"Mir fehlt eine positive europäische Zukunftsvision"

16. September 2013, 18:32
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Der ungarische Regisseur István Szabó präsentierte seinen neuen Film "Hinter der Tür" auf dem Let's CEE Festival in Wien - Der Oscar-Preisträger über gesellschaftliche Utopien, EU-Mängel und sein Image daheim

Wien - Im Rahmen des Let's CEE Festivals präsentierte der ungarische Regie-Altmeister István Szabó (Mephisto) seine jüngste Arbeit Hinter der Tür. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Magda Szabó (nicht verwandt) erzählt der Film von der Beziehung einer gut situierten Schriftstellerin (Martina Gedeck) zu ihrer eigensinnigen Haushälterin (Helen Mirren) im Ungarn der 60er-Jahre. Auf Fragen zur Wahrnehmung der Innenpolitik seines Heimatlandes wollte der Regisseur, dessen Filme meist persönliche Schicksale vor den großen Ereignissen der europäischen Geschichte zeigen, nicht eingehen, "ich mache Filme über bestimmte Themen - das war's".

STANDARD: Im Anschluss an die Filmvorführung haben Sie erklärt, dass ein Film immer vom Herzen kommen muss. Der Filmemacher sollte das Gefühl haben, dass er die Geschichte auf eine Weise erzählen könne wie niemand sonst. In welcher Weise trifft dies auf "Hinter der Tür" zu?

Szabó: Hinter der erzählten Geschichte steht die Frage, wie weit wir in das Leben anderer Menschen hineinreden dürfen. Wie können wir die Lebensart anderer beeinflussen oder sogar aggressiv auf sie einreden, mit dem Wunsch, sie zu ändern? Ich habe in meinem Leben mehrmals erlebt, wie Ideologien versuchen, unser Leben zu ändern und zu bestimmen. Der Film zeigt nun zwei Menschen, die unterschiedliche Ideologien, Wurzeln und Kulturen haben, und beide versuchen einander zu beeinflussen, einander einzureden, wie der andere leben soll. Das ist die Geschichte, die mich interessiert.

STANDARD: Liegt dieses Verhalten in der Natur des Menschen, oder ist ein anderes Zusammenleben vorstellbar?

Szabó: In einer offenen Gesellschaft, schon. Wenn Menschen, die unterschiedliche Wünsche und Träume haben, verschiedene Festtage, eine unterschiedliche Mentalität, trotz dieser Differenzen offen und bereit sind, an einer gemeinsamen Gesellschaft teilzunehmen und deren Regeln zu akzeptieren - dann ja. Aber diese Offenheit muss von jedem Einzelnen kommen, der in einer Gemeinschaft leben will.

STANDARD: Kann der Film, kann Kultur einen Wandel bewirken?

Szabó: Ja, natürlich. Wenn wir Menschen sehen, die nach einer fremden Lebensart leben, aber mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben wie wir, dann lernen wir vielleicht, diese Menschen zu lieben und dadurch zu akzeptieren, dass sie anders leben.

STANDARD: Wie die meisten Ihrer Arbeiten ist "Hinter der Tür" eine internationale Koproduktion. Konnten Sie im Laufe Ihrer Karriere das Entstehen einer gesamteuropäischen Identität bemerken?

Szabó: Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, die nationalen Gedanken sind in einigen europäischen Ländern sogar stärker geworden. Das ist ein Problem. Ich glaube, es liegt daran, dass sich die EU nicht als eine Gemeinschaft mit einer wirklich schönen und positiven Zukunft zeigt - obwohl sie meiner Meinung nach eine schöne und positive Zukunft hat. Ich verstehe nicht, warum die europäischen Politiker nicht mithilfe von Philosophen, Künstlern und Intellektuellen zeigen können, wie positiv dieser europäische Gedanke ist. Sie müssten eine Idee anbieten, der die Menschen auch emotional folgen können. Ich bin kein Politiker und möchte der Politik nicht auf der Tagesebene dreinreden, trotzdem fehlt mir eine positive europäische Zukunftsvision. Man hört zu viel über Korruption. Das zeichnet alles ein negatives Bild, das ist ein echtes Problem.

STANDARD: Wie könnte ein positiveres Bild von Europa ausschauen?

Szabó: Es ist eine fantastische Gemeinschaft mit vielen Identitäten, die in Summe einen großen Reichtum darstellen. Wenn ich stolz auf meine Identität bin und jede andere Identität auch als wertvoll akzeptiere, dann können wir etwas Gemeinsames aufbauen. Und trotz aller Unterschiede haben wir gemeinsame kulturelle Wurzeln. Wir haben fantastische Sachen, Athen und Rom, und wir haben ganz schreckliche negative Gemeinsamkeiten, zum Beispiel Auschwitz - das gehört auch dazu. Aber wenn wir alles zusammen sehen, dann ist Europa etwas Wunderschönes.

STANDARD: Sie sind gerade Gast eines Festivals, das Filme aus Zentral- und Osteuropa zeigt ...

Szabó: Ich liebe alles, das versucht, Europa zusammenzubringen.

STANDARD: Mit Ihrer Arbeit tun Sie das - zugleich sind Ihre Filme abhängig von europäischen Fördermitteln.

Szabó: Heutzutage kann man mit einer einzelnen Förderung keinen Film drehen. Diese sind viel zu niedrig bei den heutigen Preisen. Mit den größten nationalen Förderbeträgen können Sie das Viertel eines Filmes drehen. Es funktioniert anders nicht. Es ist kein Zufall, dass die EU versucht, die Kooperationsmöglichkeiten zu unterstützen. Das sind absolut positive Bemühungen, und man sieht natürlich die Ergebnisse. Denken Sie an Hanekes wunderschönen Film Amour, der gerade einen Oscar gewonnen hat, oder an viele großartige Filme aus Deutschland, Ungarn, Rumänien! Nein, es ist sehr wichtig, sehr positiv, was der Filmförderungsfonds Eurimages machen kann.

STANDARD: "Hinter der Tür" war in Ihrer ungarischen Heimat sehr erfolgreich.

Szabó: Gott sei Dank, besonders die Frauen haben den Film sehr gemocht. Die Frauen mehr, die Männer weniger, Filmkritiker absolut nicht.

STANDARD: Warum nicht?

Szabó: Sie meinten, es wäre eine sentimentale Geschichte, und ich sei altmodisch, gehöre zu Papas Kino und soll mich zur Ruhe setzen. Die sollen nur schreiben ...

STANDARD: Damit können Sie leben.

Szabó: Ja. (Dorian Waller, DER STANDARD, 17.9.2013)

István Szabó (75) ist ein ungarischer Filmregisseur mit jüdischen Wurzeln. International bekannt machten ihn seine Filme mit Klaus Maria Brandauer, "Mephisto", "Oberst Redl" und "Hanussen". Für "Mephisto" wurde er 1982 mit einem Oscar ausgezeichnet.

  • Geschichte einer kontroversen Frauenbeziehung im Ungarn der 1960er-Jahre: Helen Mirren (li.) und Martina Gedeck in István Szabós Film "Hinter der Tür".
    foto: let's cee festival

    Geschichte einer kontroversen Frauenbeziehung im Ungarn der 1960er-Jahre: Helen Mirren (li.) und Martina Gedeck in István Szabós Film "Hinter der Tür".

  • I. Szabó: "Nationale Gedanken wurden stärker."
    foto: ch. fischer

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