"Unser Showroom ist der Fußballplatz"

Interview17. September 2013, 10:00
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Ernst Tanner ist seit dem Vorjahr Nachwuchsleiter bei RB Salzburg. Ein Gespräch über den gläsernen Fußballer, die Relativität von Statistiken und Effekthascherei im virtuellen Raum

Mittwoch, 9 Uhr, Wals Siezenheim: Pünktlich und in Begleitung von Pressechef Christian Kircher trifft Ernst Tanner im Bull's Corner ein. Aus den Boxen des Salzburger Stadionrestaurants dudelt betuliche Chartmusik. Tanner ignoriert die Beschallung. Er ist konzentriert und anfangs zurückhaltend. Doch rasch lockert sich die Atmosphäre, Tanner genießt es, über seine Vorstellungen vom Fußball zu sprechen. Umschalten, Vertikalspiel und Gegenpressing sind seine Lieblingsworte. Wenn Tanner auf die Red-Bull-Akademie und ihre neuesten Errungenschaften zu sprechen kommt, kann er einen gewissen Stolz nicht verbergen.

ballesterer: Die digitale Revolution hat auch den Fußball voll erfasst. Wie sehr ist Ihre Tätigkeit von Statistiken und Daten bestimmt?

Ernst Tanner: Insbesondere im Profibereich kann man durchaus vom gläsernen Spieler sprechen. Durch Video- und Laufweganalysen gewinnen die Betreuerstäbe heutzutage viele Daten für ihre Arbeit, sowohl im taktischen als auch im physischen Bereich. Eigentlich bleibt nichts mehr verborgen. Für den Spieler ist das nicht immer angenehm. Vor allem dann, wenn er im Vergleich zu anderen schlecht abschneidet.

Können Sie uns ein prägnantes Beispiel nennen?

Bei den Managertagungen in Deutschland 2011 haben alle Bundesligisten der Datenerhebung in ihren Stadien durch das Unternehmen Impire zugestimmt und die Veröffentlichung freigegeben. Logischerweise waren die Medien an den Statistiken sehr interessiert. Als Lukas Poldoski am ersten Spieltag nur 8,9 Kilometer gelaufen ist, hat die Bild ihn als faulsten Spieler bezeichnet. So einfach ist es natürlich nicht. Es ist wichtig, die Zahlen richtig zu interpretieren. Um die Statistiken zu verstehen, muss ich wissen, wie das Ergebnis zustande gekommen ist. Die Laufleistung ist sehr stark vom Gegner abhängig. Spielt er sehr defensiv, und ist das Spiel einseitig, wird sie automatisch niedriger ausfallen. Wichtig sind aber auch äußere Faktoren wie die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit. Und in den Positionsgruppen Abwehr, Mittelfeld und Sturm gibt es selbst innerhalb der Gruppen gravierende Unterschiede.

Wie weit sollte eine Mannschaft in einem Spiel laufen?

Im Schnitt läuft ein deutsches Bundesliga-Team rund 115 Kilometer pro Spiel, Tendenz steigend. Wobei die deutsche Liga international sicher eine der laufintensivsten ist. Wenn beide Mannschaften sehr offensiv agieren und versuchen, attraktiven Fußball zu spielen, können sie auch über 125 Kilometer erreichen. In Österreich fehlen mir die Vergleichswerte, da das Tracking hierzulande noch nicht so stark Einzug gehalten hat. Ich kenne nur unsere Daten.

Die Analysesysteme erheben verschiedenste Daten. Wie und was filtern Sie aus dieser Zahlenflut heraus?

Grundsätzlich darf man nicht nur auf die Laufleistung schauen. Wir hatten bei Hoffenheim einen Isländer, der in jedem Spiel 13 bis 14 Kilometer gerannt ist. Wenn er sich aber taktisch nicht klug bewegt, bringt das auch nichts. Andererseits kann es okay sein, wenn es ein Spieler konstant auf zehn oder elf Kilometer bringt. Die Laufleistung ist nur ein Teil der Spielleistung, zu der ich sie in Relation setzen muss. Ein weiterer wichtiger Kennwert sind die Sprints, weil sie Rückschlüsse auf die physische Belastbarkeit erlauben und noch andere Erkenntnisse daraus gewonnen werden können. Aber auch das ist nur ein Teil des Ganzen. Natürlich schaue ich mir auch Faktoren wie Zweikämpfe und Passquoten an. Aber auch hier gilt: Statistiken richtig einordnen! Ein Abwehrspieler wird eine bessere Zweikampfquote haben als ein Stürmer. Das liegt in der Natur der Sache, weil es viel schwieriger ist, das Spielgerät zu behaupten, als den Gegner erfolgreich zu stören.

Was lässt sich aus Zweikampfquoten herauslesen?

