Ironie und Irritation

11. August 2003, 20:08
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Kunst-Spiele: Paul McCarthy, Damien Hirst und Jake & Dinos Chapman


Jake und Dinos Chapman bei der Arbeit:
Chess-Set, 2003

Man stelle sich vor, alle Kunstwerke des 20. Jahrhunderts wären plötzlich durch eine rätselhafte Katastrophe verschwunden und auf ebenso rätselhafte Weise hätte nur eine einzige Sammlung von Schachfiguren von Künstlern überlebt. Eine schreckliche Vorstellung gewiss, aber dennoch wäre es fleißigen Kunsthistorikern künftiger Generationen möglich, die verschiedenen Wege, Stile und Bewegungen der Kunst anhand dieser einen Sammlung, wie sie derzeit die Londoner Ausstellung "The Art of Chess" im Somerset House zeigt, zu rekonstruieren.

Das mechanische Ballett der Figuren und die streng begrenzte Geometrie des Raumes bot und bietet Künstlern von der frühen Avantgarde bis zur Gegenwart Struktur und Arena, um die Möglichkeiten gegenwärtiger Ästhetik in der Kleinplastik zu überprüfen. Vom Bauhaus-Schach von Josef Hartwig aus 1924, in der die Form der Figuren auf die Funktion reduziert ist, über die Schachspiele von Marcel Duchamp, Man Ray und Max Ernst zu den surrealistischen Schach-Phantasmen Paul Wunderlichs und Salvadore Dalis bis hin zu den konzeptuellen Fluxus-Sets reicht der Bogen.

Heute scheinen alle diese Traditionen gleichzeitig verfügbar zu sein. Die Schach-Sets der Künstler der unmittelbaren Gegenwart zeigen Abstraktion und Figuration wie eine Renaissance des Erzählens. Entfesselt wird ein ironisches Spiel mit der Aura des Schachspiels und den Strategien künstlerischer Gestaltung. Popkulturelle Elemente dominieren etwa im "Kitchen Set" von Paul McCarthy, ein ready-made Tableau aus der Küche des US-Künstlers, das zugleich einen Blick auf unsere bizarre Konsumwelt der Gegenwart ermöglicht. Kalt und elegant wirkt hingegen Damien Hirst's "Mental Escapology" aus Glas-und Silberfläschchen, offensichtlich eine Weiterführung seines obsessiven Interesses für Medizin, am provokantesten ist das Schach-Set von Jake und Dinos Chapman.

Der handbemalte Bronze-Guss der Meisterprovokateure der Brit-Art zeigt weiße und afroamerikanische Kinder als Schachfiguren, ein Goyasches Capricho in Schwarz und Weiß und eine Variation der "Tragischen Anatomien", wie der Titel einer ihrer Ausstellungen lautet. So unterschiedlich sie auch sein mögen, in allen Schach-Entwürfen ist stets auch ein doppelter Boden der Skepsis und Irritation eingebaut, am unbestimmbaren Ort zwischen ästhetischem Anything Goes und Rien ne va plus. (ruf & ehn/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

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