"Das Böse ist der Glaube zu wissen, was das Gute sei"

3. August 2003, 12:00
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Mit dem Zweifel beginnt die Moderne: der Wiener Philosoph Rudolf Burger im STANDARD-Interview

Unter den berufsbedingten Skeptikern ist er einer der polemischsten: Der Wiener Philosoph Rudolf Burger (Ordinarius an der Universität für angewandte Kunst) erregt mit seinen Aussagen verlässlich die heimische Öffentlichkeit. Eine breite Diskussion löste er zuletzt mit seinem "Plädoyer für das Vergessen" aus, in dem er sich strikt gegen die heutige "Gedenkpolitik" wendet. Die Fragen stellte Rüdiger Wischenbart.

Der STANDARD: Herr Burger, dürfen Polemiker zweifeln, oder schließt das eine das andere aus?

Rudolf Burger: Ich möchte Ihre Frage gern kontradiktorisch beantworten: Es gibt Polemiker, die Dogmatiker sind, aber sie müssen es nicht sein, so wenig wie Dogmatiker Polemiker sein müssen. Aber der Skeptiker ist zur Polemik verurteilt - so empfindet es zumindest der Dogmatiker. Der Skeptiker ist zunächst, auch wenn das abwertend klingt, parasitär am Dogmatiker. Er braucht ein Dogma, eine Lehre, eine These, der gegenüber er seine skeptische Attacke entwickelt. Das heißt natürlich nicht, dass er diese Äquipollenzattacke selbst als Wahrheit nimmt. Das Ziel ist, ein Unentschieden herzustellen, die "Isosthenie" (gleichwertiger Widerstreit von Argumenten, Red.), wie die Alten sagten.

Der Kern der skeptischen Position im Hellenismus, die sich aus dem Platonismus in Auseinandersetzung mit der Stoa und dem Epikureismus entwickelt hat, besteht darin zu sagen: Der Versuch des Erreichens des Guten, des Wahren, der "Eudämonie", ist selbst ein Fehler - durch den Eifer seiner Verfolgung, den er veranlasst. Oder lassen Sie es mich paradox formulieren: Das Gute ist auch für den Skeptiker das Gute. Aber zu glauben zu wissen, was es sei, ist ihm das Böse.

Der Skeptiker will das Pathos - das Wort bedeutet ja Leidenschaft - zerstören. Er will enttäuschungsresistent machen. Und dazu muss er die Wahrheit im Sinn einer Letztbegründung von moralischen, aber auch politischen Gesichtspunkten als unerreichbar darstellen. Das ist der innerste Witz der klassischen pyrrhonischen Skepsis, das ist sein ethischer Kern.

Der Zweifel kann natürlich sehr verschiedene Rollen spielen. Man könnte zugespitzt sagen: Die Moderne beginnt eigentlich zweimal, und beide Male beginnt sie mit dem Zweifel. Einmal mit Montaigne, das zweite Mal, ein halbes Jahrhundert später, mit Descartes. Aber die Rolle des Zweifels ist bei beiden eine vollkommen andere. Während Montaigne die Position "Was weiß ich?" entwickelt und sich so gut es geht an die Gebräuche hält, ohne der Moral mehr Wahrheitswert zuzuerkennen als etwa den Sitten bei Tisch - bei den Schotten heißt das später, in Nachfolge des Skeptikers Hume, eine Moral des "common sense" - sucht der Descartessche Zweifel in seiner Radikalität die absolute Sicherheit. Und diese Descartessche Radikalität wurde letztlich für die Moderne bestimmend - leider.

Der STANDARD: Es gibt einen niederen Bruder des Zweiflers, das ist der Querulant. Es ist ein sehr harter Vorwurf, jemandem zu sagen: Du bist ein Querulant. Skeptiker und Zweifler sind angesehen. Mich interessiert, ob es dazu ein Gegenstück gibt, den Zweifler als Underdog.

