"Grand Theft Auto 5" im Test: Das Spiel einer Generation

Rezension |

Rockstars Gesellschaftskritik ist so ehrlich und schön, dass man sich darin verliert

Die Welt ist widerlich. Wenige Reiche strecken sich auf den Schultern vieler Armer den Sternen entgegen, der Rechtsstaat ist korrumpiert, und in den Straßen regiert der Darwinismus. Auf dem Land siecht die Jugend in ihren Meth-Küchen dahin, der kleine Mann missbraucht im Hinterhof für eine Handvoll Dollar eine Prostituierte, und wer es sich leisten kann, zockt an der Börse um das Schicksal der Allgemeinheit. Halbnackte Mädchen lassen sich für 15 Minuten Ruhm in einer Reality-Show die Würde nehmen. Familienlose junge Männer finden Zuflucht in Banden und landen schlussendlich hinter Gittern. Technologieriesen stehlen für Milliardengewinne die Privatsphäre der Bürger. Unter dem Druck der oberen Zehntausend und unter dem Stiefelabsatz eines Gangmitglieds ist das Leben eines Menschens nicht mehr wert als das einer Eintagsfliege.

Wo in der Realität an dieser Stelle ein Aber folgen müsste und der Hinweis auf Schwarz-Weiß-Malerei, baut "Grand Theft Auto 5" (GTA 5) seine Persiflage auf den westlichen Kapitalismus, die Verrohung der Gesellschaft und den amerikanischen Traum auf. Rockstar Games' Abstieg in die Unterwelt des karikierten Los Angeles ist ein Porträt dreier Verbrecher, die dem Leben mit der gleichen Härte begegnen, wie es ihnen Tag für Tag entgegenschlägt. Es ist ein Spiel über eine Generation, die zwischen den Extremen und der Aussichtslosigkeit gefangen ist. Eine schonungslose Abrechnung, die in unendlicher Unterhaltung mündet, weil man seinem Zorn und seinen versteckten Fantasien freien Lauf lassen kann, man als moralisches Individuum endlich mit Tabus brechen darf und man am Ende trotzdem lacht.

Stadt ohne Engel

Der Spielplatz der Unmöglichkeiten für die Flucht in die unmoralische Freiheit ist Los Santos mit seinem malerischen Umland - von den Bergen über Flüsse und Seen bis zur Wüste, zum Meer und zurück. Es ist die überspitzte Nachbildung der größten Stadt der USA, in der sich Gangs in Downtown massakrieren, Filmstars in Vinewood die Klinke in die Hand geben und von wo aus nur wenige Kilometer entfernt die Schönheit der Natur und die tödliche Einöde warten. Es ist ein Ort, an dem man tun und lassen kann, was man möchte. Braucht man ein neues Auto, stiehlt man es. Will man schnell Geld verdienen, zockt man an der Börse. Speedboote erwarten einen für Spritztouren am Pier, mit dem Flugzeug geht es in die Lüfte und mit dem Fallschirm wieder zurück auf den Boden und mit der Sauerstoffflasche unter Wasser zu einem Schiffswrack. Im Stripclub kippt man sich einen hinter die Binde und fährt nach einem Lapdance betrunken auf die Jagd nach dem nächsten Abenteuer. Vielleicht bricht man in die Militärbasis in der Wüste ein und klaut einen Panzer, oder man leistet sich auf dem Highway mit dem Motorrad eine kleine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Im Gegensatz zu vorangegangenen Teilen der Serie stehen einem dieses Mal von Anfang alle Möglichkeiten zur Verfügung. Eine vom Wetter bis zu den Einwohnern komplett simulierte Welt zum Fantasieausleben.

