"Als Kommentator lernt man nie aus"

Interview23. September 2013, 13:31
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Mit seinen lockeren Sprüchen ist Wolff-Christoph Fuss ein Farbtupfer auf der Landkarte der deutschen Sportreporter. Interview über 150-seitige Taktikdossiers und David Alabas Charme

derStandard.at: "Özil hat den rechten Fuß normal nur zum Feueraustreten" oder "Wenn Lucio antritt, dann teilt sich das Meer": Ihre Fans lieben Sie wegen Ihrer markigen Sprüche. Andere schalten genau deswegen den Ton ab und gründen Anti-Fuss-Gruppen auf Facebook. Macht Sie das traurig?

Fuss: Gibt es die? (lacht) Nein, das macht mich nicht traurig. Weil es in der Natur der Sache liegt, dass man als Kommentator polarisiert. Wer versucht, es allen recht zu machen, hat schon alles falsch gemacht. Nicht jeder Mensch gefällt dem anderen.

derStandard.at: Es soll Kommentatoren geben, die sich selbst so gut gefallen, dass sie sich wichtiger finden als das Spiel. Ist es eine Gratwanderung?

Fuss: Für mich nicht. Das Spiel steht für mich immer im Vordergrund. Wer sich wichtiger nimmt als das Geschehen am Platz, hat den Job verfehlt.

derStandard.at: Es heißt, Sie bereiten sich akribisch auf Spiele vor, arbeiten dicke Dossiers durch. Geht der Job als Kommentator nur noch so?

Fuss: Die Möglichkeiten sind heute einfach viel größer als vor 30 Jahren, die Vereine gläsern. Wir bekommen zu jedem Spiel zum Teil 150 Seiten starke Mappen geliefert. Da ist es eher die Kunst, mal etwas wegzulassen. Einwurfstatistiken bringen niemandem etwas.

derStandard.at: Fußballfans stopfen sich voll mit unnützem Wissen, das auch gerne Kommentatoren abverlangt wird. Ist das notwendig?

Fuss: Manchmal wandern 80 Prozent der Vorabinformationen in die Tonne, aber 20 Prozent sind dann echt gutes Material. Die Kunst ist es, den richtigen Moment für die richtige Zahl abzupassen.

derStandard.at: Viele Fußballfans wünschen sich heute vermehrt taktische Analysen. Geht diese Entwicklung auch am Kommentator nicht vorüber? Müssen Sie unterhalten oder erklären?

Fuss: Idealerweise beides. Das Publikum ist besser informiert denn je. Deswegen lernt man als Fußball-Kommentator nie aus, rhetorisch nicht und taktisch sowieso nicht. Die 90 Minuten des Spiels sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Die wesentliche Arbeit passiert fast beiläufig in Gesprächen mit Trainern, Managern und ehemaligen Spielern.

derStandard.at: Wie objektiv muss ein Kommentator sein?

Fuss: Sehr objektiv. Wenn eine deutsche Mannschaft im Europacup am Start ist, dann erweitere ich die Kreditlinien ein wenig, die gegnerische Mannschaft soll darunter aber nicht leiden.

derStandard.at: Österreichischen Kommentatoren wird oft vorgeworfen, einen Esprit zu haben wie ein Buchhalter. Bei Wolff-Christoph Fuss sprühen förmlich die Funken. Sind Sie nach 90 Minuten ausgelaugter als die Spieler auf dem Platz?

Fuss: Nicht unbedingt. Nach Verlängerung und Elferschießen merke ich, dass ich gearbeitet habe. Ansonsten fällt es mir schwer, meine Tätigkeit als Arbeit zu bezeichnen. Dazu habe ich einfach zu viel Lust. Leidenschaft ist aber ein Muss.

derStandard.at: Was fällt Ihnen zum österreichischen Fußball ein?

Fuss: Das Nationalteam ist so talentiert wie schon lange nicht mehr. Ich würde mich freuen, Österreich bei einem großen Turnier zu sehen. Das ist eine bombige Generation mit einem sehr guten Trainer, den ich aus der Bundesliga kenne und sehr zu schätzen weiß.

derStandard.at: David Alaba?

Fuss: Mir fällt kein besserer Linksverteidiger in Europa ein. Es gibt ein paar Leute, die in dieser Klasse spielen, aber Alaba ist ein Geschenk. Er kann alles spielen, und er scheint noch gar nicht zu wissen, wie gut er ist. Das macht aber auch seinen Charme aus im Moment. Eine Szene habe ich noch auf der Netzhaut. Halbfinal-Rückspiel gegen Real vorletzte Saison: Alaba sieht die Gelbe Karte, und damit ist klar, dass er für das Finale gesperrt ist. In der nächsten Aktion flitzt er den Flügel entlang und legt für Robben eine Riesenchance auf. Das ist ein grandioser Typ.

derStandard.at: Und Marko Arnautovic?

