Die Erinnerungen einer Weltenentdeckerin

Rezension16. September 2013, 15:10
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"Zuhause ist überall" von Barbara Coudenhove-Kalergi: Zeitgeschichte, literarischer Genuss und ein Lehrstück des Qualitätsjournalismus in turbulenten Zeiten

Es kommt vor, dass man bei der Lektüre eines Buches so begeistert ist, dass man, geradezu von missionarischem Eifer beseelt, am liebsten jedem und jeder dieses Buch in die Hand drücken und noch ein "Das musst du unbedingt lesen!" hinterherrufen möchte. Auf der Liste für Schullektüre sollten sie dann auch gleich stehen, diese raren Bücher, die einen rundum überzeugen, berühren und packen.

Ein solches Buch ist "Zuhause ist überall", die Memoiren von Barbara Coudenhove-Kalergi. Hier ist alles drin: Die untergegangene Monarchie, die japanische Großmutter, eine schillernde aristokratische Verwandtschaft ("das Netzwerk"), nationalsozialistische Propaganda, Vertreibung und Flucht aus Prag, bittere Armut – aber ganz ohne Verbitterung, Integration in Österreich, Au-pair-Erfahrung in England, Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit, erste zaghafte Schritte im österreichischen Journalismus, eine beeindruckende journalistische Karriere vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, die Ehe mit dem Kommunisten Franz Marek, die Rückkehr nach Prag als ORF-Korrespondentin, politisches Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit in Österreich, Arbeit als Deutschlehrerin für Migranten und Asylwerber... – um nur einige Episoden herauszugreifen.

Ende der Kindheit

Die behütete Kindheit in einer deutschsprachigen aristokratischen Intellektuellenfamilie in einer beschaulichen Villa in Prag, mit Kinderfrau und Dienstboten, endet abrupt mit der Vertreibung 1945, als die dreizehnjährige Barbara mit nichts weiter als einer Wolldecke und einem Taschenmesser im Gepäck gezwungen ist, mit ihrer Familie Prag zu verlassen und einen langen Fußmarsch Richtung Österreich anzutreten.

Nach entbehrungsreichen Jahren als Flüchtling, in denen die Schülerin Barbara auch viel Hilfsbereitschaft erfährt, ist nach der Matura für die junge Frau klar: "Für mich selbst verantwortlich sein, von meiner Hände Arbeit leben, von niemandes Gunst abhängig – das war es, worauf ich mich am meisten gefreut hatte. Die Bettlerrolle habe ich mehr als satt."

"Die Vertreibung war endgültig"

Zunächst arbeitet die Studentin in der Caritas, was einen starken Eindruck bei ihr hinterlässt, denn auch als Journalistin widmet sie sich später sozialen Themen und Menschenrechten. Sie ist in zahlreichen österreichischen Zeitungsredaktionen tätig, bevor sie 1975 zum ORF wechselt, in die Osteuropa-Redaktion. Als ORF-Korrespondentin in Prag gelingt ihr scheinbar die Rückkehr in ihre Heimatstadt, aber mit der Zeit wird ihr klar, dass sie in Prag zwar gut arbeiten, nicht jedoch ihren Ruhestand verbringen kann – zu tief sind die Wunden des Krieges in der Gesellschaft. "Die Vertreibung war endgültig", muss Barbara Coudenhove-Kalergi mit Bedauern zur Kenntnis nehmen.

Lehrerin: Deutsch als Fremdsprache

In den neunziger Jahren fühlt sich die renommierte Journalistin an ihre eigene Flüchtlingsvergangenheit erinnert: "Als wir mittellos ins Land kamen, waren die Österreicher bedeutend ärmer als jetzt. Trotzdem wurde uns geholfen, und meine Eltern wurden nicht daran gehindert, sich wieder eine Existenz aufzubauen. Was wäre aus uns Kindern geworden, denke ich, wenn man uns so behandelt hätte, wie wir jetzt die Neuankömmlinge behandeln?" Wieder engagiert sich Barbara Coudenhove-Kalergi unermüdlich, diesmal als Deutsch-Lehrerin für Migranten – "und entdecke wieder einmal eine neue Welt".

Unbestechlich und mitfühlend

Vieles von dem Beschriebenen ist politisch relevant, faszinierend oder geradezu exotisch, aber nicht das ist es, was dieses Buch so lesenswert macht; es ist der klare, unbestechliche, analytische und mitfühlende Blick der Autorin, der die großen politischen Umwälzungen nachvollziehbar erklärt, vor allem aber auch in ihrer menschlichen Dimension erfahrbar macht. Die historischen Daten und Ereignisse geben eine Kulisse für zutiefst menschliche Begegnungen ab, an Hand derer Coudenhove-Kalergi mühelos komplexe politische Zusammenhänge illustriert. Dieses Buch muss man gelesen haben. (Mascha Dabić, daStandard.at, 16.9.2013)

  • Barbara Coudenhove-Kalergi erinnert sich in ihrem Buch "Zuhause ist überall": "Als wir mittellos ins Land kamen, waren die Österreicher bedeutend ärmer als jetzt. Trotzdem wurde uns geholfen."
    foto: standard/www.corn.at

    Barbara Coudenhove-Kalergi erinnert sich in ihrem Buch "Zuhause ist überall": "Als wir mittellos ins Land kamen, waren die Österreicher bedeutend ärmer als jetzt. Trotzdem wurde uns geholfen."

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