Beethoven und die Landwirtschaft

16. September 2013, 06:57
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Die 20. Ausgabe der Klangspuren Schwaz, die am Wochenende begann, steht unter dem Motto "Neue Musik und romantisches Erbe"

Schwaz - Es könnte auch Kirtag sein: Zwölf Herren mit Filzhüten und Lederhosen sitzen auf ihren herausgeputzten Traktoren, die sie vor der Kirche geparkt haben. Aber dann tritt ein Mann im Mantel vor sie hin, auf dessen Geheiß die Söllandler "PS-Giganten" die Motoren ihrer Gefährte starten und abstellen, ein Crescendo an Lärm (und Abgasen) entladen, um es wieder verebben zu lassen.

Der Komponist Sven-Åke Johansson war einst in einem Dorf in Sachsen gesessen und hatte sich vom Erntebetrieb derart gestört gefühlt, dass er beschloss, Rache an der Landwirtschaft zu nehmen und - wenigstens für die 20 Minuten seines Konzerts für 12 Traktoren (1996) - die Herrschaft über sie an sich zu reißen.

Nun erdröhnte das Stück zur Eröffnung der 20. Klangspuren Schwaz mitten im Stadtzentrum - und löste selbst bei strömendem Regen Begeisterung aus. Das Festival sei eben schräg und habe dennoch Bodenhaftung, hieß es danach beim Redenmarathon, wo sich auch der neue künstlerische Leiter Matthias Osterwold erstmals dem großen Publikum zeigte.

Tirol sei für ihn das "Urbild einer romantischen Landschaft", wenn auch "da und dort von der Zivilisation vernarbt", erklärte der gebürtige Hamburger, der bisher die MaerzMusik Berlin programmierte. Im Standard-Gespräch sagt er, er wolle die Klangspuren keineswegs neu erfinden, sondern auf der einzigartigen Verbindung von regionaler Verankerung und internationaler Beziehungen aufbauen, Letztere intensivieren und das Programm da und dort stringenter machen.

Zwingend durchkomponiert

"Neue Musik und romantisches Erbe": Für die erste Ausgabe unter seiner Verantwortung hat Osterwold ein Motto gewählt, das zugleich auf die Region Bezug nimmt und ein Thema aufrollt, das für das zeitgenössische Komponieren der vergangenen Jahrzehnte eine geradezu drängende Bedeutung erhalten hat.

"Lange Zeit hatten Musiker eine Abwehrhaltung gegenüber aller Tradition" , wie Osterwold bei der Eröffnung erklärte: "Gegen Ende des 20. Jahrhunderts gab es aber eine Rückbesinnung auf das romantische Erbe, die wir mit all ihren Brechungen, dialektischen Wendungen und Widersprüchen aufzeigen möchten."

Schon das Programm des Tiroler Landesorchesters Innsbruck (Leitung: Johannes Kalitzke) am Eröffnungsabend war subtil und zugleich zwingend durchkomponiert: Bevor sich die Uraufführung von Carola Bauckholts Brunnen dem "Romantischen" eher assoziativ näherte, wurde mit Friedrich Cerhas Paraphrase über den Anfang der 9. Symphonie von Ludwig von Beethoven (2010) zugleich ein zentraler Bezugspunkt für die Musik der Romantik gesetzt und auch die vielgleisige Tradition der Moderne in Erinnerung gerufen (von der Expressivität von Schönbergs Wiener Schule bis zu Strawinskys pulsierender Rhythmik).

Mit Dieter Schnebels Schubert-Phantasie (1978/89) und Aribert Reimanns Sieben Fragmente (in memoriam Robert Schumann) (1998) folgten nicht nur weitere wichtige Positionen des späten 20. Jahrhunderts, sondern auch zwei Namen, die mit etlichen Anknüpfungen verbunden sind, von denen die Klangspuren in den nächsten Wochen die Fäden aufgreifen und auch in Uraufführungen münden lassen werden. Auch der zentrale Komponist der Ensemble-Modern-Akademie, Hans Zender, fügt sich mit seiner "komponierten Interpretation" von Schuberts Winterreise ebenso wie mit seiner Neubefragung von Beethovens Diabelli-Variationen in das Gesamtkonzept, zu dem auch Lesungen und Gespräche, Musiktheateraufführungen sowie ein Lehrlingsprojekt gehören.

Und selbstverständlich darf auch heuer die traditionelle "Pilgerwanderung" nicht fehlen, die einen ganzen Tag lang von Station zu Stadion und von Konzert zu Konzert führt, wobei am betreffenden Sonntag die Traktoren im Heiligen Land Tirol mit Sicherheit im Stadl bleiben werden. (Daniel Ender, DER STANDARD, 16.9.2013)

  • Traktorenkonzert, dirigiert von Sven-Åke Johansson im Stadtzentrum von Schwaz.
    foto: david schreyer

    Traktorenkonzert, dirigiert von Sven-Åke Johansson im Stadtzentrum von Schwaz.

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