Die drei

Die Facetten dieses Universums lernt man in den Rollen dreier Berufskrimineller kennen, die das Schicksal zusammenführt. Michael ist ein pensionierter Bankräuber, der am Pool über die Schwierigkeiten des Elternseins jammert und aus Langeweile dem anzüglichen Tennislehrer seiner Frau Todesängste einjagt. Franklin versucht in den Ghettos über die Runden zu kommen, ohne sich vom Gangleben verschlingen zu lassen. Und Trevor mimt den soziopathischen Redneck, der zwischen Meth-Lab und alltäglicher Würdelosigkeit Mitbewerber auslöscht. Mit drei durchwegs unterschiedlichen Protagonisten haben die Entwickler die Chance genutzt, eine Geschichte aus mehreren Perspektiven zu erzählen. Befindet man sich nicht auf einer Mission, kann man frei zwischen den Charakteren hin und her wechseln und so genauso durch die Gosse wie durch Penthäuser streifen. Großes Geschick wurde bei der Verknüpfung der einzelnen Episoden bewiesen, die die Geschichte so kurzweilig wie TV-Serien wirken lassen, ohne aber den roten Faden aus den Augen zu verlieren. Ermüdete in den bisherigen Kapiteln des Gangsterepos die ständige Wiederholung der Auftragsarten, wurde so ein Weg gefunden, den Aufbau selbst über die 30 Stunden des Haupthandlungsstrangs überraschend und abwechslungsreich zu halten. Schießereien, Verfolgungsjagden spielen nach wie vor eine große Rolle, doch dazwischen wird man mit angenehmer Regelmäßigkeit durch kuriose Erfahrungen vor den Kopf gestoßen.

Kein Herz für Konzernbosse

Als Michael etwa erlebt man einen vom Sohn induzierten LSD-Trip, der sich einem für immer in die Retina brennt. Franklin lässt sich von einem Hacker unter die Fittiche nehmen und willigt ein, skrupellose Wirtschaftsbosse aus dem Weg zu räumen. Softwaremonopolisten und Social-Network-Gurus müssen sich im wahren Leben vielleicht mit Kartellbehörden oder Konsumentenschützern herumschlagen - in "GTA 5" sind es Sprengsätze und Hochgeschwindigkeitsmunition. Trevor hat ein Problem mit einer lokalen Motorradbande und überrascht diese eines Nachts mit Sticky Bombs an ihren Trailern.

Wie das Leben so spielt, gerät man von der einen Begegnung in die andere und erlebt schlussendlich die Vereinigung der drei. Von da an baut sich ein Spannungsverhältnis aus Zwangsbeglückung und Freundschaft auf, das in der Planung und Ausführung gemeinsamer Coups kulminiert. Große Überfälle auf Banken oder Geldtransporter etwa erfordern Vorarbeit und Teamplay. Spieler dürfen hier nicht nur entscheiden, wie sie vorgehen, sondern auch welche zusätzlichen Crew-Mitglieder angeheuert werden. Für den Diebstahl von Diamanten beispielsweise besorgt man in getrennten Aufträgen Betäubungsgas und Kammerjäger-Outfits und überlegt, welche Art von Mitspieler man noch benötigt. Je nach Fähigkeiten eignen sich manche mehr für Gewaltaktionen und andere behalten einen kühleren Kopf. Weiters zu bedenken: Umso besser jemand ist, desto mehr schneidet er von der Beute mit.