Burger: Wenn man die Geschichte über einen längeren Zeitraum betrachtet, würde ich nicht zustimmen, dass der Skeptiker ein hohes Prestige hatte. Vielleicht hat er es jetzt, in diesem historischen Moment. Aber der kann kurz sein, induziert durch die welthistorischen Umbrüche, die wir gerade erleben.

Die Skeptiker in der Philosophie, die sich auch als solche deklarieren, wie zum Beispiel Odo Marquard, waren über lange Zeit Außenseiter und wurden als Querulanten wahrgenommen. Das späte 19. und insbesondere das 20. Jahrhundert waren in ihren Ideologien dogmatisch wie der Katholizismus zu Zeiten Torquemadas. Der Vorwurf, ein Skeptiker zu sein, sich nicht einzusetzen, sich nicht zu engagieren für Ideale, für die Partei, für die Revolution, oder für die Gegenrevolution, das ist ein ungeheuer schwerer Vorwurf gewesen. Ich habe es selbst erlebt, als Odo Marquard bei der Gründung der österreichischen Gesellschaft für Philosophie - da war ich mit Marquard am Podium - zum roten Tuch wurde. Er war die Fläche des Angriffs. Also ich würde sagen, der Skeptiker hatte kein großes Prestige.

Es gibt ja auch einen verständlichen Wunsch von Menschen, zu wissen wo's langgeht, was das Richtige ist. Es gibt die Sehnsucht nach dem Dogma. Und das unterläuft der Skeptiker. Dass auch der Skeptiker zum Dogmatiker werden kann, das ist unbestritten. Skepsis ist, wie es die Alten genannt haben, eine Agogé, eine Lebenshaltung.

Der STANDARD: Einer der pointiertesten Punkte, an denen Zweifel ansetzen kann, ist die Politik der Erinnerung, also wenn erklärt wird, warum heute die Dinge sind, wie sie sind, und woher dies kommt. Sie haben sich bei diesem Thema eingemischt und heftige Prügel bezogen. Wie ist das Verhältnis des Skeptikers zur Geschichte, zur Erinnerung, und zum politischen Umgang mit Erinnerung?

Burger: Der Skeptiker wird sich in einer bestimmten Situation gegen eine herrschende Meinung richten, die Massen und aggressive Potenziale mobilisiert.

Lange Zeit habe ich mich auch in der Richtung geäußert, wie wichtig es sei, sich mit der österreichischen Vergangenheit auseinander zu setzen, die Nazizeit aufs Tapet zu bringen. Das hatte seine historische Richtigkeit. Ich denke aber, dass die Situation umgeschlagen ist, dass seit den 90er-Jahren, wahrscheinlich aber schon beginnend mit der Waldheim-Affäre, eine ungeheure moralische Heuchelei zu einem großen Atout der Politik geworden ist. Abgesehen davon, dass ich nach einem halben Jahrhundert niemandem die Authentizität des Entsetzens abnehme, wurde es zu einer billigen Spielmarke der Politik, mit der dogmatisch über die Pathetisierung der Geschichte Politik gemacht wurde. Dagegen habe ich mich gewendet. Darin besteht die politische Rolle des Skeptikers, das ist die Äquipollenzattacke (Argumentation zur Herstellung der Isosthenie, Red.): sich gegen eine bestimmte Aufgeregtheit zu stellen, die verlogen und gefährlich ist, mit der billiges Geschäft gemacht wird, andere Sachen verschüttet werden, aus der Debatte weggeschoben werden.

Meine theoretische Auseinandersetzung war vor allem die, dass ich die Verdrängungsthese für falsch halte, aus empirischen und aus theoretischen Gründen. Das Motiv, diese Äquipollenzattacke zu machen, ist die Entpathetisierung von Politik, die Beruhigung der Gemüter. Das geht selbst nicht, um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen, ohne Polemik: Denn in Situationen moralischer Erpressung ist Zynismus ein Ausdruck überlegener Sittlichkeit.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3. 8. 2003)

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