Fuss: Arnautovic bin ich bei einem TV-Termin so begegnet, wie ihn nur die wenigsten Journalisten kennenlernen. Ich denke, dass er aus früheren Zeiten einiges auf dem Kerbholz hat, das weht ihm nach. Und je mehr er sich dagegen wehrt, umso schlimmer wird es. Ich halte ihn aber für einen nicht unvernünftigen Zeitgenossen, mit dem man sich auch über andere Dinge als Fußball unterhalten kann. Grundsätzlich werden für mich Fußballer, also zumeist junge Menschen, an moralischen Maßstäben gemessen, die kein 60-Jähriger erfüllen kann.

derStandard.at: Österreich wurde von Deutschland zuletzt wieder geputzt. Geht es für deutsche Fußball-Kommentatoren gar nicht anders, als uns zu verniedlichen?

Fuss: Die ganze Vorberichterstattung ist aufgrund des Nachbarschaftsverhältnisses deutlich überhitzt und nicht ganz so ernst zu nehmen. Realistisch betrachtet bleiben Österreich-Siege gegen Deutschland eher die Ausnahme.

derStandard.at: Fußball-Kommentare sind auch eine Stilfrage. Das Phrasenschwein verdient an Ihnen kein Geld. Wie vermeiden Sie Worthülsen und fußballerische Floskeln?

Fuss: Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich bin so, wie ich bin. Mich wundert es immer wieder, welche Phrasen die letzten 30 Jahre überlebt haben. An Hochschulen frage ich junge Sportjournalisten, wem sie von einem Match erzählen würden, dass ein Team "losgelegt hat wie die Feuerwehr". Ich erzähle meinen Freunden ja auch nicht, dass es "Chancen hüben wie drüben" gegeben hat.

derStandard.at: Sie haben in einem "Spiegel"-Interview Ihren Kollegen der Sporteporter-Zunft geraten, sich "literarisch breiter aufzustellen". Was meinen Sie damit?

Fuss: Unser wichtigstes Werkzeug ist die Stimme, du musst eine gewisse Röhre mitbringen. Der zweite Punkt ist die Sprache. Viel lesen, nicht unbedingt nur über Fußball. Wie gehen gute Germanisten mit Sprache um? In der 80. Minute fällt dir dann vielleicht die richtige Formulierung ein. Dafür musst du sie aber vorher irgendwo einmal gehört haben.

derStandard.at: Vom deutsche Kabarettisten Dieter Nuhr stammt der Satz: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten." Ihre Meinung?

Fuss: Stimmt absolut. Beim letzten Bundesliga-Spiel zwischen Dortmund und dem HSV ist es mir eiskalt den Rücken hinuntergelaufen, so schön haben die Fans zu Beginn gesungen. Stefan Effenberg und ich sprachen keine begrüßenden Worte zu den Fernsehzuschauern, und ich fragte ihn in der Kabine: "Gänsehaut?" Und Effe sagte: "Gänsehaut."

derStandard.at: Die Doppelconférence in der Kommentatoren-Kabine hat im deutschsprachigen Raum kaum Tradition. Stichwort: kurze Pause zum Nachdenken.

Fuss: Ich finde es sehr befruchtend, mit einem Experten zu kommentieren. Aber viel zu wissen ist das eine, das richtige Timing ist das andere. In Spanien und Italien machen drei oder vier Kommentatoren Rambazamba, das ist mir zu viel. In Südamerika ist es sowieso reinste Folklore. In England weiß der Analyst dagegen genau, wann er sich einzuschalten hat, das Timing stimmt. Das muss man aber lernen.

Bei Sat.1 hatten wir Franz Beckenbauer, der aber nicht als klassischer Co-Kommentator fungierte, sondern immer wieder für Statements hereingeholt wurde. Das hat funktioniert, weil Beckenbauer die Wahrheit ist. (lacht) Über 90 Minuten wäre es nicht so einfach gewesen, weil man dann mit ihm arbeiten hätte müssen. Das ist aber gar nicht notwendig. Wenn der Kaiser über 45 Minuten drei oder vier Statements abgibt, ist das doch super.

derStandard.at: Darf man das Spiel nicht zu ernst nehmen?

Fuss: Es ist nur Fußball. Obwohl ich Bill Shankly und seinen Fokus auf den Fußball sehr schätze, bin ich nicht der Meinung, dass es dabei um mehr als um Leben und Tod geht.

derStandard.at: Die perversen Transfersummen und Vereinsetats legen aber anderes nahe.

Fuss: Die Romantik leidet. Deshalb ist es wichtig, dass es Winter- und Sommerpausen gibt. Um ein wenig zur Besinnung zu kommen. (Florian Vetter, derStandard.at, 23.9.2013)

Wolff-Christoph Fuss (37) kommentiert seit 2012 für den Bezahlsender Sky die deutsche Bundesliga, die Champions League und die englische Premier League. Davor war er bei Premiere, T-Home, Liga total!, Sat.1, Sport 1 und ESPN tätig.

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Wolff-Christoph Fuss auf Facebook

  • Er schreit die Bälle ins Tor: Wolff-Christoph Fuss.
    foto: die fernsehfreunde

    Er schreit die Bälle ins Tor: Wolff-Christoph Fuss.

  • Fuss plaudert bei Quasselstrippe Markus Lanz aus dem Nähkästchen.

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