Video: Grand Theft Auto 5

Der große Coup

Die gemeinsamen Missionen sind zweifellos spektakuläre Highlights des Gangsterdaseins. Die Designer ließen sich offensichtlich von realen Shootouts wie von den eindrucksvollsten Inszenierungen Hollywoods inspirieren. Mit dem Hubschrauber ein Mini-U-Boot retten, ein brennendes, abstürzendes Flugzeug mit dem Dirtbike kilometerweit durch die Wüste bis zur Absturzstelle verfolgen, einen Basejump vom höchsten Gebäude der Stadt wagen - die Missionsgestalter haben sich sämtlicher Superlative bedient. In den gemeinsamen Einsätzen kommen auch am besten die unterschiedlichen Fähigkeiten der Protagonisten zum Vorschein. In bestimmten Situationen darf man innerhalb einer Mission zwischen Charakteren wechseln und kann unter Beschuss etwa auf Trevors Spezialfähigkeit zurückgreifen, doppelten Schaden zu verursachen. Ist Franklin am Steuer eines Fluchtautos, kann man die Zeit verlangsamen. Es sind zeitlich begrenzte Superkräfte, die in der Hitze des Gefechts sehr hilfreich sind. Hinzu kommt, dass jeder Protagonist eine Reihe von Eigenschaften wie das Fahrgeschick oder die Zielgenauigkeit und Ausdauer haben, die sukzessive verbessert werden. Gut ist, dass das nebenher passiert und man auch sonst nicht das Gefühl hat, chancenlos zu sein. Den zentralen Spielmechaniken für Schießen und Autofahren wurde viel Optimierungszeit gegeben. Nach wie vor steht nicht Realismus, sondern Spaß im Vordergrund, und Lenken und Steuern gehen nun präziser und leichter von der Hand. Frustmomente wurden über kleinere Feinschliffe wie regelmäßigere Auto-Speicherpunkte und eine Quick-Save-Funktion ausgemerzt.

Alles spielt zusammen

Ein größeres Augenmerk wurde auch auf die Verquickung der simulierten Welt um Los Santos mit den Aktionen des Spielers gelegt. Nicht nur berichten Nachrichtensprecher im Radio oder Fernsehen über die dramatischen Ereignisse, auch wirkt sich alles auf das Ökosystem aus. Ereilt einen Konzernboss ein schrecklicher "Unfall", fallen die Aktien des Unternehmens in den Keller, während wiederum die Konkurrenz davon profitiert. Wird viel geschossen in der Stadt, sollte man Anteile an einem Waffenhändler haben. Das Handeln an der Börse ist so einfach wie das Verschicken einer SMS über das ständig verfügbare Smartphone. Hier gibt es einen Index für lokale, missionsgebundene Ereignisse (LCN) und einen für globale Ereignisse (BAWSAQ), der die Aktionen aller "GTA 5"-Spieler online miteinbezieht.

Geld ist überhaupt ein spannenderes Gut geworden. Wurde man früher noch mit Cash überschüttet, bringen diesmal viele Aufträge gar nichts ein. Wer einen hohen Lebensstandard für schöne Kleidung, getunte Autos oder atemberaubende Anwesen halten möchte, sollte daher schon bald beginnen, seine Einnahmen richtig anzulegen. Abseits des Börsenparketts kann man in lokale Unternehmen investieren und etwa einen Schrottplatz oder einen Coffeeshop betreiben. Freizeitangebote zum Geldausgeben wie Fallschirmspringen und Jetskirennen gibt es ebenso zuhauf. Nicht alles ist jedoch gleich gut gelungen. Tennis oder Golf werden etwa wenige virtuelle Sportfans hervorbringen.

Paralleluniversum

Durch die Verknüpfung aller Aktionen sind Nebenattraktionen keine Belanglosigkeiten mehr. Man kann sich im Indizesdurchstöbern genauso verlieren wie im unmotivierten Amoklaufen. Das Universum von "GTA 5" wirkt auch deshalb bedeutender als die eigene Geschichte, weil man es geschafft hat, den Bewohnern, der Fauna und der Flora ein stärkeres Eigenleben einzuhauchen. Man muss nicht selten heulenden Polizeiautos ausweichen, die gerade einen Schnellfahrer stoppen wollen. Auf der Bergstraße landet ein Jeep im Abgrund, weil ein verschrecktes Reh aus dem Dickicht hervorgesprungen ist. Versteckt hinter einer Häuserwand, späht man hervor und sieht Freiern zu, wie sie den Straßenstrich aufsuchen und von der nächsten Dirne zurückgewiesen werden. In der Kneipe kommt es zur Schlägerei, weil ... weil eben.

