Hoc est enim corpus meum

8. August 2003, 11:39
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Markus Orths erzählt seinen ersten Roman entlang den 23 Abschnitten einer Messe

Ein Gentleman wie der verstorbene Kunsthistoriker Sir Ernst Gombrich pflegte sich beim Rezensieren an den Grundsatz zu halten, zuerst das vorzubringen, was sich für das Buch sagen ließ, um dann höflich, aber mit Bestimmtheit seine Einwände vorzubringen. Für Markus Orths' ersten Roman lässt sich vieles vorbringen. Zum Beispiel, dass er sich entschieden dem modischen Trend zur belanglosen, humorvollen Geschichte widersetzt, die gerade dabei ist, die lang propagierte so genannte Popliteratur abzulösen.

In Corpus geht es um einen jungen Mann, Christof, der um die Entscheidung ringt, Priester zu werden, keine klare Antwort erhält und es trotzdem tut, den Ruf des Lebens verspürt, ihm aber nur eingeschränkt folgt. Erzählt ist dieser unzeitgemäße Stoff aus der Sicht seines Freundes Paul, mit dem Christof eine gemeinsame Kindheit und eine alte Schuld verbindet. "Was zwischen uns liegt, trennt uns", sagt Paul, Sohn eines Winzers, als Christof nach Jahren des Schweigens eines Abends bei ihm auftaucht. Eine Nacht und einige Weinflaschen später ist es draußen, ist alles gesagt. Wirklich alles?

Markus Orths entwickelt die Geschichte durchaus originell und thematisch korrespondierend entlang den 23 Abschnitten einer Messe, gekonnt verschachtelt und das Interesse des Lesers an den verschiedenen Erzählsträngen immer wieder erneuernd. Mit einer Messe nämlich hat alles begonnen, einem unschuldigen Kinderspiel mit geklautem Wein, abgekratzten Oblaten und Moltofill-Weihrauch in einem Schuppen, verpetzt von Christofs Schwester Lisa, weswegen dieser der Geburtstagskuchen mit einer Moltofill-Mehl-Mischung verdorben werden sollte. "Es geschah dies aber nicht. Es geschah anderes."

Wie ein kleiner Schabernack zu einer großen Schuld, aber diese nicht zu Sühne, sondern zu einer Flucht in die Lebensferne führt, das erzählt Orths in einem sicheren, klaren Stil und einer plastischen Sprache, bei der vielleicht ein kleiner Hang zum Betulichen und zum Überdeutlichen aufstößt ("nach geglückter endgültiger Abkoppelung vom Elternhaus, nach sich mählich entwickelnder Eigenfindung", "umso tiefer sackte er in einen Sumpf aus Trug"). Und zunehmend die Überstrapazierung von unerhörten, grotesken Gegebenheiten, unverhofften Zusammentreffen und unnatürlichen Toden. Denn nicht nur Christofs Vater, der wider Erwarten "Pfannekuchen" zu essen verlangt noch vor dem Geburtstag der Verräterin, muss eines vorzeitigen (und nicht sehr würdigen) Todes sterben, sondern auch Pauls Vater und Christofs spätere Bekanntschaft Ina.

Ein Unbehagen aber bleibt nicht nur übrig, weil all die Schicksalsfügungen und -schläge nicht notwendig sind, sondern weil Orths seine tieferen und gerade deswegen interessanten Fragen zwar aufwirft, aber nicht zu Ende denkt. Wer richtig handelt, der schweigende Priester Christof oder der bekennende Homosexuelle Paul, der die Flucht nach vorne, in die schonungslose Wahrheit antritt, bleibt unbeantwortet, und das ist gut so. Aber was bedeutet für Christof der Priesterberuf wirklich? In der Nacht, in der er, eingeschlossen in einer Kirche, um seine Berufung, um Gewissheit fleht, erhält er keine Antwort.

Christof deutet dieses Schweigen als Zustimmung und seine innere Leere als Gelassenheit, als Demut, wähnt sich, mit Meister Eckhart, "frei von den Dingen, frei von sich selbst". Bis er auf Kai und Ina trifft, den verkrachten Schauspieler und nunmehrigen Taxifahrer, der Fahrgäste mit Literaturzitaten aufschreckt, und die Studentin und leidenschaftliche Kletterin, verliebt in Ungewissheit, Gefahr und scharfe Speisen. Was sucht und was findet Christof in seinem Gott, und warum ist er zum Schluss immer noch zu feige, sich ganz dem Leben zuzuwenden, der Berührung, die Kai und Ina ihm gezeigt haben und in der ihn zum ersten Mal der Schmerz einholt über die Schuld am Tod des Vaters? Eine Schuld, die leider nirgends reflektiert wird, so wie Pauls (Mit)schuld am Tod des seinen. So wie das dazugehörige Thema der Sühne. So wie die Geschlechtertheorie Inas, das akademisch anmutende Referat eines bekannten Buchs von Thomas Laqueur, wohl ein Deutungsversuch des Themas Homosexualität, der wie ein Fremdkörper im Text liegt.

So bleibt am Schluss manches offen. Aber vieles, über das es sich weiterzudenken lohnt. Und das ist ja nicht das Schlechteste, was sich über ein Buch sagen lässt. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

Von Kirstin Breitenfellner
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