"Jugendliche nicht politikverdrossen, sondern wenig informiert"

Interview |
  • "Wir sind der Meinung, dass die Parteipolitik stärker aus den Schulen muss. Ein Direktor soll nicht nach seinem Parteibuch bestellt werden, sondern nach Kompetenz."
    foto: apa/pfarrhofer

    "Wir sind der Meinung, dass die Parteipolitik stärker aus den Schulen muss. Ein Direktor soll nicht nach seinem Parteibuch bestellt werden, sondern nach Kompetenz."

Bundesschulsprecherin Angi Groß über das Lehrerdienstrecht und die Gesamtschule

"Gute Schulen sollen gut bleiben, und nicht hoch angesehene Schulen sollen verbessert werden", sagt Angi Groß, seit Sonntag Bundesschulsprecherin. Warum sie sich für politische Bildung ab der siebenten Schulstufe einsetzt und weshalb sie sich lieber selbst vertritt, als von der ÖVP vertreten zu werden, erklärt sie im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Sie sind als Bundesschulsprecherin gewählt worden und gehören zur ÖVP-nahen Schülerunion. Wie bewerten Sie die Bildungspolitik der ÖVP?

Groß: Alle Parteien haben gute Ansätze, aber auch Vorschläge, mit denen wir nichts anfangen können. Es ist egal, welche Partei was fordert. Uns geht es um den Inhalt. Wenn der Inhalt passt, dann freut uns das natürlich.

derStandard.at: Wo stimmen Sie mit der ÖVP nicht überein?

Groß: Ich finde es nicht okay, dass die ÖVP beim Lehrerdienstrecht den Entwurf schon eingereicht hat und dass man die Lehrer so übergeht. Dabei wird das Wohl der Schüler aus den Augen verloren. Wir sind der Meinung, dass die Parteipolitik stärker aus den Schulen hinausmuss. Ein Direktor soll nicht nach seinem Parteibuch bestellt werden, sondern nach seiner Kompetenz.

derStandard.at: Wie könnte man das besser machen?

Groß: Man muss den Politikern und den Lehrern klarmachen, dass es bei der Bildungsdebatte um uns Schüler geht.

derStandard.at: Fühlen Sie sich von der ÖVP in Ihren Anliegen gut genug vertreten?

Groß: Wir vertreten uns lieber selber. Die Politik soll generell die Meinungen von Schülerinnen und Schülern ernst nehmen und in aktuelle Debatten einbeziehen.

derStandard.at: Wo zum Beispiel?

Groß: Zum Beispiel in den Debatten um Ganztagsschule oder Gesamtschule. Hier sollten wir mitentscheiden und der Schulgemeinschaftsausschuss schulautonom entscheiden können, ob es eine Ganztagsschule gibt oder nicht.

derStandard.at: Sind Sie für eine gemeinsame Schule für Zehn- bis 14-Jährige?

Groß: Gute Schulen sollen gut bleiben, und nicht hoch angesehene Schulen sollen verbessert werden.

derStandard.at: Was meinen Sie mit nicht hoch angesehenen Schulen?

Groß: Hauptschulen im städtischen Bereich gelten oft als Schulen, die alle Schüler aufnehmen, die nicht den Sprung ins Gymnasium schaffen. Darum sollte man sie aufwerten. Es ist unfair, dass Schüler, die länger brauchen, etwas zu lernen, und deswegen frustriert sind, die Zeit nicht bekommen, die sie brauchen. Durch eine Gesamtschule gibt man den Schülern keine gerechte Chance. Man muss die individuellen Lerntempi berücksichtigen.

derStandard.at: Was sind Ihre Ziele als Bundesschulsprecherin?

Groß: Mein größtes Ziel ist die Talenteförderung. Wir haben ein Konzept entwickelt, das schon im Kindergarten mit einem Stärkenportfolio beginnt. Auch in der Unterstufe soll ein Talente-Pool eingerichtet werden, wo die Schülerinnen und Schüler zwischen verschiedenen Modulen auswählen können.

derStandard.at: Das wäre dann verpflichtend?

Groß: Ja. Es muss mindestens ein Modul absolviert werden. Dazu sind Kooperationen mit Vereinen notwendig, damit man ein möglichst großes Angebot bereitstellen kann.

derStandard.at: Mit welchen Vereinen wollen Sie kooperieren?

Groß: Zum Beispiel mit Sportvereinen, damit man möglichst viele Sportarten anbieten kann, oder auch Musikschulen, damit man Instrumente lernen kann. Aber es soll auch vertiefender Mathematikunterricht mit Lehrern angeboten werden.

derStandard.at: Sie wollen politische Bildung ab der siebenten Schulstufe einführen: Wieso ist Ihnen das so wichtig?

Groß: Politische Bildung ist mir persönlich ein wichtiges Thema. Jugendliche sind nicht politikverdrossen, sondern zu wenig informiert. Durch das Fach Politische Bildung werden sich mehr Schüler für Politik interessieren. Es ist wichtig, dass es schon ab der siebenten Schulstufe ein Unterrichtsfach ist, damit alle Schüler das Fach besucht haben und sich in der österreichischen Politik auskennen, auch wenn sie nach der neunten Schulstufe die Schule verlassen.

derStandard.at: Sie treten für eine modulare Oberstufe ein: Wodurch unterscheidet sich diese von der vom Ministerium geplanten neuen Oberstufe?

Groß: Die Oberstufe neu vom Ministerium entspricht einer Semestrierung, das heißt, der Lehrplan bleibt gleich. Das einzige Unterschied ist, dass man nicht sitzenbleiben kann, sondern nur Module nachholen muss. Wir wollen aber, dass Schüler mehr nach ihren Interessen gefördert werden und sich ihre Module selbst aussuchen können. Es gibt bestimmte verpflichtende Basismodule, je nach Schultyp und Modul, die sich die Schüler selbst zusammenstellen. Wir wollen, dass Schüler das lernen, was sie interessiert.

derStandard.at: Ist es dann möglich, Fächer wie Mathematik oder Deutsch komplett abzuwählen?

Groß: Das kommt ganz auf den Schultyp an. Es muss gewisse Basismodule geben, damit die Allgemeinbildung erhalten bleibt. Mathematik ist aber ein essenzielles Fach, das kann man nicht umgehen. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 16.9.2013)

Angi Groß (18) wurde am Sonntag zur Bundesschulsprecherin gewählt. Sie gehört der ÖVP-nahen Schülerunion an und ist Schülerin der HAK in Waidhofen an der Ybbs.

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