Diese Liebe zum Detail blüht gleichzeitig in einem technischen Faszinosum auf. Fünf Jahre wurden Stadt, Dörfer, Berge, Serpentinen, Villenviertel, Militärstationen, Eisenbahnstrecken, Seilbahnen, Unterwasserwelt und Küsten kreiert und durch ein beeindruckendes Verständnis für atemberaubende Settings inszeniert. Sprichwörtlich ins Rampenlicht gestellt wird die Fülle an Inhalten durch dynamische Beleuchtungseffekte. Blitz und Donner erhellen und verdunkeln im Moment die Sicht, Scheinwerfer werfen in der Nacht harte Schatten gegen Fassaden, und bei Morgengrauen möchte man seinen Blick nicht mehr von der Skyline abwenden. Bei alldem Auge fürs große Ganze wurde überdies nicht auf die akribische Ausgestaltung der Innenräume und die natürliche Animation der Charaktere verzichtet.

Glaubhaft, mit Makeln

Ebenso viel Perfektion wurde bei der Implementierung des Soundtracks und der Synchronstimmen bewiesen. Neben Radiosendern mit Programm für jeden Geschmack und köstlich absurden Diskussionsbeiträgen untermalt erstmals ein eigener Score die Missionen. Die Sprecher sämtlicher Protagonisten und Nebendarsteller wirken glaubhaft und hauchen den Polygonmodellen Humor und Wahnsinn ein.

Dass die Hardware von PS3 und Xbox 360 an die Grenzen getrieben wird, ist leider auch im negativen Sinne nicht abzustreiten. Der Drang zur Vielfalt wird einerseits mit flimmernden Kanten bezahlt, was vor allem bei schnellen Rasereien ein hohes Maß an Konzentration erfordert. Noch störender ist, dass die Bildwiederholungsrate regelmäßig einbricht. Zwar bleibt alles im spielbaren Bereich, doch trübt es die augenöffnende Schönheit von Los Santos öfter, als es einem lieb ist. Vielleicht erbarmt sich Rockstar ja eines Tages doch noch und liefert eine Next-Gen-Version von "GTA 5" ab. So oder so: Es ist ein atemberaubendes Erlebnis.

Realistischer denn je

Die Frage nach der Technik wirft jedoch noch einen ganz anderen Gedanken auf. "GTA" galt bisher immer auch optisch als überzeichnete Persiflage. Doch zumindest die stilistische Unterscheidung von der Realität wird mit dem fünften Hauptwerk sichtlich kleiner. Das hat zur Folge, dass viele Momente vielleicht realer wirken, als man es von einer Videospielkarikatur erwarten würde. Gerade Trevors Ausraster erfolgen mit einer Härte, die in die Magengrube schlägt. Inhaltlich nehmen sich die Autoren genauso kaum mehr ein Blatt vor den Mund. Lediglich nackte Haut ist im Vergleich zu blutigen Schusswunden noch selten zu sehen, aber auch hier bedient sich Rockstar ab und zu gerne Pornoklischees.

Dieser Fortschritt ist interessant, weil es nun für eine gelungene Persiflage wie bei Filmen viel mehr Feingespür gibt als bei den teils comichaft wirkenden Vorgängerspielen. Eine Gratwanderung, die Rockstars Skriptschreiber aber gemeistert haben.

Fazit

"Grand Theft Auto 5" ist nach fünfjähriger Entwicklungszeit die Zusammenführung aller bisherigen Versuche Rockstars, eine virtuelle Welt zu simulieren. Das zeigt sich technisch wie spielerisch in beeindruckenden Inszenierungen und dem Geniestreich, eine Geschichte auf drei spielbaren Charakteren aufzubauen. Gleichzeitig ist es eine Gesellschaftskritik, die so brutal ehrlich, aktuell, nachvollziehbar und umfassend ist, dass sie Menschen einer ganzen Generation vereint. Und bei aller gekonnter Überzeichnung wird der Blick für die Härte des Lebens geschärft. Schwarzer Humor, der unter die Haut geht und so schön ist, dass man sich darin verlieren möchte. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 16.9.2013)

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