Wenn ein Stürmer 40 Prozent seiner Zweikämpfe positiv gestaltet, ist das ein ordentliches Ergebnis. Ein defensiver Mittelfeldspieler braucht rund 60 Prozent für eine gute Bewertung, ein guter Innenverteidiger sollte noch darüber liegen. Denn wenn er entscheidende Zweikämpfe verliert, brennt die Hütte. Die Zweikampfquote kann man noch in Duelle am Boden und in der Luft unterteilen. Und es hängt natürlich davon ab, wie der Beobachter die Zweikämpfe bewertet. In der Anfangszeit ist ein Zweikampf nur als gewonnen gewertet worden, wenn tatsächlich auch ein Ballbesitz dabei herausgesprungen ist. Bei ran auf Sat1 haben sie auch vom Gegner ins Out geschossene Bälle als gewonnenen Zweikampf gewertet. Wir würden eine solche Situation neutral einstufen.

Mit welchen Analysetools arbeitet Red Bull Salzburg?

Wir verwenden die Systeme von Impire, vertrauen aber nicht nur auf die Technik, sondern auch auf unseren Videoanalysten Richard Kitzbichler. Der Verein hat eine bestimmte Spiel- und Trainingsphilosophie, an der sich die Spieler orientieren müssen. Der entscheidende Punkt dabei ist, wie sich ein Spieler in der jeweiligen Situation taktisch verhält. Dafür gibt es von den digitalen Anbietern kein Material, da sie nicht wissen können, was wir von den Spielern verlangen. Ein gut geschulter Videoanalyst muss das erkennen, die entsprechenden Szenen zusammenschneiden und sie dem Trainer vorführen.

Das digital kreierte Wissen stößt hier also an seine Grenzen?

Die Analysefirmen wollen dem Fußball ein Raster überstülpen. Das ist vom Ansatz her gut, weil sie versuchen, den Fußball möglichst objektiv zu bewerten. Aber sie können die Philosophien eines Trainers oder eines Vereins nicht implementieren. Wie auch? Ich traue mich zu sagen, dass 70 Prozent der Vereine überhaupt keine einheitliche Philosophie haben. Wenn Sie sich aber bei Red Bull Salzburg ein U13-Spiel ansehen, werden Sie bei der Spielweise zahlreiche Elemente von den Profis wiedererkennen.

Was macht die Spielphilosophie des FC Red Bull Salzburg aus?

Grob vereinfacht wollen wir einen offensiven, dynamischen und vertikalen Fußball spielen und legen extremen Wert auf das Umschaltverhalten – Stichwort Gegenpressing.

Welche technischen Hilfsmittel kommen schon in der Ausbildung der Spieler zum Einsatz?

Im Profibereich ist die Erhebung und Auswertung der entsprechenden Daten Standard, in der Akademie haben wir im Vorjahr einen Videoanalysten angestellt und wollen diesen Bereich sukzessive ausbauen. Derzeit verwenden wir die Videoanalyse vor allem bei den Spielen zur Kontrolle, inwiefern unsere Philosophie umgesetzt wird. Außerdem zeichnen wir Trainings auf, um unseren Trainern einen Pool an Trainingsformen zur Verfügung zu stellen. Wenn die neue Akademie fertig ist, werden wir auch im Nachwuchsbereich die Möglichkeit des Trackings haben. Wir bekommen dann Daten über die Laufleistung der Spieler, können taktische Parameter einfließen lassen und haben in Zukunft Kennwerte für die einzelnen Jahrgänge. Bei der Next Generation Trophy haben wir schon alle RB-Mannschaften mit einem GPS-System ausgestattet. Nach der Auswertung dieser Daten sollten wir erstmals über Vergleichswerte zwischen unseren Akademien verfügen.

Welchen Stellenwert hat die sportmedizinische Trainingssteuerung?

Es gibt Belastungsprofile für jeden Spieler. Wir können die muskuläre Aktivität jederzeit testen, indem wir den Kreatinkinasewert messen. Die Laktatwerte werden auch zwischen den Trainingsübungen gemessen. Dadurch erhalten wir Rückschlüsse, wie stark die Spieler bei verschiedenen Trainingsformen individuell belastet sind.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem Leistungssportzentrum Thalgau?

Wir arbeiten mit Bernd Pansold und seinem Team vor allem im medizinischen Bereich zusammen und können unsere Spieler dort testen lassen, was wir auch rege in Anspruch nehmen. Daraus resultieren Trainingsempfehlungen, die auf die physische Komponente abzielen.

Wird in Thalgau auch im Bereich Wahrnehmung oder Gehirntraining geforscht?

Es ist bekannt, dass in Thalgau in allen möglichen Bereichen geforscht wird, auch in der Hirnforschung. Aber die Erkenntnisse sind noch nicht so konkret, dass wir Rückschlüsse auf unsere Trainingsarbeit ziehen könnten. Wir versuchen aber, die Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse der Jugendlichen von klein auf ordentlich aufzubauen, in dem wir die Spielformen altersgemäß ständig variieren. Dadurch wird die Handlungsschnelligkeit verbessert – insbesondere Umschaltspiele haben hier einen besonderen Stellenwert.

