Wie das Kaninchen vor der Schlange

  • Friedrich Torberg vor seinem Apartment im New Yorker Exil um 1945: Der Schriftsteller habe als erklärter Antikommunist einen Bekenntnisdruck ausgeübt, sagen Wissenschafter.
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    Friedrich Torberg vor seinem Apartment im New Yorker Exil um 1945: Der Schriftsteller habe als erklärter Antikommunist einen Bekenntnisdruck ausgeübt, sagen Wissenschafter.

  • DDR-Schriftsteller Peter Hacks verglich die Systeme mit ungenießbaren Äpfeln.
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    DDR-Schriftsteller Peter Hacks verglich die Systeme mit ungenießbaren Äpfeln.

Der Kalte Krieg ließ auch die Schriftsteller in Lagern denken - Erst die historische Distanz erlaubt eine differenzierte Betrachtung des Schreibbetriebs jener Zeit

Agenten, Diplomaten, Militärs - das sind die bekannten Akteure des Kalten Krieges. Doch es beteiligten sich auch Schriftsteller. Der Kampf der Ideologien wurde genauso erbittert im Kulturbetrieb geführt. Am Institut für Germanistik der Universität Wien beschäftigt sich Ende September eine Konferenz mit der politischen Schlacht auf dem Felde der Literatur.

Der Kalte Krieg wurde in Form von Stellvertreterkonflikten, Duellen am Verhandlungstisch und Denunziationen ausgetragen - das galt auch für den Kulturbetrieb. Seine Literaturgeschichte ist geprägt von Attacken und Ressentiments, was gerade Schriftsteller zu spüren bekamen, die sich nicht einordnen wollten.

"Hier entstanden groteske Missverständnisse. Teilweise wurden Autoren, die sich politisch nicht klar positionierten, massiv angefeindet. Daran merkt man, wie entfernt diese Lager voneinander waren und wie zerrissen die Nachkriegsliteratur ist", sagt Germanist Michael Rohrwasser, der die Tagung zusammen mit seinem Fachkollegen Günther Stocker organisiert.

Irritierte Rückkehrer

Für Stocker ist der Grund für den Konflikt ein Generationenkrieg der Schriftsteller: Während sich etwa die Gruppe 47 als Speerspitze eines demokratischen Neuanfangs in Deutschland betrachtete, bestand sie in den Augen vieler Emigranten aus Wehrmachtssoldaten und ehemaligen Mitgliedern der Hitlerjugend. Genauso irritiert waren die Rückkehrer angesichts der Begeisterung von Teilen der jüngeren antifaschistischen Autorengeneration für das totalitäre Regime im Osten.

Auch die Wissenschaft war stellenweise von Lagerdenken geprägt. Rohrwasser: "Wir Literaturwissenschafter sind selbst Teil des Themas." In den 1980er-Jahren, als er an der Freien Universität im damaligen Westberlin forschte, sei man angefeindet worden, wenn man über das 'falsche' Thema arbeitete. Durch die historische Distanz könnte man jetzt einen differenzierteren Blick auf das Thema werfen.

Der Kalte Krieg in der deutschsprachigen Literatur betrifft nicht nur Deutschland. Stocker forscht in Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekts zur österreichischen Literatur der Nachkriegszeit, deren politischer Gehalt lange Zeit ignoriert worden sei: "Man hat gesagt: Wir befassen uns nicht mit zeitgeschichtlichen Themen. Unsere wahre Literatur ist die, die sich mit dem überzeitlichen Allgemeinmenschlichen oder mit Sprachexperimenten befasst." Dabei habe es sehr wohl eine politische Literatur gegeben.

Massiver Antikommunismus

Stocker möchte auf der Tagung durch den Vergleich BRD und DDR neue Erkenntnisse über dieses Kapitel der österreichischen Literaturgeschichte gewinnen. "Es gibt ein internationales Kräftefeld, zu dem Österreich gehört. Man kann aber nicht sagen, dass es in diesen drei deutschsprachigen Räumen eine gemeinsame Geschichte gibt", sagt Rohrwasser. In Österreich habe es einen massiven staatstragenden Antikommunismus gegeben, meint Stocker. Und das, obwohl es keine konkrete kommunistische Bedrohung gab. Der österreichische Literaturbetrieb wurde von Persönlichkeiten wie Friedrich Torberg und Hans Weigel dominiert, die als erklärte Antikommunisten eine Art Bekenntnisdruck ausgeübt haben.

Sigurd Paul Scheichl vom Institut für Germanistik der Universität Innsbruck wird auf der Tagung über Friedrich Torberg und dessen Theaterkritiken als politische Dokumente referieren: "Torberg ist typisch für eine Zeit, als man hierzulande wie das Kaninchen vor der Schlange auf die östlichen Nachbarländer gestarrt hat. Er war wahrscheinlich der beste Theaterkritiker seiner Zeit, aber er ist auch ein typischer österreichischer Kalter Krieger."

Höfliche Verachtung

Die Konflikte von Autoren beider Systeme führten aber nicht zwangsläufig zu kategorischer gegenseitiger Ablehnung. Das betont etwa Jens Thiel, Historiker an der Wilhelm-Humboldt-Universität in Berlin. Er verweist auf das "Hamburger Streitgespräch", wo sich 1961 Autoren aus Ost und West zur sachlichen Diskussion trafen. Die Versammlung war die Letzte ihrer Art: Durch den Mauerbau ein paar Monate später wurden derartige Zusammenkünfte erheblich erschwert.

Viele Autoren arrangierten sich mit der DDR. Das verhärtete die Fronten und widersprach der Gesprächskultur des Streitgesprächs: "Bei allen unterschiedlichen Positionen, die offen ausgetragen wurden, dominierte das Bemühen darum, dass man im Gespräch bleibt. Man wollte nicht nur betonen, dass man eine gemeinsame Sprache spricht, sondern dass man sich gegenseitig nichts Böses unterstellt", charakterisiert Thiel das Treffen als eine faire Veranstaltung.

Hier wurde selbst die Verachtung für das andere System noch elegant und höflich vorgetragen - wie ein Zitat des damaligen DDR-Autors Peter Hacks illustriert: "Wir haben halt einen Sozialismus. Sie haben einen Kapitalismus. Beide haben ihre Nachteile. Ich würde sagen: Unser Sozialismus ist zu vergleichen mit einem sauren Apfel und Ihr Kapitalismus mit einem etwas verfaulten. Das sind Geschmacksfragen." (Johannes Lau, DER STANDARD, 18.9.2013)


Tagungs-Programm
"Spannungsfelder. Die deutschsprachige Literatur im Kalten Krieg 1947- 1968": Institut für Germanistik, Stiege 9, 2. Stock, 1010 Wien, Universitätsring 1, 26.-28. 9.

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