Wiens ungeplanter Erfolg mit Projekt "Horny"

17. September 2013, 18:52
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Es ist die wohl größte Erfolgsgeschichte der österreichischen Wissenschaft im letzten Vierteljahrhundert: Was 1988 mit der Eröffnung des Instituts für molekulare Pathologie (IMP) im dritten Wiener Gemeindebezirk offiziell begann, ist heute ein international sichtbares Zentrum der Lebenswissenschaften. Die Rede ist vom Campus Vienna Biocenter (VBC), an dem heute 1400 Wissenschafter und 700 Studierende aus rund 40 Ländern arbeiten und mit ihren Entdeckungen für Furore sorgen.

So schafften es Forscher des 2003 am Vienna Biocenter gegründeten Instituts für molekulare Biotechnologie (Imba) mit der Entwicklung menschlicher Minihirne auf die internationalen Titelseiten. Dass am VBC Spitzenforschung betrieben wird, zeigt sich auch daran, dass knapp ein Viertel der bisher rund 100 prestigeträchtigen Grants des Europäischen Forschungsrats ERC, die Forscher in Österreich einwerben konnten, nach Wien-Landstraße gingen.

Damit nicht genug: Mittlerweile gibt es am VBC neben den außeruniversitären Instituten IMP, Imba oder dem Gregor-Mendel-Institut (GMI) noch vier universitäre Einrichtungen, eine Fachhochschule und 14 Biotech-Unternehmen wie Valneva (1997 bis 2013 Intercell), Affiris oder Apeiron Biologics. Und so mag es eine der wenigen Schwächen des VBC sein, dass es in der Öffentlichkeit weniger bekannt ist, als es seiner Bedeutung entsprechen würde.

Immerhin liegt nun eine erste, gründlich recherchierte Geschichte des Vienna Biocenter in Buchform vor. Die Wiener Historikerin Maria Wirth hat sich durch die Archive gearbeitet, mit etlichen Zeitzeugen gesprochen, aber auch die lange Vorgeschichte des Standorts im dritten Wiener Gemeindebezirk rekonstruiert, wo sich zuvor unter anderem ein Siechenhaus, eine Brauerei, ein Schlachthof und die Radiofabrik Hornyphon der Firma Philips befanden.

Die Vorgeschichte des VBC reicht wiederum bis in eine Zeit zurück, als Wien in Sachen Bio-Wissenschaften - mit Ausnahme des Instituts von Biochemiker Hans Tuppy - Niemandsland war. Anfang der 1980er-Jahre entschlossen sich dann das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim (BI) und der US-Gentechnologie-Pionier Genentech, ein Grundlagenforschungsinstitut in Wien aufzubauen. Schlüsselpersonen waren Vizebürgermeister Hans Mayr, auf wissenschaftlicher Seite Hans Tuppy, der spätere erste IMP-Direktor Max Birnstiel sowie der damalige BI-Mitarbeiter und Tuppy-Schüler Peter Swetly. Der hatte eine entscheidende Projektmappe ausgearbeitet, die - wegen des Standorts der Radiofabrik Hornyphon - den schönen Titel "Horny" trug.

Aus den "Horny"-Plänen wurde das IMP in der Dr.-Bohr-Gasse, dass sich dank großzügiger Investitionen von BI prächtig entwickelte und nicht lange allein auf weiter Flur blieb: Die Gründerväter hatten klugerweise eine enge Anbindung an universitäre Einrichtungen sowie neue Lehrstühle eingefordert. Und die Politik hielt die Versprechungen. Ab 1993 siedelten sich die ersten Universitätsinstitute an, es folgte 1997 mit Intercell eine erste private Biotech-Firma. Vor zehn Jahren kamen das GMI und das Imba dazu, die sich mit dem IMP mittlerweile die aufwändige Infrastruktur teilen.

Diese gemeinsam genützte Infrastruktur ist ein Element der zum Teil bereits umgesetzten "Vision 2020" für das VBC. Ein Ende seiner Erfolgsgeschichte ist mithin nicht absehbar - was umso erstaunlicher anmutet, als es vor rund 30 Jahren, wie Maria Wirth resümiert, "ohne großen Masterplan" begann. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 18.9.2013)

  • Maria Wirth: "Der Campus Vienna Biocenter. Entstehung, Entwicklung und Bedeutung für den Life-Sciences-Standort Wien", Studien Verlag, 180 Seiten, 26,90 Euro.

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