Entrümpeln und Aufputzen im Handel

17. September 2013, 18:30
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Handel legt dickes Forderungspaket vor: Flachere Gehaltskurven und flexiblere Arbeitszeiten sind gefragt, bei der Gewerkschaft beißt man auf Granit

Wien - Die Zeit der Wahlen sei nie gut für den Handel und die Stimmung unter den Konsumenten in dieser Phase schlecht, seufzt Stephan Mayer-Heinisch, der als Präsident des Handelsverbands mehr als 150 große Unternehmen seiner Branche vertritt. An dicken Forderungspaketen an die Politik fehlt es dem Handel mit seinen 500.000 Mitarbeitern dennoch nicht. Ihr Inhalt reicht von der Entrümpelung des Kollektivvertrags bis hin zu flexibleren Arbeitszeiten. Mit vielem davon beißen die Betriebe bei der Gewerkschaft auf Granit.

Es werde zunehmend schwieriger, gute Leute für den Handel zu gewinnen, klagt Sigrid Aibler, Geschäftsführerin von Yves Rocher. Das Image des Berufsstandes Verkäufer gehöre verbessert, die Ausbildung sei mangelhaft und veraltet. Neben den Lehrplänen müssten aber auch Lehrherren genauer überprüft werden: Lehrlinge dürften nicht als Putzkräfte eingesetzt werden. Weiterer Wunsch an die Regierung: eine flachere Einkommenskurve, die jüngeren Verkäufern höhere Einstiegsgehälter bietet. Diese kämen anfangs nämlich finanziell kaum über die Runden. "Es geht um einen Ausgleich."

Neues Schema

Die Sozialpartner seien derzeit dabei, Lohndaten zu erheben und ein neues Schema zu erarbeiten, erzählt Manfred Wolf von der Gewerkschaft GPA-djp. Gerade im Handel sei der Verteilungsspielraum zwischen Jung und Alt aber gering. "Es gibt hier keine große Spreizung." Um den Job für Junge attraktiver zu machen, müsse die Branche ins Geldbörsel greifen.

Aibler sieht auch Bedarf an flexibleren Arbeitszeiten. Die Kritik, dass Teilzeitangestellte für die Arbeitgeber oft auf Abruf stundenweise parat stehen müssen, lässt Mayer-Heinisch nur bedingt gelten: Mittlerweile pflege die Mehrheit der Unternehmen eine langfristige Planung der Dienstzeiten.

Wichtig sei die Option, tageweise zehn Stunden am Stück arbeiten zu dürfen, betont Aibler. Dies sei unter bestimmten Voraussetzungen aber ohnehin erlaubt, entgegnet Wolf. Faktum sei, dass der Handel bereits geltende Möglichkeiten der Flexibilisierung großteils nicht ausschöpfe, da dies die Einhaltung von Regeln voraussetze. "Mit stärkerer Flexibilisierung meinen viele daher eher die Abschaffung von Rechten."

Vereinfachen, Entrechten

Viel zu langsam geht für Mayer-Heinisch die Vereinfachung des Kollektivvertrags vonstatten. Wesentlicher Knackpunkt seien Zuschlagsregeln, sagt Wolf. Beim KV sei es nicht wie in Firmen, "wo einer anschafft und alle hupfen". Entrümpeln heiße nicht Entrechten, gut Ding brauche eben Weile.

Der Handel sei raschen Innovationszyklen unterworfen, hält der Handelsverbandspräsident entgegen. Nicht entnommene Gewinne gehörten etwa steuerlich begünstigt, um die dünne Kapitaldecke der Branche zu stärken und Rückstau an Investitionen zu verhindern. Zudem müssten Steuern dort eingehoben werden, wo Konsumenten für Produkte bezahlen. Durch den wachsenden Internethandel ließe sich der Fiskus einen "Haufen Geld entgehen. Hier gibt es zu wenig Druck auf Brüssel."

Strategische Pläne vermisst Mayer-Heinisch auch bei der Raumordnung. Städte fransten aus, etliche seien nicht mehr zu retten, 40 bis 50 gehörten dringend "repariert". Gefragt seien keine Einzelaktionen, bei denen laufend das Rad neu erfunden werde, sondern die Reform der Kompetenzen - zudem zumindest regionale Planung und ein Ende des Kampfes der Gemeinden. "Der Handel hat nichts lieber als Städte." Die Expansion der Einkaufscenter sei ausgereizt.

Einen Aufputz benötigten in Wien etwa die Meidlinger Hauptstraße, die Alser Straße und Favoritenstraße. Die neue Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße nennt er eine gute Idee, aber "politisch motiviert vernudelt". (Verena Kainrath, DER STANDARD, 18.9.2013)

  • Die Meidlinger Hauptstraße in Wien: Einkaufsstraßen wie sie haben aus Sicht des Handels- verbands ein Facelifting nötig. Die Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße sei "vernudelt".
    foto: heribert corn

    Die Meidlinger Hauptstraße in Wien: Einkaufsstraßen wie sie haben aus Sicht des Handels- verbands ein Facelifting nötig. Die Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße sei "vernudelt".

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