Kommentar der anderen: ...und was, wenn Jesus schwul war?

1. August 2003, 22:04
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Auch das darf doch einmal gefragt werden, oder? Die Klubobfrau der NÖ-Grünen tut es - weil sie über die päpstliche Ächtung der Legalisierung homosexueller Partnerschaften zutiefst empört ist. Und das nicht nur als Politikerin, sondern auch als Christin.

Gesetzt, die historische Forschung würde bislang unbekannte (oder auch zurückgehaltene) Quellen über das Privatleben Jesu entdecken - und nachweisen, dass Jesus schwul war? Was wäre dann, ihr hohen Herren im Vatikan? Doch wohl nicht der Scheiterhaufen wie für jene, die das heliozentrische Weltbild in die Naturwissenschaften einführten! (Die kirchlichen Astronomen wussten um die Richtigkeit der Erkenntnisse des Galilei!) Ein Kreuzzug gegen die Europäische Menschenrechts-Charta, Hexenprozesse gegen Politiker/innen, die auf Basis ihres Verfassungseides, ihrer felsenfesten Überzeugung, dass jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Rasse, der Religion, der sexuellen Orientierung, der Herkunft, nach körperlichen Merkmalen oder dem Gesundheitszustand bitteres Unrecht ist, für die zivilrechtliche Gleichstellung aller Lebensgemeinschaften eintreten?

Anmaßende Haltung

Meine Meinung als Politikerin: Der Vatikan ist hier eindeutig zu weit gegangen! Die Trennung von Staat und Kirche hat sich bewährt. Keine christliche Politikerin, kein Politiker muss für ihre/seine Überzeugung nach Canossa pilgern! Es steht dem Vatikan nicht zu, auch nur den Versuch zu wagen, katholische Politiker/innen mit der Behauptung einer fragwürdigen "sittlichen Pflicht" unter Druck zu setzen, so wie es der Politik nicht zusteht, Kirchennormen (im Rahmen der Verfassung, der Grund- und Freiheitsrechte) kraft ihres staatlichen Amtes infrage zu stellen. Die europäischen Verfassungen entspringen nicht einer nebulosen Entwicklung aus grauer Vorzeit, gehorchen keinem metaphysischen Prinzip, sondern waren bewusste Akte der Rechtssetzung. Sie sind eine bewusste Absage an zivile Vorrechte der Geburt, des Standes oder des Geschlechts.

Die Katastrophen der Weltkriege haben das Bewusstsein für die Bedeutung der Menschenrechte geschärft und lassen uns heute die Notwendigkeit der Absicherung des Katalogs der anerkannten Grundrechte auf Ebene der EU erkennen. Jede direkte oder indirekte (durch Benachteiligungen erzwungene) staatliche Bevormundung im Bereich des Privat- und Familienlebens ist nicht statthaft und verstieße gegen die rechtsstaatliche Pflicht von Politiker/innen, gleich welcher Religion sie angehören bzw. ob sie einer Religion angehören oder nicht.

Meine Meinung als Christin: Aus dem Leben Jesu ist bekannt, dass er prinzipiell auf der Seite der Schwachen, der wenig Geachteten, der Außenseiter/innen war, wenn er bei ihnen auch nur ein Quäntchen guten Willens fand. Anders als bei vielen antiken Texten werden ausdrücklich Frauen als Persönlichkeiten geschildert, Menschen am Rande der Gesellschaft, Aussätzige und Verachtete. Sie waren Jesus wichtig! Aus den biblischen Texten ist wenig bis nichts über das Familienleben und die sexuelle Orientierung der Menschen in der Umgebung Jesu bekannt - dies durchaus im Einklang mit anderen antiken Schriften; offenbar war das Jesus nicht wichtig. Mit Sicherheit gab es im Umfeld Jesu auch homosexuelle Menschen; hätte Jesus daran Anstoß genommen, dann hätte er's gesagt!

Rabulistische Tricks

Was nicht sittlich ist, hat Jesus in unmissverständlicher Deutlichkeit benannt: Herzlosigkeit, Ignoranz gegenüber anderen, Buchstabentreue statt Menschlichkeit. Schwul oder nicht schwul war für Jesus kein sittliches Kriterium; die, die das behaupten, müssen wohl "christlicher" als Christus sein - oder sich so fühlen.

Ich persönlich wundere mich immer wieder, welch rabulistischen Kunstgriffe regelmäßig hervorgezaubert wurden, um etwas in die Schriften hineinzuinterpretieren, was nicht da ist, und andererseits über eindeutige Reden Jesu hinwegzulesen, wie etwa über das Wort von der rechten und der linken Wange, also der Auftrag zur bedingungslosen Friedfertigkeit, zur Abrüstung. Mein Gewissen kommt zum selben Ergebnis wie mein staatspolitisches Pflichtbewusstsein: Lebensgemeinschaften sind jedenfalls zu respektieren und keinesfalls zu diskriminieren.

Der Staat kann ohne die kleinen Einheiten nicht funktionieren; auch der Staat braucht Menschen, die sich um ihre Nächsten sorgen und kümmern. Warum es schlechter sein soll, wenn ein Mann in Liebe seinen Partner betreut, wenn eine Frau ihre kranke Lebensgefährtin pflegt, als wenn eine Frau für ihren Mann sorgt, kann ich nicht erkennen. Dass der Staat diese kleinen Einheiten im Mietrecht, in der Zivilrechtsordnung weniger schützen soll als heterosexuelle Lebensbeziehungen, ist irrational, verfassungswidrig und - im christlichen Sinne - grausam.

Die extreme Fixierung der kirchlichen Autorität auf den Bereich der Sexualität in einer Welt voll Unfrieden, Ausbeutung und Leid erscheint mir immer wie eine merkwürdige Flucht vor den wirklichen Aufgaben der Christen. (Im Übrigen ist auch der Zölibat, der offenbar mit dieser seltsamen Fixierung zu tun hat, Menschenwerk, Kirchenwerk und nicht Gottes Auftrag!).

Seltsames Schweigen

Die katholische Kirche hat mit dieser Haltung bei homosexuellen Gläubigen unendlich viel Leid angerichtet! Sie hat Menschen, die ich kenne, die mir wichtig sind, in Verzweiflung gestürzt und andere förmlich aus der Kirche vertrieben.

Ich bleibe, weil Kirche wir alle sind und ich diese Meinung des Vatikan nicht meiner Kirche überlassen will. Als Christin werde ich zu dieser meiner Haltung in der Kirche stehen, so wie ich mich als Politikerin nicht vom Vatikan gängeln lasse.

PS: Warum schweigen dazu eigentlich sämtliche Politiker/ innen der ÖVP? (DER STANDARD, Printausgabe 02.08.2003)

Von Madeleine Petrovic
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