Im Zweifel: Drucken

10. August 2003, 17:14
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Journalisten irren - manchmal auch bewusst

Journalismus besteht aus 80 Prozent Nase, 15 Prozent Recherche und 5 Prozent Schreiben. Leider. Ich wünschte, das Literarische hätte mehr Gewicht, denn eigentlich wollen wir doch Heine, Tucholsky oder Kraus beerben, aber die traurige Wahrheit ist, dass Stil kaum zählt. Hingegen kommt es unbedingt darauf an, dass die Story stimmt, und dafür ist Recherche wichtig.

Trotzdem nur 15 Prozent? Ja, denn alles Recherchieren hilft nichts, wenn man keine Ahnung hat, wieso und wo. Wenn man falschen Fährten folgt. Wenn man nichts riecht, obwohl die Sache zum Himmel stinkt. Nase braucht man nicht nur, um Themen zu finden, sondern fast noch mehr, um welche loszuwerden. Die vornehmste Aufgabe für Journalisten besteht nicht darin, ständig frische Nachrichten in die Welt zu setzen, sondern faule aus der Welt zu schaffen.

Nachgebetete Behauptung

Woher kam zum Beispiel die Meldung, dass die US-Truppen in Bagdad das Erdölministerium rund um die Uhr bewacht hätten, während sie das Nationalmuseum schändlich plündern ließen? Es gibt für diese immer wieder nachgebetete Behauptung keinen fotografischen Beleg, und keiner der Korrespondenten, die ihre Berichte damit schmückten, hat in der fraglichen Zeit (zwischen dem 9. und 15. April) einen vor dem Ölministerium abgestellten Panzer oder einen Schießstand mit eigenen Augen gesehen - mit Ausnahme Robert Fisks vom Independent, dessen Glaubwürdigkeit jedoch, höflich gesprochen, variabel ist. Der Generalstab der US-Armee hat diese angebliche Ölministeriumsbewachung jedenfalls ausdrücklich dementiert. Aber das interessiert niemanden, denn vor dem Hintergrund des amerikanischen Kulturfrevels in Sachen Nationalmuseum passt die Story vom geschützten Ministerium einfach wunderbar.

Rührende Naivität

Doch obgleich jeder Kriminalkommissar in Film und Fernsehen skeptisch dreinschaut, wenn die Dinge zu gut passen, herrscht bei Journalisten meist eine rührende Naivität. In tiefer Ergriffenheit rezensierten sie das im Frühjahr bei Hoffmann & Campe erschienene Buch "Mitten in Afrika" von Ulla Ackermann; in alle möglichen Talkshows wurde die Autorin eingeladen, um von ihren schrecklichen Erlebnissen als Kriegsberichterstatterin zu plaudern: Leichenberge in Ruanda, blutverschmierte Mädchenleiber in Somalia, Handshake mit Osama Bin Laden, Gefängnisbesuch bei Nelson Mandela. Erst nach und nach meldeten sich ein paar namhafte Afrika-Korrespondenten zu Wort und gaben zu bedenken, dass sie Frau Ackermann - laut Verlagsmitteilung in Köln geborene "Tochter eines Zigeuners und einer Großbürgerin" - an keinem ihrer angeblichen Einsatzorte je begegnet seien. Und dass Nelson Mandela zur fraglichen Zeit gar keine Besucher empfangen durfte, nicht mal seine eigenen Kinder. Und dass es die Fernsehsender CBT in Großbritannien und TRN in Italien, für welche die Autorin gearbeitet haben wollte, gar nicht gibt.

Erste Zweifel

Letzteres zumindest hätte man, auch ohne ein Experte für den Schwarzen Kontinent zu sein, herausfinden können. Aber Ackermann und ihr Verlag gaben sich so kämpferisch, dass selbst der "Spiegel", der Mitte Mai als Erster Zweifel äußerte, noch ganz vorsichtig formulierte. Die Namen der Sender seien absichtlich verändert worden, hieß es. Dumm nur, dass auch kein einziger von Ackermanns zahlreichen Filmbeiträgen mehr auffindbar war. Zudem war unterdessen der Kameramann gestorben - genauso wie, welch grauenhafter Zufall, der Toningenieur. Dann plötzlich, Ende Juni, platzte die Seifenblase: Die Schwindlerin gestand den Schwindel, die Leute vom Verlag waren erschüttert und enttäuscht. Vor allem standen sie als Deppen da, die nicht einmal die windigsten Räuberpistolen überprüfen.

