deutschen Volkes zu der Gefühls- und Gedankenwelt des Nationalsozialismus<< darzustellen". Darum ging es. Und zwar so, dass alle Schichten in allen Regionen erreicht wurden.

hab ich doch gesagt...

a) ich sage, dass es mich wundert, dass ein auf "Gleichschaltung" ausgerichtetes Regime unbedingt Dialekte archivieren wollte b) das ist doch ein Widerspruch, Individualität oder Regionales vs. Gleichschaltung c) und deshalb dann der ganze Aggewars, wenn das historisch wertvoll ist: auswerten, der Ursprung dieser Dialekte hat nichts mit Nazis oder Hitler zu tun....

Ich halte das nicht für einen Widerspruch, da dies ja durchaus als bestehende und zT. erwünschte Facetten des deutschen Volkes gesehen wurden. Auf organisatorischer Ebene (Schriftbild etc.) wurde natürlich schon vereinheitlicht, aber die versch. unterschiedl. Elemente der Volksgemeinschaft kommen immer wieder als Bild vor. Zum Beispiel gibts in einem Riefenstahl-Film (entweder "Triumph des Willens" oder "Sieg des Glaubens"? - ich mag mich jetzt nicht durch das ganze Tschinderassabumm wühlen...) auch unterschiedliche, jeweils archetypische Deutsche mit Schildchen in der Hand, die sich in ihrem Dialektidiom zum Nationnalsozialismus und/oder AH bekennen.

wo bleibt der torrent?

genau: "Adolf Leasingvertrag" auf youtube

Das hört sich interessant an...

Neben einigen Dialekten, die bereits praktisch ausgestorben sind, wie Ostpreussisch, Egerländisch oder Schlesisch, ist es sicher auch ziemlich aufschlussreich, noch bestehende Dialekte in einer ungleich originäreren Form zu hören. Für Linguisten sicher ein Rosetta-Stein - oder fast :-)

Sehr interessantes Projekt... Hoffentlich stellt man die Baender in ein Online Archiv.

Ausgewählte politische Sager mit starkem rechtsdrall dürften dann auf der FPÖ-Facebook-Seite zu finden sein.

Was wollen Sie mit den Fragmenten

ein beachtlicher Teil wurde vernichtet, der Rest wird dann auch noch zensiert. Traurig.

Soweit ich verstand sind die original Schellack vernichtet, aber es gibt Tonbandaufnahmen. ..?

Man hat sich nicht herangetraut...
Das ist mir unbegreiflich. Abgesehen von der Dialektforschung könnten die Aufnahmen sehr interessant und ergiebig sein, auch für. zB Mentalitätsgeschichte.
Was ist daran so "heikel"? Dass doch sehr viele dem NS Regime zugetan waren? Was jetzt keine bahnbrechende Erkenntnis wäre.
Ich glaub kaum dass man durch die Aufnahmen zum Nationalsozialismus "verführt" werden kann, überhaupt in einer wissenschaftlichen AUseinandersetzung damit.

Das einzig heikle, was mir dazu einfällt, wäre vielleicht der Datenschutz, da man anscheinend die Personen erkennt, aber auch das ist kein Novum in der Wissenschaft.

Also ich denke, es ist deshalb heikel,

weil der Inhalt ziemlich sicher sehr menschlich rüberkommt und das passt so gar nicht zu dem, was wir normalerweise zu sehen bekommen:
Das passt einfach nicht zum uns von den MM vermittelten Bild eines irren Diktators.
Die Realität ist aber nicht so einseitig. Da ist eben die "Gefahr" gegeben, dass dieses Bild gestört wird.

naja...es ist nie auszuschließen, wennn sich jemand ernsthaft damit befassen möchte, dass nicht gleich wieder irgendwelche Dolmen dastehen und die N-Keule schwingen...weil halt!

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