Kooperieren Sie auch mit den sportwissenschaftlichen Instituten der Salzburger Universität?

Das ist schwierig, weil die Universität ihren Schwerpunkt auf den Wintersport gelegt hat. Wir streben daher eine Kooperation mit der Sporthochschule Köln an. Das dortige Institut für Kognitions- und Spielsportforschung hat viele neue Erkenntnisse hinsichtlich des Techniktrainings und der Entwicklung von Kreativität gewonnen. Das ist für uns natürlich interessant.

Welche neuen Erkenntnisse sind das?

Die fußballspezifischen Techniken sollen den Kindern möglichst variabel, mit der Methode des differenziellen Lernens, vermittelt werden. Das isolierte Techniktraining, mit unzähligen Wiederholungen und dem damit verbundenen Drill fällt weg. Der Vorteil liegt darin, dass die Spielintelligenz und die Kreativität mitentwickelt werden. Auch wenn diese Methode noch nicht üblich ist, finde ich sie sehr gut. Der ÖFB setzt in meinen Augen in seinen Landesverbandsausbildungszentren noch zu stark auf das isolierte Techniktraining, das nicht mehr State of the Art ist.

Red Bull Salzburg verfügt über das größte Budget in der Bundesliga. Wie groß ist der Vorteil gegenüber anderen Klubs, die sich gewisse Analyseinstrumente nicht leisten können? Oder anders gefragt: Schießen Statistiken Tore?

Der Stellenwert technischer Hilfsmittel ist von Verein zu Verein verschieden. Das hängt am Trainerteam und an den Entscheidungsträgern. In Salzburg können wir das, was wir als sinnvoll erachten, auch anschaffen. Diese Systeme sind aber nicht so teuer, dass nur wir sie uns leisten können. Der finanzielle Aspekt ist weniger wichtig als das Know-how. Ich muss wissen, wie ich mit den erhobenen Daten umgehe und wie ich sie in meine tägliche Trainingsarbeit einfließen lasse. Zu meiner Zeit in der zweiten deutschen Liga gab es Vereine, die mit einfachen Datensätzen nichts anfangen konnten. Das war ein Wahnsinn. Im Nachwuchsbereich sieht es etwas anders aus, weil sich die Analyseinstrumente viel stärker auf das Budget niederschlagen als bei der Kampfmannschaft. Dass eine kleine Akademie nicht so einfach 30.000 Euro für ein System ausgeben kann, liegt auf der Hand.

Verwenden Sie digitale Analysesysteme auch für das Scouting?

Grundsätzlich sind Spielerprofile mit den wichtigsten Eckdaten eine spannende Geschichte, weil du im Profibereich nicht jeden interessanten Kicker zum Probetraining einladen kannst. Ich bin jedoch misstrauisch geworden, weil wir beträchtliche Abweichungen in den Daten festgestellt haben. Die Auswertung war zeitintensiv und teuer. In Salzburg sichten wir Spieler daher nicht nur über objektive Daten, sondern achten in erster Linie darauf, wie gut sie zu unserer Philosophie passen und im Jugendbereich natürlich auf die perspektivische Einschätzung eines Spielers. Klarerweise bestärkt es mich, wenn ein Spieler auch bei den objektiven Daten gut abschneidet, aber das ist kein K.-o.-Kriterium.

Was bringt die Zukunft? Wird virtuelles Training im Fußball bald selbstverständlich sein?

Die Wirksamkeit solcher Showrooms lässt sich momentan noch nicht nachweisen. Es ist natürlich spannend und neu, wenn ich im virtuellen Raum trainiere. Aber es ist auch eine Effekthascherei. Ganz ehrlich: Unser Showroom ist der Fußballplatz, und nichts anderes. Je natürlicher wir uns auf das Spiel vorbereiten, desto besser. Die Jungs verbringen schon genug Zeit mit Internet, Smartphones und Computerspielen. Da ist es gar nicht schlecht, wenn sie ein bisschen mehr auf dem Platz trainieren. (Vinzenz Jager, Ballesterer, derStandard.at, 17.9.2013)

Im oberbayrischen Teisendorf nahe der österreichischen Grenze geboren, hat sich Ernst Tanner (47) als Nachwuchsleiter des TSV 1860 München einen Namen gemacht. Zwischen 2004 und 2009 verhalf er Talenten wie den Bender-Zwillingen, Marco Gebhardt und Kevin Volland zum Durchbruch und nahm auch die ÖFB-Teamspieler Martin Stranzl, Julian Baumgartlinger und Philipp Hosiner unter seine Fittiche. 2009 wechselte Tanner zur DSG Hoffenheim, wo er sich binnen drei Jahren vom Nachwuchskoordinator zum Manager und Geschäftsführer hochdiente. Im Sommer 2012 folgte er dem Ruf seines Hoffenheimer Vorgängers Ralf Rangnick zu Red Bull Salzburg, wo er seither die Akademie und die Nachwuchsabteilung leitet.

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