Feministische Glaubwürdigkeit ade?

Kommentar17. September 2013, 07:00
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Islamfeindliche Slogans und Vereinnahmungsversuche verzeiht man Femen - Doch mit der Beteiligung eines Mannes bröckelt die Legitimität

Nachdem die nackte Haut längst niemanden mehr aufregt und die Verhaftungen und der mitunter brutale Umgang mit den Aktivistinnen auch schon irgendwie dazugehören, gab es in den letzten Wochen wieder neuen Femen-Aufreger-Stoff für die Medien. Die Nachricht über einen in Venedig präsentierten Dokumentarfilm und so manche "Enthüllung" darin schlugen hohe Wellen und verursachten erstmals einen breiten Stimmungswechsel gegenüber Femen. Ein Mann soll mitgemischt, ja gar die Fäden gezogen haben. Diese Geschichte, wenngleich noch weitgehend ungeklärt, scheint Femen nun viele Sympathien zu kosten.

Kritische Positionen zu Femen gibt es von feministischer Seite, schon seit die Ukrainerinnen medienwirksam die Bühne betreten haben. Zu gut kennt man dort die komplexen Hintergründe um jene frauenpolitischen Probleme, die sich Femen auf die nackte Brust schreiben. Ob die Themen Sexarbeit, Schönheitsdiktat, sexuelle Gewalt oder Verhüllung in Form von knappen Slogans auf nackten Oberkörpern ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden können oder sie ebendort verharren - das interessierte die meisten Medien, die plötzlich ganz viel über feministischen Aktivismus berichteten, herzlich wenig. Warum auch? So passte Feminismus auf einmal überall rein: sexy, laut, aufregend und vor allem - unkompliziert.  

Interessante Wendung

Auch die islamkritischen bis islamfeindlichen Proteste von Femen im Frühjahr, die viele Gläubige, Feministinnen aus dem arabischen Raum und/oder Musliminnen aufbrachten (Zeigen Femen Muslimas den Mittelfinger?), interessierten nicht sehr. Klar, denn der Umgang mit religiösen Praktiken, die die einen als Unterwerfung bezeichnen, worauf sich die anderen in ihrem Recht auf freie Entscheidung verletzt sehen, ist hochkomplex.

Doch auch bei den jüngsten Femen-Schlagzeilen kann nicht von einem einfachen Fall gesprochen werden. Viktor Swijazki soll sich mehr oder weniger in die Arbeit von Femen eingemischt oder sie bestimmt haben. So klar ist das alles nicht, und das wird es leider auch nicht durch die Darstellungen von Femen. Das ist aber nichts Neues bei Femen, denn die inhaltliche Positionierung und Linie von Femen ist bei den genannten anderen Themen ebenso wenig deutlich und manchmal auch wenig durchdacht. Dass dies nun beim Thema "Mann mischt bei Femen mit" plötzlich derart stört und auch in sozialen Medien aufregt, ist eine interessante Wendung. 

Kritischer Blick

"Höhöhö. Die Amazonen sind in Wahrheit die Marionetten eines Mannes. Wenn das keine hübsche Pointe ist in der Geschichte der frechen, radikalen, mutigen Femen", bringt Alice Schwarzer, die die Femen-Aktivistinnen vor kurzem in Paris besucht hat, die plötzliche Stimmung gegen Femen auf den Punkt.

Die fast schon militärische Organisation von Femen, die maue Diskussionskultur über feministische Themen, das geringe Interesse, sich Expertisen einzuholen, und die ignorante Rutschpartie über bestimmte Lebensumstände von Frauen - für einen kritischen Blick auf Femen gäbe es schon länger Anlass.

Doch sich nun wegen der (mitunter dünnen) Berichte über die männliche Einmischung und auch die ausgeprägten Ambitionen von Viktor Swijazki, es zum Femen-Chef bringen zu wollen, zu empören und Femen deswegen jegliche Legitimation abzusprechen - das zeugt von einem recht eindimensionalen Verständnis von feministischem Engagement. (Beate Hausbichler, dieStandard,at, 17.9.2013)

  • Femen, diesmal in Venedig und angezogen.
    foto: epa/ettore ferrari

    Femen, diesmal in Venedig und angezogen.

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