Der unvergessene Tom Kummer, der als "Hollywood-Korrespondent" für das Magazin der Süddeutschen Zeitung arbeitete, bis vor drei Jahren herauskam, dass er sich die Interviews mit Sharon Stone, Brad Pitt, Courtney Love e tutti quanti einfach aus den Fingern gesaugt hatte, verwies mit wunderbarer Nonchalance auf das Deppentum der zuständigen Redakteure: "Ich gehe davon aus, dass die Leute wissen, was sie tun, wenn sie mit mir in Kontakt treten." Doch offenbar hatte niemand die nötige Nase, um die Kummerschen Sensationen wenigstens verwunderlich zu finden. Genauso wie bei Wilkomirski, dem literarischen Hochstapler mit seinen schrecklichen, schrecklichen KZ-Erinnerungen: alles erlogen - und niemand hat Verdacht geschöpft. Genauso wie bei dem New York Times-Reporter Jayson Blair, der mit seinen systematischen Fälschungen das renommierte Blatt an einen "Tiefpunkt in 152 Jahren Zeitungsgeschichte" brachte. Genauso wie bei Michael Born, der bis 1996 diverse deutschsprachige Fernsehsender mit frisierten Enthüllungsstorys narrte.

Unerfahrenheit und stressbedingte Hudelei

Warum nur nimmt die Fälschungsquote so stark zu? Warum nur nimmt die Skepsis unter Journalisten so rapide ab? Erstens, es gibt - dank der rasenden Vermehrung der Medien und der Kanäle - immer mehr Journalisten, die für immer weniger Geld unter immer größerem Zeitdruck arbeiten. Unerfahrenheit und stressbedingte Hudelei bilden eine brisante Mischung, wenn es darum geht, sorgfältige und subtile Ermittlungen zu führen. Dazu ist nämlich Nase nötig. Eine Menge Allgemeinbildung, Kenntnis der Grundrechenarten, der wichtigsten Naturgesetze, einiger Geschichtsdaten - all das gehört zur großen Kunst der Plausibilitätsabschätzung, die das A und O journalistischer Arbeit bildet. Zwei Instrumente sind dabei unverzichtbar: Fantasie und Zweifel. Oft reicht es schon, sich das, was man gerade als brandheiße Geschichte hereingereicht bekommt, einmal ganz konkret vorzustellen, um zu bemerken, dass irgendetwas nicht passt. Aber oft reicht es auch nicht.

Denn zweitens gibt es die ewige gute Gesinnung, in deren Dienst so viele Falschdarstellungen zustande kommen. Insbesondere bei Reizthemen wie dem Umweltschutz brennen regelmäßig alle selbstkritischen Sicherungen durch: Vom Waldsterben über die Atomkraft bis zum Treibhauseffekt steht das meiste Geschriebene und Veröffentlichte in einem grotesken Missverhältnis zum Bewiesenen und Beweisbaren.

Das Talent einer guten Nase

Und drittens liegt eine der Ursachen für journalistische Fehlleistungen gewissermaßen in der Methodik selbst: Natürlich kann man nicht immer alles überprüfen. Natürlich kann man auch nicht alles Ungeprüfte mit distanzierenden Floskeln versehen. Es gibt einen breiten Strom von Informationen, auf die man sich zu verlassen einfach gewohnt ist. So wird man die vom Verlag gelieferte Biografie einer Autorin verwenden, ohne sie mutwillig in Zweifel zu ziehen. Doch das sind Reaktionsmuster im Rahmen der Normalität. Gegenstand journalistischer Behandlung ist aber oft das Abnormale, Außergewöhnliche. Diese Grenzlinie zu wittern: Das ist das Talent einer guten Nase. (DER STANDARD; Printausgabe, Album, 2./3.8.2003)

Von Burkhard Müller-Ullrich

Der Autor ist freier Publizist und Radiojournalist mit Basis Köln. Er hat unter anderem das Buch "Medienmärchen" (Siedler) veröffentlicht.
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